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Die andere Toskana: Wie Autor Dietmar W. Brandt die Lunigiana entdeckte

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Dietmar W. Brandt skizziert vor Ort Architektur und Plätze. Viele Motive seines Buches entstanden direkt im Alltag der Region. (Foto: © Dietmar W. Brandt)
Dietmar W. Brandt skizziert vor Ort Architektur und Plätze. Viele Motive seines Buches entstanden direkt im Alltag der Region. (Foto: © Dietmar W. Brandt)

Die Toskana gilt als eine der meistbeschriebenen Regionen Italiens. Weinberge, Zypressen, Naturstein-Agriturismi und perfekt inszenierte Landschaften prägen das Bild. Doch es gibt auch eine Toskana jenseits dieser vertrauten Motive, leiser, kantiger, ursprünglicher. Genau dorthin führt das Buch „Verborgene Toskana – Die Geheimnisse der Lunigiana“ von Dietmar W. Brandt. Der Autor verbindet darin persönliche Erlebnisse, architektonischen Blick und regionale Alltagskultur zu einem vielschichtigen Porträt einer Gegend, die selbst vielen Italienfreunden kaum bekannt ist.

Autor kam im Kindesalter erstmals nach Italien

Brandt, Jahrgang 1961, geboren in Kassel, kam bereits im Kindesalter erstmals nach Italien. Diese frühe Begegnung entwickelte sich zu einer lebenslangen Beziehung. „Im Alter von sechs Jahren habe ich mein Herz an Italien verloren – aber nicht an die Postkarten-Toskana“, sagt er. Statt touristischer Hochglanzbilder hätten ihn von Anfang an die weniger beachteten Räume interessiert: „Mich faszinieren die versteckten Winkel, die vergessenen Dörfer und die raue Schönheit der Lunigiana.“

Nach einem Innenarchitekturstudium in Rosenheim führten ihn zahlreiche Studienreisen durch ganz Italien. Später arbeitete er viele Jahre als Repräsentant italienischer Design-Küchenhersteller in Deutschland. Gestaltung, Materialität und Raumwirkung wurden damit nicht nur Interesse, sondern Berufspraxis. Seit 2022 lebt Brandt dauerhaft in der Lunigiana. Das Buch ist somit kein Reiseprojekt aus der Distanz, sondern das Ergebnis eines Perspektivwechsels vom Besucher zum Bewohner.

Blick auf die historische Ortslage von Bagnone in der Lunigiana: steinerne Häuser, enge Strukturen und viel gewachsene Architektur prägen das Bild. (Foto: © Dietmar W. Brandt)
Blick auf die historische Ortslage von Bagnone in der Lunigiana: steinerne Häuser, enge Strukturen und viel gewachsene Architektur prägen das Bild. (Foto: © Dietmar W. Brandt)

Vom Durchfahren zum Ankommen

Der Zugang zur Region entstand nicht über einen einzelnen Urlaub, sondern über Jahre hinweg im Vorüberfahren. In den 1990er Jahren war die Lunigiana für Brandt vor allem Transitstrecke auf dem Weg nach Ligurien. „Ich bin dort immer durchgefahren, auf dem Weg zu Freunden nach La Spezia und zu den Küchenherstellern, die ich damals oft besucht habe.“ Gerade dieses ständige Passieren ohne Aufenthalt wurde rückblickend zum Wendepunkt.

„Mir wurde klar, dass ich da jedes Mal durch eine Gegend fahre, die nicht nach Kulisse aussieht, sondern nach echtem Leben – und dass ich sie nie wirklich betreten habe.“ Aus dem Durchgangsort wurde ein bewusstes Ziel. „Das war der Punkt, an dem ich wusste: Ich will die Lunigiana nicht nur passieren, ich will sie verstehen und hier leben.“

Gegenentwurf zum Toskana-Klischee

Was unterscheidet die Region für ihn so stark vom verbreiteten Toskana-Bild? Brandt beschreibt einen deutlichen Kontrast zwischen Inszenierung und Alltag. „Die Toskana steht für viele für das polierte Bild: Zypressen, Wein, perfekte Agriturismi, alles kuratiert, oft wie aus einem Katalog. Die Lunigiana ist das genaue Gegenteil.“

Skizze aus dem Buchprojekt von Dietmar W. Brandt: Architektur und Ortsbilder der Lunigiana werden direkt vor Ort zeichnerisch festgehalten. (Bild: © Dietmar W. Brandt)
Skizze aus dem Buchprojekt von Dietmar W. Brandt: Architektur und Ortsbilder der Lunigiana werden direkt vor Ort zeichnerisch festgehalten. (Bild: © Dietmar W. Brandt)

Die Landschaft sei grüner, bergiger, weniger geglättet. „Mehr Landschaft als Postkarte und mehr Alltag als Bühne.“ Gleichzeitig liegt das Meer in erreichbarer Nähe. Rund eine halbe Stunde Fahrt trennt viele Orte von der ligurischen Küste. Entscheidend sei jedoch etwas anderes: „Dort wirkt nichts wie eine Kulisse, die für Besucher gebaut wurde. Es ist ein Ort, der zuerst für sich existiert und erst danach für Gäste.“ Gerade diese Unabhängigkeit mache den Eindruck nachhaltig. „Sie muss niemandem gefallen – und gerade deshalb bleibt sie im Kopf.“

Ein Buch aus einer inhaltlichen Lücke heraus

Die Idee zum Buch entstand nicht am Schreibtisch, sondern im Gespräch vor Ort. Eine Immobilienmaklerin und Freundin machte Brandt darauf aufmerksam, dass es über die Region kaum aktuelle, erzählerische Literatur gibt. Vorhandene Werke seien meist stark historisch geprägt, oft trocken geschrieben und visuell wenig ansprechend.

„Vor allem gab es nichts im Erlebnis-Stil – keine aktuellen Erzählungen mit starken, tragenden Skizzen.“ Daraus entstand kein vager Plan, sondern ein konkreter Entschluss: „Die Lücke war so offensichtlich, dass es plötzlich keine abstrakte Idee mehr war. Es war eher: Dann mache ich es eben so, wie ich es selbst gerne lesen würde.“

Reiseerzählung statt Reiseführer

„Verborgene Toskana – Die Geheimnisse der Lunigiana“ ist bewusst kein klassischer Guide. Autor Dietmar W. Brandt setzt auf persönliche Dramaturgie statt Listenlogik. „Ich nehme Leserinnen und Leser mit auf eine sehr persönliche Reise“, beschreibt er seinen Ansatz. Dazu gehören konkrete Szenen und Orte: frühe Marktstunden in Pontremoli, kulinarische Entdeckungen wie handgemachte Testaroli in einer Locanda in Bagnone und die steinernen Spuren der Malaspina-Dynastie mit ihren zahlreichen Schlössern und Wehranlagen.

„Mit Skizzen, Zeichnungen und lebendigen Szenen geht es um die ursprüngliche, unverfälschte Toskana abseits der ausgetretenen Pfade.“ Der architektonische Hintergrund des Autors ist dabei spürbar. Orte werden nicht nur beschrieben, sondern in ihrer Struktur und Wirkung gelesen: Plätze, Gassen und Baukörper als erzählende Elemente.

Bagnone mit Brücke, Flusslauf und Höhenlage: typisch für die bergige, grüne Landschaft der Lunigiana zwischen Apennin und Küste. (Foto: © Dietmar W. Brandt)
Bagnone mit Brücke, Flusslauf und Höhenlage: typisch für die bergige, grüne Landschaft der Lunigiana zwischen Apennin und Küste. (Foto: © Dietmar W. Brandt)

Zwei Sprachfassungen, ein Jahr Arbeit

Die Entstehung des Buches dauerte rund zwölf Monate, mit einer Besonderheit: Es entstanden parallel eine deutsche und eine englische Ausgabe. „Das ist nicht einmal schreiben und dann übersetzen, sondern zwei Texte, die in Ton, Rhythmus und Genauigkeit funktionieren müssen.“ Gerade bei einem stark erlebnisorientierten Stil zeige sich schnell, ob ein Text trägt oder nur informiert. Unterstützt wurde Brandt dabei von einer Lektorin sowie einem englischen Muttersprachler.

Was das Buch beim Leser auslösen soll

Der Anspruch ist nicht, einen schnellen Geheimtipp zu liefern, sondern einen Perspektivwechsel. „Ich will, dass Leser dieser Gegend eine echte Chance geben. Nicht als Geheimtipp, den man kurz abhakt, sondern als Region mit Substanz.“ Besonders am Herzen liegt ihm die regionale Küche, die sich deutlich vom verbreiteten Toskana-Bild unterscheidet: bodenständig, ehrlich, eigenständig.

Sein Ziel beschreibt er klar: „Wenn jemand nach dem Lesen nicht mehr nur durchfährt, sondern bewusst bleibt, isst, schaut und sich Zeit nimmt, dann hat das Buch genau das erreicht, was es soll.“

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Buchdaten
Verborgene Toskana – Die Geheimnisse der Lunigiana

Dietmar W. Brandt
BoD GmbH, Norderstedt · 20.03.2025
ISBN 978-3-7693-7632-6
Erhältlich beim Verlag: HIER ONLINE BESTELLEN

 

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