Campione d'Italia ist einer der ungewöhnlichsten Orte Italiens. Eine kleine Gemeinde am östlichen Ufer des Luganersees, keine drei Quadratkilometer groß, gehört seit 1861 zum italienischen Staat und ist trotzdem vollständig vom Schweizer Kanton Tessin umgeben. Es gibt keine Landverbindung zum italienischen Mutterland. Wer die Karte zum ersten Mal betrachtet, glaubt an einen Zeichenfehler. Doch die Enklave ist real, hat rund 1.800 Einwohner und eine Geschichte, die bis ins 8. Jahrhundert zurückreicht.
Der Ort gehört zur Provinz Como in der Lombardei, ist von Italien aber nur per Boot oder über Schweizer Straßen zu erreichen. Die nächstgelegene italienische Grenze liegt gerade einmal 500 Meter Luftlinie entfernt, dazwischen erstreckt sich der Luganersee. Genau diese Kuriosität macht Campione zu einem Reiseziel, das für viele Besucher eine besondere Faszination hat.
Wie es zur Exklave kam
Die Geschichte Campiones beginnt im Jahr 777, als der langobardische Herrscher Toto von Campione das Gebiet dem Kloster Sant'Ambrogio in Mailand vermachte. Damit gehörte der Ort viele Jahrhunderte lang zu einem italienischen kirchlichen Besitz, während die umliegenden Gebiete unterschiedlichen Herrschaften unterstellt waren.
Napoleon Bonaparte hob 1797 sämtliche Kirchengüter auf und schlug Campione der neu geschaffenen Cisalpinischen Republik zu. Das Tessin wurde 1798 ebenfalls durch Napoleon zum eidgenössischen Kanton erhoben. Bereits 1800 und erneut beim Wiener Kongress 1814 versuchte das Tessin, Campione zur Schweiz zu bekommen, angeboten wurde als Tauschobjekt die abgelegenste Gemeinde der Schweiz, Indemini. Beide Vorstöße scheiterten, und Campione blieb italienisch. 1861, mit der Gründung des Königreichs Italien, wurde die heutige Grenze festgelegt. Der Zusatz d'Italia kam 1933 unter Mussolini hinzu, um die Zugehörigkeit zu Italien zu unterstreichen.
Zwischen zwei Ländern
Campione lebt seit Generationen in einer Doppelrolle. Offiziell ist der Ort italienisch, praktisch bedient er sich Schweizer Infrastruktur. Die Postleitzahl ist italienisch (22060), das Kfz-Kennzeichen aus Como stammt aus Italien. Aber die Telefonvorwahl ist +41 (Schweiz), Strom, Gas und Wasser kommen aus dem Tessin, und die Kinder gehen häufig in Schweizer Schulen. Auch Polizei und Rettungsdienste werden in Kooperation mit der Schweiz organisiert.
Bezahlt wurde in Campione traditionell mit Schweizer Franken, obwohl der Euro seit Italiens Einführung ebenfalls akzeptiert wird. Seit dem 1. Januar 2020 ist Campione zudem nicht mehr Teil der Schweizer Zollunion, sondern gehört zum Zollgebiet der EU. Damit endete ein besonderer Steuerstatus, der die Enklave über Jahrzehnte zu einer attraktiven Nischenlage für Vermögende gemacht hatte.
Das Casino als Wahrzeichen
Das bekannteste Gebäude Campiones ist das Casino Municipale. Es wurde 1917 während des Ersten Weltkriegs gegründet, um Informationen ausländischer Diplomaten in der neutralen Zone zu sammeln, und ist damit das älteste Casino Italiens. Im Jahr 2007 zog die Spielbank in einen neuen, imposanten Bau um, den der Tessiner Star-Architekt Mario Botta entwarf. Mit 55.000 Quadratmetern auf neun Stockwerken war das Gebäude zeitweise das größte Casino Europas.
Doch die Geschichte des Casinos ist auch eine des Scheiterns. Wirtschaftskrise, Sondersteuern, ein starker Franken und die Konkurrenz der Tessiner Spielbanken führten 2018 in die Insolvenz. Das Casino wurde geschlossen, rund 500 Angestellte verloren ihre Arbeit, viele davon Bewohner Campiones oder der umliegenden Tessiner Gemeinden. Für die kleine Enklave, deren Einnahmen zu großen Teilen vom Casino abhingen, war das ein schwerer Schlag. Nach mehreren Jahren Stillstand wurde das Casino wiedereröffnet und beschäftigt heute rund 200 Personen. Ob das Gebäude langfristig eine wirtschaftliche Zukunft hat, bleibt offen.
Was Campione sonst noch zu bieten hat
Wer Campione besucht, findet mehr als nur das Casino. Die Wallfahrtskirche Santa Maria dei Ghirli aus dem 17. und 18. Jahrhundert liegt direkt am Seeufer und ist über eine doppelte Freitreppe erreichbar. Ihre Fresken aus mehreren Jahrhunderten zählen zu den bedeutendsten religiösen Kunstschätzen der Region. Die ehemalige Kirche San Zenone, erstmals 756 erwähnt, dient heute als Kunstgalerie. Das Museo Parrocchiale und die neue Pfarrkirche San Zenone mit einem Taufbecken aus 1576 geben weitere kulturelle Einblicke.
Die alte künstlerische Tradition Campiones ist unter dem Namen der Maestri Campionesi bekannt. Vom 12. bis ins 14. Jahrhundert waren die Handwerker, Architekten, Bildhauer und Steinmetze aus Campione in ganz Norditalien tätig und prägten Kirchen und Paläste von Mailand bis Modena. Ihre Werke sind bis heute in vielen Kathedralen der Region zu sehen.
Am Ortseingang steht der Torbogen Arco di Campione, ein Wahrzeichen aus den 1930er Jahren, das die Grenze der Enklave markiert. Von der Uferpromenade aus fahren Boote nach Lugano und zu anderen Orten am See. Die Umgebung eignet sich hervorragend zum Wandern, etwa auf den Monte San Salvatore oder den Monte Brè, beide zwar auf Schweizer Gebiet, aber in wenigen Minuten von Campione erreichbar. Weitere Informationen zu Ausflügen im Tessin bietet die offizielle Seite von Ticino Turismo.
Anreise und praktische Hinweise
Campione ist mit dem Auto von Deutschland aus über die Schweiz erreichbar. Die Route führt über Zürich und den Gotthard nach Lugano, von dort weiter ans Ostufer des Sees. Wichtig: Für die Fahrt durch die Schweiz ist die Autobahnvignette erforderlich, die aktuell 40 Franken kostet.
Wer mit dem Zug reist, fährt bis Lugano und nimmt von dort einen Bus oder ein Taxi nach Campione. Auch mit dem Boot ist die Anreise vom Schweizer Ufer aus möglich und besonders reizvoll. Der nächste Flughafen ist Mailand-Malpensa mit rund 75 Kilometern Entfernung, alternativ die Schweizer Flughäfen Lugano oder Zürich.
Ein Reiseziel mit besonderem Charakter
Campione d'Italia ist kein Ort für ein durchschnittliches Reiseerlebnis. Wer sich für Grenzgeschichten, kuriose staatliche Konstruktionen und die Verbindung zwischen italienischer Kultur und Schweizer Präzision interessiert, findet hier einen einzigartigen Mikrokosmos. Die Kombination aus mediterranem Flair, alpiner Landschaft und einer außergewöhnlichen politischen Geschichte macht die Enklave zu einem lohnenden Halbtagesausflug für alle, die die klassische Route der italienischen Seen um eine besondere Facette ergänzen möchten. Wer den Luganersee besucht, sollte Campione d'Italia auf die Liste setzen, allein schon, um in einem Ort zu stehen, den es strenggenommen so gar nicht geben dürfte.





