Vivere in Italien

Wie ein Schweizer Paar in der Toskana seinen Lebenstraum verwirklichte

Bastian Glumm
Patricia und Stephan Wanner erkunden mit ihren Pferden regelmäßig die Wege rund um Bivignano. Viele der geführten Reit- und Wandertouren entstehen aus dieser engen Verbindung zur Landschaft der Toskana.

Patricia und Stephan Wanner erkunden mit ihren Pferden regelmäßig die Wege rund um Bivignano. Viele der geführten Reit- und Wandertouren entstehen aus dieser engen Verbindung zur Landschaft der Toskana.

(Foto: © Casa Bivignano)
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Wer die letzten Kilometer hinauf nach Bivignano fährt, versteht schnell, warum Menschen diesen Ort nie wieder vergessen. Die kleine Ansammlung alter Häuser liegt abgelegen in den Hügeln der Toskana, mehr als sechs Kilometer vom nächsten Dorf entfernt. Hier oben gibt es keine Einkaufsstraßen, keine Hotelanlagen und keinen schnellen Massentourismus. Stattdessen Wildschweine, Sternschnuppen, Glühwürmchen, Pferdeweiden und eine Ruhe, die in vielen Teilen Europas längst selten geworden ist.

Mitten in dieser Landschaft haben Patricia und Stephan Wanner vor 18 Jahren ihr neues Leben begonnen. Aus einem renovierungsbedürftigen Bauernhaus nahe Arezzo entstand im Laufe der Jahre das heutige Agriturismo „Casa Bivignano“. Ein Ort, der für viele Gäste weit mehr geworden ist als nur eine Unterkunft in der Toskana. „Man kommt als Gast und geht als Freund“, sagt Patricia Wanner. Und tatsächlich scheint genau das die Philosophie zu sein, die diesen Ort bis heute prägt.

Die Liebe zu Italien begann bereits in der Kindheit

Dass Patricia Wanner eines Tages dauerhaft in Italien leben würde, begann lange vor der eigentlichen Auswanderung. Schon als Kind verbrachte sie mit ihrer Familie Ferien in Cesena an der Adriaküste. Ihr Vater sei ein großer Italienliebhaber gewesen, erzählt sie. Später kam Florenz hinzu und damit offenbar die endgültige Entscheidung des Herzens. „Als ich dann mit 16 das erste Mal in Florenz war, wars um mich geschehen“, erinnert sie sich heute.

Sogar eine alte Florentiner Legende spielte dabei eine Rolle. Der berühmte „Fontana del Porcellino“, ein bronzenes Wildschwein im Herzen der Stadt, soll Glück bringen und eine Rückkehr in die Toskana garantieren. „Warum nicht“, sagt Patricia Wanner schmunzelnd.

Das historische Natursteinhaus von Casa Bivignano liegt abgeschieden in den Hügeln der Toskana und bietet Platz für maximal zehn Gäste.

Das historische Natursteinhaus von Casa Bivignano liegt abgeschieden in den Hügeln der Toskana und bietet Platz für maximal zehn Gäste.

(Foto: © Casa Bivignano)

Mit 30 arbeitete sie schließlich für ein Jahr in einem Agriturismo bei Florenz, kümmerte sich um internationale Gäste und Pferde. Zurück in der Schweiz lernte sie ihren späteren Mann Stephan kennen und gemeinsam wagten beide den großen Schritt. „Um ehrlich zu sein, wir hatten keinerlei Ersparnisse“, erzählt sie offen. Eine Bank gewährte eine Hypothek, eine Verwandte half mit einem Kredit für die Vorauszahlung. „And so the story begins…“

Schnee, eisige Räume und der Beginn eines Abenteuers

Die ersten Monate in Italien hatten allerdings wenig mit romantischen Auswandererfantasien zu tun. Als das Paar sein Bauernhaus übernahm, warteten dort weder Komfort noch Sicherheit. „Wenn wir von Anfang an gewusst hätten, was uns alles so erwartet, ich hätte diesen Schritt wohl nicht gewagt“, sagt Patricia Wanner heute rückblickend.

Schon der Umzug entwickelte sich zum Abenteuer. Schnee fiel bis nach Neapel, der Lastwagen musste unterwegs ausgetauscht werden, im Haus herrschten Temperaturen um den Gefrierpunkt. Holz zum Heizen gab es zunächst keines. „Willkommen in Italien“, sagt sie heute mit einer gewissen Ironie.

Während Stephan die Wohnung herrichtete, kam Patricia Anfang März gemeinsam mit Freunden und den beiden Pferden Gazelle und Diego nach Bivignano. Bereits Ende März trafen die ersten Gäste ein und erlebten innerhalb weniger Stunden Sonne, milde Temperaturen und plötzlich Schneefall. Das Agriturismo liegt auf rund 730 Metern Höhe, das Wetter kann hier oben schnell umschlagen. Trotz aller Widrigkeiten fasst Patricia Wanner zusammen: "Ich bin froh, dass wir es gewagt haben!"

Alles wurde wieder investiert

Was folgte, waren Jahre harter Arbeit. Praktisch jeder verdiente Euro floss zurück in Haus, Tiere und Infrastruktur. Ein Pool entstand, Mauern wurden erneuert, das Dach saniert, weitere Zimmer gebaut, Küchen und Böden modernisiert. Dazu kamen Solaranlage, Stallungen, Traktor, Bagger und zahlreiche eingezäunte Weideflächen.

Wildschweine gehören in den abgelegenen Hügeln rund um Bivignano fast zum Alltag, Begegnungen mit der Natur sind hier keine Seltenheit.

Wildschweine gehören in den abgelegenen Hügeln rund um Bivignano fast zum Alltag, Begegnungen mit der Natur sind hier keine Seltenheit.

(Foto: © Casa Bivignano)

Besonders die Tiere wurden zum Mittelpunkt des Lebens in Bivignano. Aus zwei Pferden wurde im Laufe der Zeit eine Herde von 18 Tieren, hauptsächlich Criollos aus Uruguay und Argentinien. Hinzu kamen drei Mulis, Katzen und Hunde, darunter auch Tiere aus schwierigen Verhältnissen. „Wir retten auch häufig Tiere“, erzählt Patricia Wanner. Hunde aus Tierheimen, schlecht behandelte Pferde oder Tiere, die sonst kaum eine Chance gehabt hätten.

Zeit für sich selbst blieb dagegen kaum. Viele Jahre arbeiteten beide zusätzlich im Winter in der Schweiz, weil in dieser Zeit weniger Gäste kamen, die Tiere jedoch weiterhin versorgt werden mussten. Erst nach langer Zeit gönnten sie sich ihren ersten gemeinsamen Urlaub. „Das war ein großer Fehler“, sagt Patricia Wanner heute über die permanente Arbeit ohne Pausen.

Gäste, die jeden Baum begrüßen

Viele Besucher begleiten Bivignano bereits seit den Anfangsjahren. Manche kamen einst als Kinder und reisen heute mit ihren eigenen Familien an. Andere helfen mit, packen an und gehören längst zum erweiterten Freundeskreis. „Es gibt Gäste, die begrüßen jeden Baum während sie hochfahren“, erzählt Patricia Wanner. Besonders während der Coronajahre zeigte sich diese enge Verbindung. Als in Italien viele kleine Betriebe auf der Strecke blieben, hätten Gäste geholfen, unterstützt und mit angepackt.

Vielleicht ist genau diese familiäre Atmosphäre das, was viele Menschen anzieht. Abends sitzt man gemeinsam beim Aperitivo, isst zusammen Pasta oder toskanische Gerichte und blickt über die ruhigen Hügel der Region. Statt Verkehrslärm hört man hier Grillen, Wind und manchmal Pferde auf den Weiden. Nicht selten begegnet man auch Wildschweinen. Wolfsspuren werden regelmäßig entdeckt, ebenso Stachelschweinstacheln entlang der Wege.

Der Pool von Casa Bivignano liegt mitten in den ruhigen Hügeln der Toskana, fernab vom Massentourismus und umgeben von Natur.

Der Pool von Casa Bivignano liegt mitten in den ruhigen Hügeln der Toskana, fernab vom Massentourismus und umgeben von Natur.

(Foto: © Casa Bivignano)

Die Schattenseiten des italienischen Traums

Doch die Geschichte von Bivignano ist nicht nur eine romantische Auswanderererzählung. Patricia Wanner spricht offen über die schwierigen Seiten des Lebens in Italien, besonders über Behördenprobleme und jahrelange juristische Auseinandersetzungen. Bereits kurz nach dem Kauf fordereten Behörden überraschend hohe Nachzahlungen wegen eines alten Stalls.

Später wurde das Agriturismo aufgrund eines kleinen Vordachs plötzlich als Hotelbetrieb eingestuft mit gravierenden steuerlichen Folgen. „Ich war nah dran, alles hinzuschmeißen“, sagt sie rückblickend. Mehrere Anwälte, Gerichtsverfahren und hohe Steuerforderungen kosteten das Paar enorme Summen und viel Kraft. Heute hoffen beide, die letzten offenen Belastungen bald vollständig begleichen zu können. Trotz allem haben sie nie aufgegeben.

Yoga, Wanderritte und Wanderungen durch die Toskana

Inzwischen hat sich das Angebot von Bivignano weiterentwickelt. Neben klassischen Ferienaufenthalten organisiert Patricia Wanner Yoga-Reitwochen, Ausritte und geführte Wanderungen durch die Toskana und Umbrien. Teilweise führen die Touren sogar bis nach Rimini. Andere verlaufen auf den Spuren von Franz von Assisi oder Michelangelo durch Nationalparks, kleine Dörfer und abgelegene Landschaften.

„Was gibt es Schöneres, als die traumhafte Landschaft zu durchwandern und abends ein kulinarisches Highlight zu genießen?“, sagt Patricia Wanner. In diesem Jahr sind neun geführte Wanderungen geplant. Viele Gäste suchen dabei bewusst nicht Luxus oder Animation, sondern Natur, Ruhe und echte Begegnungen.

Eines der Gästezimmer von Casa Bivignano mit sichtbaren Holzbalken, Natursteinwand und dem bewusst rustikal gehaltenen Charakter des historischen Bauernhauses.

Eines der Gästezimmer von Casa Bivignano mit sichtbaren Holzbalken, Natursteinwand und dem bewusst rustikal gehaltenen Charakter des historischen Bauernhauses.

(Foto: © Casa Bivignano)

Ein Ort, der Demut lehrt

Vielleicht beschreibt ein Satz von Patricia Wanner am besten, was Bivignano eigentlich ausmacht: „Bivignano lernt uns immer wieder Demut.“ Denn das Leben dort oben ist eng mit der Natur verbunden. Wenn das Wetter umschlägt, Wasser knapp wird oder ein Sturm über die Hügel zieht, merke man schnell, „wie klein man eigentlich ist“. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Menschen immer wieder zurückkehren. Nicht wegen Perfektion, sondern wegen eines Lebensgefühls, das vielerorts verloren gegangen ist.

Oder wie Patricia Wanner selbst sagt: „Man könnte darüber ganze Bücher schreiben…“

Zwei Appartements und zwei Gästezimmer

Heute verfügt Casa Bivignano über zwei Appartements und zwei Gästezimmer für maximal zehn Gäste. In den vergangenen Jahren wurden das alte Bauernhaus und das Gelände Schritt für Schritt erweitert und modernisiert, unter anderem mit neuen Küchen und Böden, einer großen Pergola, einem Pool, einem modernen Heizsystem, einer Solaranlage sowie weiteren Stallungen und umzäunten Weideflächen für die Tiere.

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