Start Aktuelles Herculaneum im Winter: Ein Rundgang durch die antike Stadt

Herculaneum im Winter: Ein Rundgang durch die antike Stadt

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Die schmalen Straßen von Herculaneum verdeutlichen die dichte, auf Fußverkehr ausgerichtete Stadtstruktur der antiken Küstenstadt. (Foto: © Bastian Glumm)
Die schmalen Straßen von Herculaneum verdeutlichen die dichte, auf Fußverkehr ausgerichtete Stadtstruktur der antiken Küstenstadt. (Foto: © Bastian Glumm)

Herculaneum gehört zu den eindrucksvollsten archäologischen Stätten Süditaliens. Nicht wegen seiner Monumentalität, sondern wegen seiner außergewöhnlichen Detailtiefe. Ende Dezember bot sich die Möglichkeit, die antike Stadt ohne nennenswerten Besucherandrang zu erkunden. In dieser ruhigen Jahreszeit lässt sich besonders gut nachvollziehen, worin die besondere Qualität der Ausgrabungsstätte liegt: in der klaren Struktur, im hohen Erhaltungsgrad und in der unmittelbaren Nähe zum alltäglichen Leben der römischen Bevölkerung des 1. Jahrhunderts.

Herculaneum: Stadtanlage und Dimensionen

Im Vergleich zu Pompeji wirkt Herculaneum auf den ersten Blick kleiner und kompakter. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bislang nur ein Teil der antiken Stadt freigelegt wurde. Große Bereiche liegen noch immer unter der modernen Stadt Ercolano und sind bis heute nicht ausgegraben. Die heutige Ausgrabungsfläche zeigt daher keinen vollständigen Stadtgrundriss, sondern einen repräsentativen Ausschnitt der einstigen Siedlung.

Gerade dieser freigelegte Bereich vermittelt jedoch einen sehr dichten Eindruck römischer Stadtbebauung. Die Ausgrabungsstätte liegt mehrere Meter unter dem heutigen Straßenniveau. Besucher gelangen über moderne Zugänge hinab auf das originale römische Straßennetz, wodurch die Topografie und die baulichen Strukturen der Stadt besonders anschaulich werden. Die Wege sind kurz, die Orientierung ist einfach, und städtische Zusammenhänge bleiben jederzeit gut nachvollziehbar.

Der Blick entlang einer Hauptstraße macht die kompakte Bebauung und den überschaubaren Charakter der freigelegten Stadtbereiche deutlich. (Foto: © Bastian Glumm)
Der Blick entlang einer Hauptstraße macht die kompakte Bebauung und den überschaubaren Charakter der freigelegten Stadtbereiche deutlich. (Foto: © Bastian Glumm)

Vertikale Stadt und Straßenbild

Ein prägendes Merkmal Herculaneums ist seine kompakte, stark verdichtete Bebauung mit ausgeprägter vertikaler Struktur. Viele Gebäude waren mehrstöckig, und in mehreren Häusern sind Obergeschosse, Treppenläufe und Balkone erhalten geblieben. Dieses Element ist in Pompeji nur selten zu finden und trägt entscheidend dazu bei, dass Herculaneum besonders lebensnah wirkt.

Die Straßen sind überwiegend schmal, insbesondere abseits der Hauptachsen, und weisen kaum Spuren intensiven Wagenverkehrs auf. Bordsteine, Entwässerungsrinnen und Hauseingänge liegen eng beieinander, was den Eindruck einer klar auf Fußverkehr ausgerichteten Wohnstadt verstärkt. Dabei handelt es sich nicht um einen grundsätzlichen Unterschied zu Pompeji, wo ebenfalls viele Straßen eng sind. Der Unterschied liegt vielmehr im Nutzungsprofil: Pompeji verfügte über mehrere breite Hauptachsen und Kreuzungen, die deutlich auf Handel und Wagenverkehr ausgelegt waren. In Herculaneum dominierte hingegen der lokale Fußverkehr, was sich im insgesamt ruhigeren und stärker wohnorientierten Straßenbild widerspiegelt.

Erhaltungszustand und archäologische Besonderheiten

Der außergewöhnliche Erhaltungszustand Herculaneums erklärt sich durch die Art der Verschüttung beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 nach Christus. Extrem heiße pyroklastische Ströme zerstörten alles Leben, konservierten jedoch zahlreiche Bauelemente. Dadurch blieben Strukturen erhalten, die in Pompeji weitgehend fehlen.

Gut erhaltene Mosaikböden in den Wohnhäusern zeigen den hohen Wohnstandard und die Detailtiefe, die Herculaneum von Pompeji unterscheidet. (Foto: © Bastian Glumm)
Gut erhaltene Mosaikböden in den Wohnhäusern zeigen den hohen Wohnstandard und die Detailtiefe, die Herculaneum von Pompeji unterscheidet. (Foto: © Bastian Glumm)

Zu sehen sind verkohlte Holzbalken, Türrahmen, Fensterläden, Treppen und Reste von Möbeln. Auch organische Materialien wie Holz und Lebensmittelreste konnten nachgewiesen werden. Wandmalereien und Mosaikböden wirken vielerorts erstaunlich gut erhalten und vermitteln einen differenzierten Eindruck von Wohnkomfort, Geschmack und sozialer Stellung der damaligen Bewohner.

Wohnhäuser, Läden und soziale Nähe

Herculaneum zeigt eine bemerkenswerte räumliche Nähe unterschiedlicher sozialer Schichten. Großzügige, aufwendig ausgestattete Wohnhäuser liegen unmittelbar neben kleinen Werkstätten, Verkaufsräumen und einfachen Wohnbereichen. Diese unmittelbare Nachbarschaft macht soziale Unterschiede sichtbar, ohne sie räumlich zu trennen.

Viele Gebäude sind gut erschlossen und verständlich dokumentiert. Küchen, Latrinen, Vorratsräume und Schlafbereiche lassen sich klar identifizieren. Der Schwerpunkt der Ausgrabungsstätte liegt eindeutig auf dem privaten und wirtschaftlichen Alltag der Stadtbewohner und weniger auf repräsentativen Großbauten.

Öffentliche Gebäude und Infrastruktur

Trotz der begrenzten ausgegrabenen Fläche verfügte Herculaneum über eine gut entwickelte öffentliche Infrastruktur. Besonders die Thermenanlagen zählen zu den am besten erhaltenen römischen Badeanlagen überhaupt. Heizsysteme, Wasserbecken, Umkleideräume und technische Details sind klar erkennbar und vermitteln einen anschaulichen Eindruck von der römischen Badekultur.

Auch das Wasserversorgungssystem lässt sich in Teilen nachvollziehen. Brunnen, Leitungen und Abwasserkanäle belegen den hohen technischen Standard der Stadt. Informationstafeln vor Ort unterstützen das Verständnis, ohne den Rundgang zu überfrachten.

In den Bootshäusern am antiken Strand wurden die Skelette von Bewohnern gefunden, die hier auf Rettung über das Meer hofften. (Foto: © Bastian Glumm)
In den Bootshäusern am antiken Strand wurden die Skelette von Bewohnern gefunden, die hier auf Rettung über das Meer hofften. (Foto: © Bastian Glumm)

Die Bootshäuser und die letzte Phase der Stadt

Ein besonders eindrücklicher Bereich der Ausgrabungsstätte sind die ehemaligen Bootshäuser am antiken Strand. Hier wurden die Skelette zahlreicher Bewohner gefunden, die offenbar auf Rettung über das Meer hofften. Die Funde zeigen, dass die Menschen nicht durch Asche erstickten, sondern durch die extreme Hitze der pyroklastischen Ströme starben. In Pompeji hingegen sind die Opfer meist nur indirekt präsent. Dort wurden die Hohlräume der verwesten Körper später mit Gips ausgegossen, um ihre Formen sichtbar zu machen.

Dieser Bereich vermittelt das kollektive Schicksal einer Bevölkerung und erlaubt einen nüchternen, zugleich eindringlichen Blick auf die letzten Stunden der Stadt. Der ehemalige Küstenverlauf macht zudem deutlich, welche Rolle Herculaneum als Wohn- und Rückzugsort wohlhabender Römer spielte.

Herculaneum: Anreise und Parken

Unsere Anreise nach Herculaneum erfolgte mit dem Auto. Von Pozzuoli aus beträgt die Fahrzeit etwa eine halbe Stunde. Ende Dezember verlief die Strecke ohne nennenswerte Verzögerungen, die Ankunft am späten Vormittag war problemlos.

Wir haben direkt am offiziellen Parkplatz in unmittelbarer Nähe der Ausgrabungsstätte geparkt. Die Parksituation erwies sich in der Nebensaison als entspannt, eine vorherige Reservierung war nicht erforderlich. Der Parkplatz liegt fußläufig zum Eingang, die Gebühren bewegten sich im Bereich von etwa zwei Euro pro Stunde. Insgesamt erwies sich der Besuch organisatorisch als unkompliziert und gut planbar.

Unterschiede zu Pompeji

Herculaneum ist überschaubarer, dichter bebaut und stärker auf Wohnnutzung ausgerichtet als Pompeji. Der Erhaltungszustand ist in vielen Bereichen besser, insbesondere bei organischen Materialien und mehrgeschossigen Gebäuden. Pompeji bietet dagegen größere Plätze, mehr Monumentalbauten und ein breiteres Spektrum öffentlicher Einrichtungen. Während Pompeji das Bild einer römischen Großstadt vermittelt, erlaubt Herculaneum einen konzentrierten, detailreichen Blick auf den Alltag in einer wohlhabenden Küstenstadt.

Unser persönlicher Eindruck: In Pompeji waren wir zuletzt im Sommer 2023. Tausende Touristen bevölkerten zu dieser Zeit die weitläufige Ausgrabungsstätte. Unser Besuch in Herculaneum dagegen war entspannt, im Dezember bleiben Touristenmassen aus. Zudem wirkte die Ausgrabungsstätte auf uns deutlich „intensiver“ und auch authentischer, als das in Pompeji der Fall war. So oder so: Wer sich für römische Geschichte interessiert, sollte beiden Orten unbedingt einen Besuch abstatten.

Herculaneum – Besucherinfos auf einen Blick

Adresse:
Parco Archeologico di Ercolano
Corso Resina 187
80056 Ercolano (NA), Italien

Homepage:
https://ercolano.cultura.gov.it

Öffnungszeiten:
Täglich geöffnet
Winter (ca. November–März): meist 8.30–16.30 Uhr
Sommer (ca. April–Oktober): verlängerte Öffnungszeiten bis in den frühen Abend
Letzter Einlass in der Regel etwa 90 Minuten vor Schließung

Eintrittspreise:
Regulär: ca. 13 Euro
Ermäßigt: ca. 2 Euro (EU-Bürger 18–25 Jahre)
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: kostenlos
Kombitickets mit weiteren archäologischen Stätten der Region erhältlich

Anreise:
Mit dem Auto gut erreichbar, offizieller Parkplatz in unmittelbarer Nähe der Ausgrabungsstätte. Parkgebühren vor Ort, in der Regel etwa 2 Euro pro Stunde
Alternativ Anreise mit der Circumvesuviana (Haltestelle „Ercolano Scavi“)

 

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