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Experiment in der Adria: 500.000 Kraken gegen den Blaukrebs

Redaktion
Ein gemeiner Krake (Octopus vulgaris): Die im Mittelmeer heimische Art ist einer der wenigen natürlichen Feinde des invasiven Blaukrebses. Im Rahmen des Projekts Octo-Blu werden in der zweiten Augusthälfte 2026 rund 500.000 junge Kraken vor Riccione und Cesenatico freigesetzt, um die Ausbreitung des Blaukrebses in der Adria biologisch einzudämmen. (Symbolbild)

Ein gemeiner Krake (Octopus vulgaris): Die im Mittelmeer heimische Art ist einer der wenigen natürlichen Feinde des invasiven Blaukrebses. Im Rahmen des Projekts Octo-Blu werden in der zweiten Augusthälfte 2026 rund 500.000 junge Kraken vor Riccione und Cesenatico freigesetzt, um die Ausbreitung des Blaukrebses in der Adria biologisch einzudämmen. (Symbolbild)

(Foto: © Vladimir Wrangel - adobe.stock.com)
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In der zweiten Augusthälfte 2026 läuft an der italienischen Adria ein wissenschaftliches Experiment, das für die Ökologie des Mittelmeers als richtungsweisend gelten könnte. Vor den Küsten von Riccione und Cesenatico werden rund 500.000 kleine Kraken freigesetzt, mit dem Ziel, die seit Jahren um sich greifende Invasion des Blaukrebses biologisch einzudämmen. Das Projekt Octo-Blu, koordiniert von der Region Emilia-Romagna und der Universität Bologna, ist einer der bisher größten Versuche dieser Art im Mittelmeer und wird international mit Aufmerksamkeit verfolgt. Am Morgen des 24. August wurde vor Cesenatico eine weitere Freisetzung von Jungtieren durchgeführt, wie das italienische Regional-Portal Forlì Notizie in seiner aktuellen Berichterstattung dokumentiert, im Beisein des regionalen Landwirtschafts- und Fischerei-Ministers Alessio Mammi.

Was das Projekt Octo-Blu vorsieht

Das Projekt trägt den Namen Octo-Blu und wurde 2024 von der Region Emilia-Romagna gemeinsam mit dem Dipartimento di Scienze Mediche Veterinarie der Universität Bologna gestartet, im Rahmen des europäischen Programms FEAMPA 2021-2027 (Fondo Europeo per gli Affari Marittimi, la Pesca e l'Acquacoltura). Wie die offizielle Nachrichten-Seite der Region Emilia-Romagna in ihrer Mitteilung vom 24. August dokumentiert, stehen unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Oliviero Mordenti und dem Ricercatore Antonio Casalini die Freisetzungen, die seit dem 19. August mit Schnellbooten der Capitaneria di Porto von Cesenatico durchgeführt werden. Wie das Universitäts-Magazin der Alma Mater Bologna ergänzend berichtet, stammen die Jungtiere aus den Zuchtanlagen der Universität und sind teilweise erst wenige Tage alt. In der zweiten Augusthälfte werden insgesamt rund 500.000 junge Kraken der Art Octopus vulgaris freigesetzt.

Die Wahl der beiden Testgebiete ist ökologisch begründet. Vor Riccione, in der Provinz Rimini, existieren versunkene Barrieren, die seit Jahren von Meeresorganismen kolonisiert wurden und reich an Höhlen und Verstecken sind, dem natürlichen Lebensraum des Kraken. Vor Cesenatico, in der Provinz Forlì-Cesena, wurden in einem für die Fischerei gesperrten Bereich künstliche Kraken-Höhlen auf dem sandigen Meeresboden angelegt, weil die obere Adria überwiegend flache und sandige Grundstrukturen aufweist, in denen der Krake ohne Rückzugsmöglichkeiten nicht überleben kann.

Der Blaukrebs und seine ökologischen Folgen

Der Blaukrebs (Callinectes sapidus), auch als Blaue Krabbe bekannt, stammt ursprünglich von der atlantischen Küste Nordamerikas und ist vermutlich mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen ins Mittelmeer gelangt. Wie das Fachportal Italia a Tavola in seiner ausführlichen Analyse zum Projekt festhält, hat sich die Art in den letzten Jahren in der Adria explosionsartig vermehrt, begünstigt durch die steigenden Wassertemperaturen und die veränderten Salzgehalte in den Küstengewässern der Poebene. Der Blaukrebs frisst nahezu wahllos: Muscheln, Venusmuscheln, kleinere Fische, Krabbenlarven, und richtet damit erhebliche Schäden an den Fischerei- und Aquakultur-Betrieben an, die die Küstenwirtschaft der Emilia-Romagna, des Veneto und der Marken tragen.

Die wirtschaftliche Dimension ist mittlerweile so groß, dass ganze Familien von Venusmuschel-Züchtern rund um Chioggia und Goro ihre Betriebe aufgeben mussten. Der regionale Landwirtschafts-Minister Alessio Mammi hat den Blaukrebs bei der heutigen Freisetzung als eine der schwersten Notlagen bezeichnet, die die Adria in den letzten Jahren getroffen haben, mit erheblichen Auswirkungen auf einen strategischen Wirtschaftszweig der Emilia-Romagna. Auch die traditionelle Adria-Küche, die stark auf Muscheln, Venusmuscheln und Miesmuscheln aufbaut, spürt den Verlust. Ohne wirksame Gegenmaßnahmen droht laut Einschätzung der Regione Emilia-Romagna in wenigen Jahren eine tiefgreifende Krise der Muschelzucht in der oberen Adria.

Warum ausgerechnet der Krake

Der gemeine Krake ist in der Natur ein hervorragender Predator von Krebstieren und einer der wenigen natürlichen Feinde des Blaukrebses, die in der Adria in nennenswerter Zahl vorkommen. Wie die italienische Zeitung Il Tempo aus dem Askanews-Bericht zitiert, hat der Ricercatore Antonio Casalini das Prädationsverhalten des Kraken in mehrjährigen Laborversuchen an der Universität Bologna vermessen: Ein sub-adulter Krake von 600 Gramm Gewicht ist in der Lage, einen Blaukrebs von über 400 Gramm zu erbeuten. Damit gehört der Krake zu den wenigen im Mittelmeer heimischen Arten, die einen Größenvorteil gegenüber dem invasiven Krebs haben.

Das Reproduktionspotenzial des Kraken ist zwar hoch, seine Überlebensrate in freier Wildbahn aber sehr niedrig. Von den 500.000 freigesetzten Jungtieren wird ein großer Teil in den ersten Wochen sterben, entweder durch andere Räuber, ungünstige Meeresströmungen oder unpassende Bodenverhältnisse. Die Wissenschaftler rechnen damit, dass nur ein Bruchteil der ausgesetzten Kraken das Alter erreicht, in dem sie den Blaukrebs effektiv bejagen können. Der Versuch soll klären, ob dieser Bruchteil ausreicht, um die Krebspopulation langfristig zu kontrollieren, ohne dass jährliche neue Freisetzungen erforderlich wären.

Riccione und Cesenatico: die zwei Testgebiete

Die Wahl von Riccione und Cesenatico als Testgebiete folgt einer klaren wissenschaftlichen Logik. Beide Orte liegen an der Adria-Küste der Emilia-Romagna, südlich von Milano Marittima, und sind für ihre lange Fischerei-Tradition bekannt. Vor Riccione ist die künstliche Barriere, die ursprünglich zur Küstenerosion angelegt wurde, in den vergangenen Jahren zu einem sekundären Riff geworden, mit einer artenreichen Flora und Fauna, in der die Kraken gute Überlebenschancen haben. Vor Cesenatico dagegen mussten die Wissenschaftler die künstlichen Höhlen erst schaffen, weil der Meeresboden dort sandig und flach ist.

Beide Testfelder werden über die kommenden Monate mit Unterwasser-Videokameras, Netzuntersuchungen und Bestandserhebungen überwacht. Die ersten belastbaren Ergebnisse werden für das Frühjahr 2027 erwartet, wenn die überlebenden Kraken das Erwachsenenalter erreicht haben und ihre Prädationsleistung erstmals in freier Wildbahn messbar wird. Wie die Regional-Zeitung Corriere Romagna in ihrer Berichterstattung zum heutigen Auslauftermin dokumentiert, soll das Projekt bei erfolgreichem Verlauf auf weitere Küstenabschnitte in Veneto, in den Marken und in Apulien ausgeweitet werden, wo die Blaukrebs-Invasion inzwischen ähnliche Dimensionen erreicht hat.

Was Reisende in der Adria-Region sehen und essen können

Für Reisende, die in den kommenden Monaten die Adria besuchen, hat das Projekt Octo-Blu einige praktische Auswirkungen. Am Meeresufer selbst sind die Freisetzungen nicht sichtbar, weil die Kraken sofort in tiefere Wasserschichten abtauchen. In den Restaurants der Küstenorte findet sich der Blaukrebs zunehmend auf den Speisekarten, weil einzelne Fischer und Köche versuchen, die invasive Art kulinarisch zu nutzen und damit dem ökologischen Druck etwas entgegenzusetzen. Das Fleisch gilt als schmackhaft und wird nach amerikanischem Vorbild oft mit Butter, Zitrone und Petersilie serviert oder in Suppen und Ragouts verwertet.

Wer die klassischen Muschel- und Venusmuschel-Gerichte der Adria kennen möchte, sollte in etablierten Restaurants zwischen Chioggia, Goro, Rimini und Cesenatico einkehren, wo die Zutaten häufig noch aus regionalen Kleinbetrieben stammen. Der langfristige Erhalt dieser Küche hängt entscheidend davon ab, ob das Projekt Octo-Blu oder ähnliche Initiativen die ökologische Balance der oberen Adria wiederherstellen können. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob die 500.000 Kraken vor Riccione und Cesenatico den Anfang einer neuen ökologischen Realität bilden oder eine wissenschaftlich ambitionierte Episode ohne langfristige Wirkung bleiben.

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