Vivere in Italien

Die Phlegräischen Felder: Wenn der Boden unter deinen Füßen lebt

Bastian Glumm
Die Phlegräischen Felder von oben: Blick über Bacoli und den Golf von Pozzuoli. Im Hintergrund der Capo Miseno, am Horizont Ischia.

Die Phlegräischen Felder von oben: Blick über Bacoli und den Golf von Pozzuoli. Im Hintergrund der Capo Miseno, am Horizont Ischia.

(Foto: © Bastian Glumm)
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Wer zum ersten Mal nach Pozzuoli kommt, sieht eine ganz normale italienische Hafenstadt. Bunte Häuser, Fischerboote, Espresso an der Uferpromenade, Kinder die auf dem Platz spielen. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass man gerade auf einem der gefährlichsten Supervulkane der Erde steht.

Willkommen in den Campi Flegrei, den Phlegräischen Feldern.

Was sind die Phlegräischen Felder überhaupt?

Der Name kommt aus dem Griechischen: „phlegraios" bedeutet brennend. Und das ist keine Übertreibung. Die Phlegräischen Felder sind eine riesige Caldera — ein eingestürzter Vulkankrater — die sich westlich von Neapel über eine Fläche von rund 150 Quadratkilometern erstreckt. Pozzuoli liegt mittendrin. Ebenso die Stadtteile Bagnoli und Fuorigrotta, der Lago d'Averno, die Hügel von Bacoli, das antike Cumae und viele weitere Orte, die heute von Hunderttausenden Menschen bewohnt werden.

Anders als ein klassischer Vulkan mit einem einzelnen Kegel hat die Caldera keine sichtbare Spitze. Die Gefahr kommt von unten, aus einem riesigen Magmasystem tief unter der Erde, das die gesamte Region seit Jahrtausenden in Bewegung hält.

Der Bradyseismus: wenn die Stadt sich hebt und senkt

Das faszinierendste und gleichzeitig beunruhigendste Phänomen der Phlegräischen Felder ist der Bradyseismus. Der Begriff kommt ebenfalls aus dem Griechischen: „brady" bedeutet langsam, „seismos" bedeutet Bewegung. Gemeint ist damit das langsame Heben und Senken des Bodens, verursacht durch den Druck des Magmas und der heißen Gase tief unter der Erde.

In Pozzuoli lässt sich dieses Phänomen so gut beobachten wie nirgendwo sonst auf der Welt. Das bekannteste Zeugnis ist das Macellum, der antike römische Markt in der Altstadt. An den Säulen des Macellum sind Bohrlöcher von Meeresmuscheln zu erkennen, in mehreren Metern Höhe. Das bedeutet: Diese Säulen standen einmal unter Wasser. Der Boden hatte sich so weit gesenkt, dass das Meer das Gebäude überflutete. Dann hob er sich wieder. Heute stehen die Säulen wieder an der Luft, und die Muschelspuren erzählen stumm von Jahrhunderten geologischer Bewegung.

Seit 1950 hat sich der Boden rund um Pozzuoli insgesamt um mehr als vier Meter gehoben, mit immer wieder unterbrochenen Phasen der Absenkung. In den frühen 1980er Jahren war die Situation so ernst, dass große Teile der Innenstadt von Pozzuoli evakuiert werden mussten. Die Menschen kehrten zurück, die Erde beruhigte sich — vorerst.

Mitten in der Altstadt von Pozzuoli, nur einen Katzensprung vom Hafen entfernt, liegt ein Ort, der Geschichte atmet: das Macellum.
Mitten in der Altstadt von Pozzuoli, nur einen Katzensprung vom Hafen entfernt, liegt ein Ort, der Geschichte atmet: das Macellum. (Foto: © Bastian Glumm)

Die Solfatara: Schwefel, Dampf und Weltuntergangs-Stimmung

Mitten in Pozzuoli liegt der Krater der Solfatara, ein aktiver Vulkankrater der seit Jahrhunderten dampft, brodelt und stinkt, im besten Sinne des Wortes. Wer die Solfatara besucht, betritt eine Mondlandschaft: weißlich-gelblicher Boden, aus dem an Dutzenden Stellen heißer Schwefeldampf aufsteigt, Schlammtümpel die blubbern, und ein Geruch nach faulen Eiern der sich hartnäckig in der Nase festsetzt.

Die Temperaturen in den Fumarolen — den Dampfaustrittsstellen — erreichen bis zu 160 Grad Celsius. Der Boden klingt hohl wenn man darauf klopft, und an manchen Stellen ist er spürbar warm unter den Schuhsohlen. Es ist ein Ort der einen gleichzeitig fasziniert und demütigt, weil er einem unmissverständlich klarmacht: Hier ist der Mensch zu Gast, nicht zu Hause.

Die Solfatara ist seit der Antike bekannt. Römische Schriftsteller beschrieben sie und die frühen Christen glaubten, hier den Eingang zur Unterwelt gefunden zu haben. Dante soll sich von ihr inspirieren haben lassen.

Der Lago d'Averno

Nur wenige Kilometer von Pozzuoli entfernt liegt der Lago d'Averno, ein kreisrunder Kratersee von fast zwei Kilometern Durchmesser. Das Wasser ist dunkel, die Umgebung still und die Atmosphäre hat etwas Unwirkliches. In der Antike glaubten die Römer, dass dieser See der Eingang zur Unterwelt sei, Vergil ließ Aeneas hier hinabsteigen.

Am Ufer des Sees steht noch heute eine monumentale römische Thermenruine, die lange fälschlicherweise als Apollotempel bezeichnet wurde. Sie ist frei zugänglich und gehört zu den eindrucksvollsten und gleichzeitig am wenigsten bekannten Sehenswürdigkeiten der gesamten Region.

Ein Frühlingsspaziergang am geheimnisvollen Lago d'Averno bei Neapel – zwischen Natur, Mythos und dem antiken Tor zur Unterwelt.
Ein Frühlingsspaziergang am geheimnisvollen Lago d'Averno bei Neapel – zwischen Natur, Mythos und dem antiken Tor zur Unterwelt. (Foto: © Bastian Glumm)

Die alte griechische Kolonie Cumae

Am nordwestlichen Rand der Phlegräischen Felder liegt Cumae, die älteste griechische Kolonie auf dem italienischen Festland, gegründet bereits im 8. Jahrhundert vor Christus. Von hier aus verbreiteten sich nicht nur griechische Ideen und Waren, sondern auch das Alphabet, das später zur Basis der lateinischen Schrift wurde. In Cumae begann, wenn man so will, Europas schriftliche Geschichte.

Berühmt ist Cumae vor allem durch die legendäre Sibylle. Eine Prophetin des Apollon, deren Orakelstätte tief im Fels verborgen lag. Der in den Tuffstein geschlagene Gang der Antro della Sibilla ist bis heute einer der atmosphärischsten Orte der gesamten Region. Und von der Akropolis aus, wo einst Tempel für Apollon und Zeus standen, blickt man weit über das Tyrrhenische Meer auf das Wasser, über das die ersten Siedler einst kamen.

Baiae: Das versunkene Badeparadies der Kaiser

Nur wenige Kilometer westlich von Pozzuoli liegt Baiae, einst das begehrteste Reiseziel der römischen Elite. Kaiser wie Hadrian, Nero und Augustus verbrachten hier ihre Sommer in prachtvollen Villen mit Meerblick, gigantischen Thermenkomplexen und Kuppelbädern, deren Akustik bis heute jedes Flüstern verstärkt. Kein Sakralbau, sondern Orte für Erholung, Gespräche und die Inszenierung von Macht.

Ein Teil der antiken Stadt liegt heute unter Wasser. Versunken durch genau jenen Bradyseismus, der auch das Macellum in Pozzuoli prägte. Wo einst Promenaden und Hafenanlagen lagen, führt heute ein Unterwasserarchäologischer Park Besucher per Glasbodenboot oder Tauchgang in die versunkene Welt. Das, was an Land geblieben ist, gehört zu den eindrucksvollsten und gleichzeitig am wenigsten bekannten Ausgrabungsstätten Italiens.

Antikes Badeparadies der Kaiser: Die Thermen von Baiae zeigen römischen Luxus und Technik im Archäologiepark bei Neapel.
Antikes Badeparadies der Kaiser: Die Thermen von Baiae zeigen römischen Luxus und Technik im Archäologiepark bei Neapel. (Foto: © Bastian Glumm)

Ein Hafen mit Weltgeschichte

Pozzuoli selbst war in der Antike einer der wichtigsten Häfen des gesamten Römischen Reiches. Schiffe aus Alexandria brachten Getreide, aus dem Orient Gewürze, aus Sizilien Wein und Öl. Und genau an diesem Hafen betrat Apostel Paulus auf seiner letzten Reise nach Rom zum ersten Mal italienischen Boden. Ein Moment, der in der Apostelgeschichte festgehalten ist und den man heute noch an einem schlichten Stein am Hafen nachvollziehen kann.

Die Phlegräischen Felder heute

Heute ist das Gebiet der Phlegräischen Felder ein Regionalpark mit einer einzigartigen Mischung aus Natur, Archäologie und gelebtem Alltag. Direkt neben antiken Ruinen stehen Wohnblocks. Zwischen Schwefelquellen führen Wanderwege entlang. Und von Pozzuoli aus fährt die Fähre nach Ischia, vorbei an einem Golf, der so schön ist, dass man vergisst, auf einem Vulkan zu stehen.

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