
Der Wunsch, nach Italien zu ziehen, ist für viele Menschen aus Deutschland längst kein exotischer Gedanke mehr. Ob wegen des Klimas, der Lebensart oder familiärer Verbindungen, die Motive sind vielfältig, die Wege dorthin selten eindeutig. Wie ein solcher Schritt konkret aussehen kann, zeigt das Beispiel von Madelaine Bernardy, 33 Jahre alt. Ihr Weg nach Italien war weder geplant noch geradlinig, sondern entwickelte sich über mehrere Stationen hinweg.
Erste Station: Basel in der Schweiz
Geboren und aufgewachsen im Schwarzwald, verließ Bernardy Deutschland bereits früh. Mit 22 Jahren zog sie in die Schweiz und ließ sich in Basel nieder. Dort arbeitete sie als Erzieherin, fand berufliche Stabilität und ein funktionierendes Umfeld. „Ich hatte einen sehr guten Job und war dort auch ziemlich glücklich“, sagt sie. Italien spielte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle als möglicher Lebensmittelpunkt, sondern eher als Reiseziel.
Das änderte sich im Jahr 2015. Auf einer Italienreise lernte sie ihren heutigen Partner kennen, der in Lucca in der Toskana lebt. Was folgte, war kein spontaner Umbruch, sondern eine lange Phase des Pendelns zwischen zwei Ländern. „Wir führten danach eine fünfjährige Fernbeziehung“, erzählt Madelaine. Über Jahre hinweg blieb ihr Alltag in der Schweiz verankert, während Italien zunächst mit Beziehung, Reisen und Besuchen verbunden blieb.
Den Lebensmittelpunkt nach Lucca verlagert
Erst nach diesen fünf Jahren fiel die Entscheidung, den Lebensmittelpunkt zu verlagern. Der Umzug nach Italien fiel dabei in eine Lebensphase, in der mehrere Veränderungen zusammenkamen. Madelaine wurde schwanger, lebte zum ersten Mal mit einem Partner zusammen und kam in einer Zeit an, die durch die Corona-Beschränkungen zusätzlich erschwert wurde. „Der Anfang war sicherlich nicht einfach für mich“, sagt die junge Frau. „Ich wurde zum ersten Mal Mutter und fühlte mich oft sehr einsam.“ Kontakte ließen sich nur langsam aufbauen, vieles spielte sich zunächst im privaten Rahmen ab.

Trotz dieser Umstände begann sie, sich Schritt für Schritt einen Alltag in Lucca zu schaffen. Sie lebte in einer großen Villa, in der sie ein Zimmer untervermietete. „Ich habe ein Airbnb geführt“, erzählt sie. Parallel dazu erhielt sie über ihren Partner, der als Geometra arbeitet, Einblicke in den lokalen Immobilienmarkt. „Ich konnte viele Wohnungen und Häuser kennenlernen.“ Damit öffnete sich für sie ein Bereich, der für viele Zugezogene in Italien eine zentrale Rolle spielt.
Lucca: Neue berufliche Perspektive in Immobilienagentur
Lucca gehört zu den Städten, die in den vergangenen Jahren deutlich internationaler geworden sind. Immer mehr Menschen aus dem Ausland interessieren sich für Wohnen, Kaufen oder Mieten innerhalb der historischen Stadtmauern oder im Umland. Madelaine begegnete in dieser Zeit zunehmend Menschen, die Unterstützung suchten. Bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen oder schlicht beim Ankommen. Aus diesen Begegnungen entwickelte sich eine neue berufliche Perspektive.
„Ich entschied mich, in einer Immobilienagentur zu arbeiten“, erinnert sie sich. Dort ist sie bis heute tätig. „Ich habe schon einige Häuser verkauft und vielen Leuten geholfen, Mietobjekte zu finden.“ Ihre eigene Erfahrung als Zugezogene spielt dabei eine wichtige Rolle. Sie kennt nicht nur die formalen Abläufe, sondern auch die Unsicherheiten, die mit einem Neuanfang in einem anderen Land verbunden sind.
Der Vergleich mit Deutschland bleibt präsent
Auch nach mehreren Jahren in Italien bleibt für die Schwazwälderin der Vergleich mit Deutschland präsent. „Was mir in Italien manchmal fehlt, ist die deutsche Ruhe“, sagt sie. Gespräche, Spielplätze oder Restaurants seien oft lauter und ungeordneter. Um Abstand zu gewinnen, kehrt sie regelmäßig in den Schwarzwald zurück. Gleichzeitig schätzt sie die andere Seite des Lebens in Italien. „Ich liebe die Herzlichkeit der Italiener und das Unperfekte.“

Heute lebt Madelaine Bernardy mit ihrem italienischen Partner und ihrer Tochter in Lucca. „Meine Tochter wächst zweisprachig auf und hat sowohl eine deutsche als auch eine italienische Seite“, sagt sie. Welche kulturelle Prägung später stärker sein wird, lässt sie offen. Für sie gehört diese Doppelheit inzwischen ganz selbstverständlich zum Alltag.
Als „germangirlintuscany“ auf Instagram unterwegs
Neben ihrer beruflichen Tätigkeit teilt Madelaine Einblicke in ihr Leben in Italien auch online. „Ich habe einen Instagram-Kanal, auf dem ich über meinen Alltag berichte“, sagt sie. Dort erzählt sie als „germangirlintuscany“ von ihrem Leben in Lucca, gibt Hinweise zu Ausflügen und Restaurants und zeigt Immobilien in unterschiedlichen Preisklassen. Rund 4.600 Menschen folgen ihr dort inzwischen.
Ihr Weg nach Italien ist kein Leitfaden und keine Anleitung. Er ist ein Fallbeispiel dafür, wie eine Auswanderung heute oft funktioniert: nicht als Bruch, sondern als Entwicklung. Geprägt von Beziehungen, Arbeit und der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.
📍 Lucca – kurz eingeordnet
- Lage: Nördliche Toskana, etwa 20 Kilometer von Pisa und rund eine Autostunde von Florenz entfernt
- Einwohner: knapp 90.000
Lucca gehört zu den wenigen italienischen Städten, deren Stadtmauer aus der Renaissance vollständig erhalten ist. Sie umschließt die Altstadt auf rund vier Kilometern und wird heute als Spazier- und Radweg genutzt.
Das Zentrum ist geprägt von engen Gassen, kleinen Plätzen und romanischen Kirchen. Besonders bekannt ist die Piazza dell’Anfiteatro, die auf den Grundmauern eines römischen Amphitheaters errichtet wurde.
Historisch war Lucca lange eine eigenständige Republik. Bis heute gilt die Stadt als wenig spektakulär, aber lebenswert und bodenständig, mit starkem Alltagsbezug und vergleichsweise wenig Massentourismus.















































