Jeder kennt Ötzi. Der Mann aus dem Eis liegt seit Jahren im Südtiroler Archäologiemuseum und gilt inoffiziell als bekanntester Einwohner Bozens, seine Geschichte reicht mehr als 5.000 Jahre zurück. Wer allerdings verstehen möchte, wie die Stadt am Zusammenfluss von Talfer und Eisack im Jahr 2026 tickt, kommt mit einem Museumsbesuch nicht weit. Bozen offenbart sich heute in den Werkstätten, Ateliers, Küchen und Weinbergen einer neuen Generation, die zwischen mittelalterlichen Lauben, dem Techpark am Stadtrand und den Weinbergen rund um den Talkessel arbeitet.
Gastgeber mit Weitblick
Kaum eine Adresse in Bozen steht so für die Verbindung von Historie und Gegenwart wie das Parkhotel Laurin im Stadtzentrum. Seit 2023 verantwortet Dario Tornatore dort die Küche, ein Küchenchef mit einer Biografie, die den Ansatz erklärt: London mit Gordon Ramsay, Rom, Japan und schließlich Bahrain, wo er die kulinarischen Projekte der Herrscherfamilie Al Khalifa leitete. Im Fine-Dining-Konzept ConTanima im historischen Glasshouse des Hotels verbindet er diese Einflüsse zu einer Küche, die zwischen Kontinenten reist und dennoch am Produkt bleibt. Das Format ändert sich gerade: Statt regulärem Betrieb setzt ConTanima künftig auf exklusive Genussabende mit Gastköchen, die ersten drei Termine 2026 stehen mit 15. September, 20. Oktober und 24. November fest.
Ein paar Minuten Fußweg entfernt hat im Mai 2025 das Boutiquehotel Eisenhut in der Bindergasse neu eröffnet. Gastgeberin Sophie Dellago hat das denkmalgeschützte Haus als „We meet"-Ort konzipiert, an dem das pulsierende Altstadtleben draußen bleibt und drinnen begrünte Innenhöfe zum Durchatmen einladen. Prägend ist die Handschrift der Bozner Künstlerin und Illustratorin Elisa Capellari, die dem Haus einen unverwechselbaren Charakter gibt. „Ich liebe meine Stadt und ich liebe es, Gastgeberin zu sein", sagt Dellago dazu, und dieser Satz macht das Konzept greifbar: ein Zuhause auf Zeit mitten in Bozen.

Schloss Maretsch inmitten der Weinberge vor den Bergen des Bozner Talkessels: Kaum ein Bild macht so anschaulich, wie eng Stadt, mittelalterliche Geschichte und Weinkultur in Bozen zusammenliegen.
Von Loden zur smarten Faser
Textilien gehören zur Geschichte Bozens wie die Lauben. Was einst gehandelt und gewebt wurde, wird heute neu gedacht. Kaum ein Name steht so für diese Kontinuität wie Oberrauch Zitt, dessen Stammhaus unter den Bozner Lauben seit 1848 in Familienbesitz ist. Den entscheidenden Impuls setzte Heinrich Oberrauch in den 1950er Jahren: Inspiriert von einer Reise nach Skandinavien interpretierte er Loden und Tracht neu und machte den traditionellen Stoff zum Botschafter Südtirols. Sein Sohn Heiner Oberrauch führt das Unternehmen seit 1999 weiter und trägt mit Projekten wie Oberalp und Sportler Südtiroler Ideen deutlich über die regionalen Grenzen hinaus.
Wie weit die Reise vom Loden ins 21. Jahrhundert reichen kann, zeigt sich einige Kilometer weiter im NOI Techpark, dem Forschungscampus der Stadt. Im Sustainable Smart Textiles Lab der Freien Universität Bozen entwickeln Ingenieurinnen, Ingenieure und Designer:innen Materialien, die weit mehr können als gut aussehen: Autositzbezüge, die die Aufmerksamkeit der Fahrenden erkennen, Jacken mit integrierten Leuchtelementen für die Sicherheit im Straßenverkehr, oder T-Shirts, die Körperfunktionen erfassen. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung stehen dabei im Mittelpunkt, was das Labor zu einem der spannenden Orte der textilen Zukunft macht.
Kunst als Dialog
Die Anziehungskraft einer Stadt lebt von Menschen, die neue Perspektiven schaffen. Einer von ihnen ist Bart van der Heide, seit einigen Jahren Direktor des Museion, Südtirols Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. Für ihn ist das Haus keine reine Ausstellungshalle, sondern eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft und ein öffentlicher Raum mit gesellschaftlicher Verantwortung. Internationale Ausstellungen, Forschungsprojekte und Kooperationen bauen das Museion konsequent zu einer Plattform für kulturellen Wandel aus, in der Kunst nicht nur gezeigt, sondern diskutiert und hinterfragt wird.
Etwas leiser, aber mit klarer Handschrift arbeitet Antonio Dalle Nogare. Der Bozner Sammler faszinierte sich früh für Konzept- und Minimal-Art der 1960er und 70er Jahre sowie für Arbeiten junger Gegenwartskünstler:innen, und er baute 2011 sein eigenes privates Museum in Bozen. Die daraus hervorgegangene Fondazione Antonio Dalle Nogare versteht sich heute als offener Ort für interdisziplinäre Veranstaltungsformate, Bildungsprogramme und Ausstellungen, an dem sich unterschiedlichste Perspektiven treffen.
Handwerk aus zweiter Hand
Wer im Bozner Handwerk unterwegs ist, trifft auf Menschen, die nicht auf das schauen, was ist, sondern auf das, was daraus werden kann. David Duzzi, gebürtiger Bozner, bezeichnet sich selbst als „Multi Crafts Man". In seinem Atelier in der Altstadt bekommen Autositze, Staubsauger, Melkeimer oder Badewannen ein zweites Leben, verwandelt in Möbel, Objekte und Installationen. Seine Handschrift ist unverkennbar: eine Mischung aus Produktdesign, Upcycling-Kunst und einem gesunden Respekt für Materialien, die schon eine Geschichte hinter sich haben.
Etwas anders arbeitet Manuel Tschager, ausgebildet in Gröden, aufgewachsen zwischen den Bergen von Welschnofen und der Kunstgalerie seiner Familie. Der Bildhauer setzt sich mit Holz, Stein, Metall und Glas auseinander und kombiniert traditionelle Handwerkskunst mit modernen Ausdrucksformen. Besonders seine Christusfiguren beeindrucken durch ihre Präsenz und emotionale Tiefe.

Die Streitergasse in der Bozner Altstadt: Zwischen bunten Sonnenschirmen, Bars und Fahrrädern zeigt sich das Alltagsleben der Stadt – urban, mehrsprachig und dicht am mediterranen Piazza-Gefühl.
Vier Wege zum Wein
Die Weinberge gehören zu Bozen wie die Lauben, doch erst die Menschen dahinter machen aus Trauben unverwechselbare Weine. Am sonnenverwöhnten Südosthang des St. Magdalener Hügels arbeitet Katharina Martini in der Kellerei Sonnleiten an einem Wein, der wie kaum ein anderer für Bozen steht: dem St. Magdalener, einer Cuvée aus Vernatsch und einem kleinen Anteil Lagrein. Nach einem Studium der Landwirtschaft in Bozen und Wien hat sie ihre Kindheit zwischen den Reben zum Beruf gemacht, und im Glas landet der Charakter des Hügels, an dem der Wein wächst.
Deutlich radikaler denken Martin und Marion Gojer vom Weingut Pranzegg. Auf ihrem Betrieb rund um den Bozner Talkessel bewirtschaften sie etwa vier Hektar steile Weinberge nach biodynamischen Prinzipien, gemeinsam mit Familie, Mitarbeitenden und Freund:innen. Vom Rebschnitt bis zur Lese geschieht alles von Hand, im Keller regieren Spontangärung, lange Hefelagerung und minimale Eingriffe. Aus Vernatsch, Lagrein und Gewürztraminer entstehen so charaktervolle Naturweine, die jedes Jahr etwas anders schmecken, weil Jahresverlauf, Herkunft und die Lebensweise der Familie sich immer wieder neu spiegeln.
Weingut Schmid Oberrautner in Gries
Ganz andere Zeitachsen zählen im Weingut Schmid Oberrautner in Gries, einem der ältesten Erbhöfe Bozens, das seit 1363 von derselben Familie geführt wird. Der Fokus liegt hier auf Lagrein und St. Magdalener, den beiden Sorten, die den Bozner Weinbau seit jeher prägen, und nachhaltige Bewirtschaftung ist bei so viel Generationswissen fast eine Selbstverständlichkeit. Noch länger zurück reicht die Geschichte des Weinguts Josephus Mayr, das seit 1629 Reben am Ostrand des Bozner Beckens kultiviert, heute in elfter Generation. Seit 2025 führt Josef Mayr den Hof gemeinsam mit seinen Eltern Barbara und Josephus, seiner Schwester Katharina und seiner Frau Franka. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Lagrein, alle Schritte vom Weinberg bis zur Flasche geschehen in Eigenregie, und dass der Hof neben Reben auch Feigen, Äpfel und Oliven trägt, aus denen eines der ersten Südtiroler Olivenöle entsteht, macht deutlich, wie ganzheitlich Landwirtschaft hier verstanden wird.
Wer nach Bozen noch weiter durchs Etschtal will, findet in unserem Beitrag zu Meran im Herbst den nächsten thematischen Anschluss, mit Törggelen, Kastanien und der Meraner Weinkultur als natürlicher Fortsetzung der Bozner Weinwelt. Und wer sich für die größere Landkarte interessiert, findet in unserer Übersicht zu den Weinregionen Italiens den Kontext, in den Bozen mit seinen St. Magdalener- und Lagrein-Erzeugern gehört.





