Start Aktuelles Das italienische Schulsystem einfach erklärt: Aufbau, Schularten, Noten

Das italienische Schulsystem einfach erklärt: Aufbau, Schularten, Noten

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Ein modern ausgestatteter Klassenraum, wie er im heutigen italienischen Schulsystem typisch für viele Grundschulen ist. (Symbolfoto: © Bastian Glumm)
Ein modern ausgestatteter Klassenraum, wie er im heutigen italienischen Schulsystem typisch für viele Grundschulen ist. (Symbolfoto: © Bastian Glumm)

Wer als deutsche Familie nach Italien zieht oder dort für einige Jahre lebt, begegnet einem Schulsystem, das auf den ersten Blick vertraut wirkt und dann doch ganz anders funktioniert. Wo in Deutschland Länderhoheit herrscht, hat in Italien das Bildungsministerium in Rom das Sagen. Wo deutsche Schulen immer stärker auf Ganztag setzen, endet der Unterricht in Italien vielerorts gegen Mittag. Und wo in Deutschland Zensuren von 1 bis 6 vergeben werden, orientiert sich Italien an einer Skala von 0 bis 10 Punkten. Ein genauer Blick zeigt jedoch, dass das System logisch aufgebaut ist und Kindern wie Eltern durchaus Chancen bietet, wenn man seine Struktur einmal verstanden hat.

Ein System mit klaren Stufen

Der Bildungsweg italienischer Kinder beginnt häufig in der scuola dell’infanzia, der Vorschule. Sie ist freiwillig, aber fast alle drei- bis sechsjährigen Kinder nehmen daran teil. Der Tagesablauf ähnelt einem deutschen Kindergarten, allerdings mit etwas stärkerem Bildungsanspruch: Sprache, soziale Kompetenzen und Motorik werden gezielt geschult. Für Kinder, die aus dem Ausland kommen, ist diese Phase oft entscheidend, um Italienisch schnell zu lernen.

Mit sechs Jahren beginnt die scuola primaria, die fünf Jahre dauert. Sie entspricht weitgehend der deutschen Grundschule, allerdings ohne die frühe Aufteilung in verschiedene weiterführende Schularten. Die Kinder bleiben meist in stabilen Klassenverbänden, die Lehrkräfte wechseln teils zwischen Klassenlehrer- und Fachlehrerrollen. Unterrichtet wird vormittags – häufig bis 13 Uhr –, Ganztagsklassen mit Mensa gibt es vor allem in größeren Städten. Auffällig für deutsche Eltern ist der starke Rhythmus aus Unterrichtsblöcken am Vormittag und Hausaufgaben am Nachmittag.

Die Mittelschule in Italien umfasst drei Jahre

Nach der Grundschule folgt die scuola secondaria di primo grado, die Mittelschule, die drei Jahre umfasst. Sie ist die Phase, in der der Unterricht deutlich fachbezogener wird: Neben Italienisch, Mathematik und Geschichte stehen Naturwissenschaften, eine zweite Fremdsprache oder technologische Grundlagen auf dem Stundenplan. Am Ende der dritten Klasse legen die Jugendlichen eine Abschlussprüfung ab, die ihren Wechsel in die Oberstufe vorbereitet.

Die scuola secondaria di secondo grado, die Oberstufe, prägt den italienischen Bildungsweg entscheidend. Sie dauert fünf Jahre und umfasst drei Schultypen. Der Liceo ist der akademischste Weg und bereitet auf die Universität vor – mit Schwerpunkten etwa in Naturwissenschaften, klassischen Sprachen, Kunst oder Pädagogik. Die istituti tecnici kombinieren theoretische Grundlagen mit technischer oder wirtschaftlicher Praxis. Die istituti professionali wiederum führen stärker in handwerkliche und dienstleistungsorientierte Berufsfelder ein. Alle Wege enden mit der Maturità, einer landesweit geregelten Abschlussprüfung, die dem deutschen Abitur ähnelt und zum Studium berechtigt.

Schulpflicht und flexible Bildungswege

Die Schulpflicht endet in Italien erst mit 16 Jahren. Bis dahin müssen Kinder und Jugendliche am Unterricht teilnehmen, egal, ob sie italienische oder ausländische Staatsbürger sind. Danach besteht eine Art „Bildungspflicht“, die dazu verpflichtet, bis 18 Jahren entweder einen weiterführenden Abschluss oder eine berufliche Qualifikation zu erwerben.

Eine Besonderheit: Auch Hausunterricht ist möglich, allerdings unter strengen Bedingungen. Eltern müssen nachweisen, dass sie das Lernniveau selbst gewährleisten können und Kinder legen Prüfungen an staatlichen Schulen ab.

Noten, Zeugnisse und das Phänomen der Klassenwiederholung

Das italienische Notensystem gehört zu den größten Umstellungsmomenten für deutsche Eltern. Bewertet wird auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 6 die Mindestnote zum Bestehen ist. Eine 7 gilt als solide, eine 8 als gut, 9 und 10 sind sehr stark, aber keineswegs die Regel. In der Grundschule wird zum Teil noch mit verbalen Einschätzungen gearbeitet, doch spätestens in der Mittelschule dominieren Ziffernnoten. Zeugnisse werden zweimal im Jahr ausgegeben. Auffällig: Nicht nur die fachlichen Leistungen stehen im Mittelpunkt, sondern auch das Verhalten, das separat bewertet wird.

Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist die vergleichsweise häufige Klassenwiederholung. Wenn Schüler in mehreren Fächern unter der Bestehensgrenze bleiben, entscheidet der Klassenrat über eine Wiederholung. Besonders in der Oberstufe gibt es oft eine Zwischenstufe: Schüler mit schlechten Noten müssen in den Sommerferien Lernaufgaben bewältigen und Nachprüfungen ablegen. Erst dann steht fest, ob sie versetzt werden. In Italien wird das Wiederholen einer Klasse weniger als Makel gesehen denn als notwendige Unterstützung, um Lernlücken zu schließen. Für deutsche Familien kann das dennoch ein Kulturschock sein.

Was Schule in Italien kostet

Staatliche Schulen sind grundsätzlich kostenlos, auch für Kinder von Auswanderern aus Deutschland, aber Eltern müssen mit spürbaren Nebenkosten rechnen. In der Grundschule werden die meisten Bücher gestellt, in der Mittel- und Oberstufe hingegen nicht: Familien zahlen mehrere Hundert Euro pro Jahr für Schulbücher und Materialien. Dazu kommen Ausgaben für Sportkleidung, Hefte, Kopien und, falls vorhanden, die Mensa.

Viele Schulen erheben einen „freiwilligen Beitrag“, der Projekte und digitale Ausstattung finanziert. Zwar muss ihn niemand zahlen, doch viele tun es, weil Schulen ansonsten wichtige Angebote nicht stemmen könnten.

Schülerinnen und Schüler einer Grundschule beim gemeinsamen Arbeiten im Klassenzimmer. Eine typische Lernsituation im italienischen Schulsystem. (Foto: © lithiumphoto / Adobe Stock)
Schülerinnen und Schüler einer Grundschule beim gemeinsamen Arbeiten im Klassenzimmer. Eine typische Lernsituation im italienischen Schulsystem. (Foto: © lithiumphoto / Adobe Stock)

Der italienische Schultag: Ein langer Nachmittag zuhause

Der klassische italienische Schultag beginnt um 8 Uhr und endet oft gegen 13 Uhr. Nur wenige Schulen bieten Ganztagsunterricht an, und selbst dort sind freie Nachmittage keine Seltenheit. Dieser Rhythmus prägt das Familienleben deutlich: Kinder essen meist zuhause, die Nachmittage gehören Hausaufgaben, Sportvereinen, Musikschulen oder der Pfarrjugend. Für berufstätige Eltern ohne familiäre Unterstützung kann das eine Herausforderung sein. Deshalb sind Ganztagsplätze, wo vorhanden, oft stark nachgefragt.

Internationale Studien wie PISA zeigen Italien im soliden Mittelfeld. In Lesekompetenz schneiden italienische Schülerinnen und Schüler regelmäßig leicht über dem OECD-Durchschnitt ab, in Mathematik und Naturwissenschaften etwas darunter. Ähnlich wie in Deutschland gibt es starke regionale Unterschiede: Der industrialisierte Norden erzielt bessere Ergebnisse als der strukturschwächere Süden. Gleichzeitig sind sowohl Italien als auch Deutschland mit ähnlichen Problemen konfrontiert: Leistungsrückgänge nach der Pandemie, Fachkräftemangel in Schulen und wachsende soziale Ungleichheiten.

Was deutsche Eltern wissen sollten

Der wichtigste Faktor für Kinder aus deutschsprachigen Familien ist die Sprache. Wer früh in die scuola dell’infanzia geht, hat oft einen deutlich leichteren Start. Auch Sportvereine, Musikschulen und Freizeitgruppen helfen beim Spracherwerb und beim Zugang in die Klassengemeinschaft. Zweitens lohnt es sich, die Schulwahl nicht vom Ruf, sondern von den Stärken des eigenen Kindes abhängig zu machen. Der Liceo ist anspruchsvoll und theorielastig; ein istituto tecnico oder professionale kann für viele Kinder der passendere und erfolgreichere Weg sein.

Drittens sollten Eltern das Notensystem neu interpretieren. Eine 6 bedeutet nicht „gerade so durch“, sondern schlicht „bestanden“. Eine 7 ist völlig in Ordnung, eine 8 gut. Der Druck entsteht häufig erst durch falsche Vergleiche mit dem deutschen System. Und schließlich: Kommunikation ist alles. Italienische Schulen setzen stark auf persönliche Gespräche, Elternsprechstunden und sogar WhatsApp-Klassenchats. Viele Informationen laufen auf kurzem Weg über Elternvertretungen und Fragen werden im Alltag oft schneller beantwortet als offiziell über das Schulsekretariat.

Für die Einschreibung in eine italienische Schule benötigen Familien in der Regel einige grundlegende Unterlagen. Dazu gehört vor allem der codice fiscale, die persönliche italienische Steuernummer, die auch für Kinder ausgestellt wird. Sie dient Schulen und Behörden als eindeutige Identifikationsnummer. Ergänzend werden meist ein Ausweisdokument, der Nachweis des Wohnsitzes sowie, je nach Region, die Impfbescheinigungen verlangt. Es lohnt sich daher, den codice fiscale frühzeitig zu beantragen, um den Einschreibeprozess reibungslos abzuschließen.

Infokasten: Die wichtigsten Fakten zum italienischen Schulsystem

Schulpflicht:
10 Jahre – von 6 bis 16 Jahren. Danach Bildungspflicht bis 18.

Schulstufen:
• Scuola dell’infanzia (3–6 Jahre, freiwillig)
• Scuola primaria (5 Jahre)
• Scuola secondaria di primo grado (3 Jahre)
• Scuola secondaria di secondo grado (5 Jahre: Liceo, Tecnico, Professionale)

Abschluss:
Maturità – staatliche Abschlussprüfung, vergleichbar mit dem Abitur.

Notensystem:
0–10 Punkte, 6 = bestanden. 7 solide, ab 8 gut.

Unterrichtszeiten:
Häufig 8.00–13.00 Uhr, vor allem an Grund- und Mittelschulen. Ganztag (tempo pieno) regional unterschiedlich verfügbar.

Kosten:
Staatliche Schulen sind kostenlos. Bücher in der Grundschule gratis, ab Mittelschule kostenpflichtig (mehrere hundert Euro pro Jahr).

Klassenwiederholung:
In Italien gängig. Klassenrat entscheidet bei Noten unter 6.

Besonderheit:
Stark zentralisiertes Bildungssystem – Regeln gelten landesweit einheitlich.

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