Zwischen eingestürzten Häusern, überwucherten Mauern und den Resten einer barocken Kirche befinden sich kleine Ateliers, Werkstätten und bewohnte Häuser. Bussana Vecchia in Ligurien ist weder ein gewöhnliches Dorf noch eine klassische Geisterstadt. Der Ort wurde nach einer Katastrophe aufgegeben und Jahrzehnte später von Künstlern zu neuem Leben erweckt.
Rund acht Kilometer nordöstlich von Sanremo liegt Bussana Vecchia auf einem etwa 200 Meter hohen Hügel über der ligurischen Küste. Das offizielle italienische Tourismusportal Italia.it beschreibt den Ort als Künstlerdorf, das in den Ruinen einer verlassenen mittelalterlichen Siedlung entstanden ist. Wer heute durch die schmalen Gassen geht, begegnet immer wieder den Spuren seiner ungewöhnlichen Geschichte. Einige Gebäude wurden wieder bewohnbar gemacht, andere sind Ruinen geblieben. Dazwischen befinden sich Kunstwerke, kleine Werkstätten und Ateliers.
Das Erdbeben vom 23. Februar 1887
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war Bussana ein bewohntes ligurisches Dorf. Sein historischer Kern hatte sich im Mittelalter rund um eine befestigte Anlage und die Kirche Sant’Egidio entwickelt. Am 23. Februar 1887 erschütterte ein schweres Erdbeben das westliche Ligurien und Teile der französischen Mittelmeerküste. Besonders starke Zerstörungen gab es unter anderem in Bussana, Diano Marina, Diano Castello und Cervo. Der historische Erdbebenkatalog des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie ordnet dem Beben eine maximale Intensität von zehn auf der Mercalli-Cancani-Sieberg-Skala zu. Nach den Daten des Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia kamen im gesamten betroffenen Gebiet rund 640 Menschen ums Leben.
Kirche Sant’Egidio schwer beschädigt
Auch Bussana wurde schwer getroffen. Zahlreiche Häuser stürzten ein oder wurden unbewohnbar. Besonders stark beschädigt wurde die Kirche Sant’Egidio im Zentrum des Dorfes. Teile ihrer Mauern, der Fassade und des Glockenturms blieben erhalten, das Dach und große Teile des Innenraums gingen jedoch verloren. Historische Ansichten des zerstörten Ortes werden heute in der Digitalen Bibliothek der Region Ligurien aufbewahrt.
Die Bewohner ziehen nach Bussana Nuova
Nach dem Erdbeben wurde entschieden, den alten Ort nicht vollständig wiederaufzubauen. Unterhalb des zerstörten Dorfes entstand näher an der Küste eine neue Siedlung, die heute als Bussana beziehungsweise Bussana Nuova bezeichnet wird. Der Umzug erfolgte schrittweise. Das alte Dorf wurde zunehmend aufgegeben und erhielt später den Namen Bussana Vecchia. Häuser verfielen, Dächer brachen ein und Pflanzen eroberten die Gassen zurück. Nach Angaben des offiziellen Tourismusportals der Region Ligurien blieb der Ort rund 70 Jahre weitgehend verlassen. Bussana Nuova liegt etwa drei Kilometer unterhalb des alten Dorfes. Beide Orte können heute bei einer geführten Tour des regionalen Tourismusportals miteinander verbunden werden.
Eine internationale Künstlergemeinschaft entsteht
Ende der 1950er-Jahre entdeckten Künstler die Ruinen von Bussana Vecchia. Zu den entscheidenden Personen gehörte der Turiner Keramiker Mario Giani, der unter dem Künstlernamen Clizia arbeitete. Die von der Künstlergemeinschaft dokumentierte Geschichte Bussana Vecchias beschreibt, wie Clizia die Idee einer internationalen Künstlerkolonie entwickelte. Ein eigenes Statut sollte das Zusammenleben und die Nutzung der verlassenen Häuser regeln.
Ab den 1960er-Jahren zogen italienische und ausländische Künstler in den Ort. Sie machten weniger stark beschädigte Gebäude wieder bewohnbar und richteten darin Wohnungen und Ateliers ein. Die damalige Gemeinschaft lebte zunächst ohne eine geregelte Wasser- und Stromversorgung sowie ohne die Infrastruktur eines gewöhnlichen Dorfes. Auch die offizielle italienische Verwaltungsgerichtsbarkeit bestätigt in ihrer späteren Darstellung des Rechtsstreits, dass die internationale Künstlergemeinschaft den verlassenen Ort ab den 1960er-Jahren besetzte, wiederaufbaute und damit die Grundlage für seine spätere kulturelle und touristische Bedeutung schuf.
Zwischen Ruinen, Ateliers und bewohnten Häusern
Bussana Vecchia wirkt bis heute nicht wie ein vollständig restauriertes historisches Zentrum. Gerade darin liegt die Besonderheit des Dorfes. Einige Gebäude sind bewohnt, während unmittelbar daneben Mauern, Bögen und offene Räume an die Zerstörung von 1887 erinnern. In den Gassen befinden sich kleine Künstlerateliers, Werkstätten und gastronomische Angebote. Bussana Vecchia ist allerdings kein Museum mit geregelten Öffnungszeiten. Nicht alle Ateliers sind ständig geöffnet, und ein Teil des Ortes ist privater Lebensraum.
Das Wahrzeichen des Dorfes ist die Ruine der Kirche Sant’Egidio. Sie kann nach Angaben des offiziellen Tourismusportals der Region Ligurien nur von außen besichtigt werden. Teile der früheren Fresken und Stuckarbeiten sind dennoch erkennbar. Das italienische Kulturministerium führt für Sant’Egidio und das benachbarte Oratorio San Giovanni Battista eine Maßnahme zur Verringerung der baulichen Anfälligkeit und zur Restaurierung. Nach einem aktuellen Bericht des Secolo XIX arbeitet die zuständige Denkmalschutzbehörde 2026 weiterhin an der Restaurierung des alten Oratoriums.
Wer weitere ungewöhnliche Orte im Westen Liguriens besuchen möchte, findet unweit von Sanremo auch das selbst ernannte Fürstentum Seborga.
Wem gehört Bussana Vecchia?
Hinter der Geschichte des Künstlerdorfes verbirgt sich ein komplizierter Eigentumsstreit. Ein großer Teil der Immobilien gehört dem italienischen Staat. Viele Bewohner investierten jedoch über Jahrzehnte Arbeit und Geld in Gebäude, ohne dass ihre Nutzungs- oder Eigentumsrechte abschließend geregelt wurden. 2017 verabschiedeten die Agenzia del Demanio, die Stadt Sanremo und das damalige italienische Kulturministerium einen Plan zur Aufwertung Bussana Vecchias. Vorgesehen waren unter anderem Sicherungsarbeiten, neue Versorgungsnetze, die Wiederherstellung von Wegen und Plätzen sowie kulturelle und touristische Nutzungen.
Das damals veranschlagte Investitionsvolumen betrug rund 43 Millionen Euro. Teil des Konzeptes war außerdem die geplante Übertragung des staatlichen Eigentums an die Stadt Sanremo. Die Umsetzung blieb jedoch von Konflikten mit den Bewohnern begleitet. Einige Bewohner erhielten Forderungen wegen der Nutzung staatlicher Immobilien. Gleichzeitig sollten sie nur dann an späteren Vergabeverfahren teilnehmen können, wenn sie die verlangten Nutzungsentschädigungen zuvor bezahlten.
Urteil würdigt die Arbeit der Künstler
Im Juni 2024 entschied der italienische Staatsrat teilweise zugunsten der Bewohner. Das Gericht erklärte die Bedingung für unrechtmäßig, nach der eine Teilnahme an den künftigen Verfahren von der vorherigen Zahlung der Nutzungsentschädigungen abhängig gemacht werden sollte. Das Gericht stellte ausdrücklich fest, dass die Künstlergemeinschaft den verlassenen Ort gerettet und damit die Voraussetzungen für seine heutige Aufwertung geschaffen habe. Die offizielle Zusammenfassung der Entscheidung des Staatsrates spricht von einem privaten Engagement, von dem die öffentliche Hand profitiert habe.
Die grundsätzlichen Eigentumsverhältnisse wurden durch das Urteil allerdings nicht abschließend geklärt. Im August 2026 besuchten Vertreter der Agenzia del Demanio Bussana Vecchia erneut. Nach Angaben der Behörde soll weiterhin ein Weg gesucht werden, der die städtebauliche Erneuerung und die Aufwertung des staatlichen Eigentums miteinander verbindet. Über den aktuellen Stand berichtete die ligurische Tageszeitung Il Secolo XIX.
Anreise nach Bussana Vecchia
Mit dem Auto führt die Anreise über die A10, die Autostrada dei Fiori. Empfohlen wird die Ausfahrt Arma di Taggia. Anschließend geht es über die SS1 in Richtung Sanremo und weiter über die ausgeschilderte Zufahrt nach Bussana Vecchia. Die Straße endet vor dem Dorf und ist teilweise schmal. Am Ende muss ausreichend Platz zum Wenden freigehalten werden. Die historischen Gassen selbst werden zu Fuß erkundet. Die Hinweise zur Zufahrt veröffentlicht auch die Website der Künstlergemeinschaft.
Anreise mit Bus und Bahn
Die nächstgelegenen Bahnhöfe befinden sich in Sanremo und Taggia-Arma. Von Sanremo verkehren Busse in Richtung Bussana. Nach dem aktuellen Fahrplan 2026 bedient die Linie 14/4 der Riviera Trasporti den Bereich Armea und Bussana. Einzelne Verbindungen führen in Richtung Bussana Vecchia beziehungsweise bis zum Abzweig. Da die Zahl der Fahrten begrenzt ist und saisonale Fahrpläne gelten, sollte die konkrete Verbindung unmittelbar vor der Fahrt geprüft werden.
Alternativ führt von Bussana Nuova ein rund 2,1 Kilometer langer alter Weg hinauf. Für den Aufstieg werden ungefähr 35 Minuten angegeben. Feste Schuhe sind sinnvoll, da Bussana Vecchia aus unebenem Pflaster, Treppen und steilen Gassen besteht.
Bussana Vecchia mit einer Ligurien-Reise verbinden
Der Besuch lässt sich gut mit Sanremo, Taggia und der ligurischen Küste verbinden. Weiter östlich liegen Portofino und die Cinque Terre. Dort gelten wegen des hohen Besucherandrangs zunehmend Einschränkungen für Reisegruppen. Wer mit dem Auto anreist, muss auf der A10 mit streckenabhängigen Autobahngebühren rechnen. Hinweise zur Bezahlung gibt unser Ratgeber zur Maut in Italien.
Kein gewöhnliches Geisterdorf
Bussana Vecchia erzählt nicht nur von Zerstörung und Verlassenheit. Das Dorf zeigt, was entstehen kann, wenn Menschen einen scheinbar verlorenen Ort wieder nutzen und ihm eine neue Bedeutung geben.
Aus den Ruinen wurde kein vollständig restauriertes Schmuckstück. Bussana Vecchia blieb widersprüchlich: bewohnt und doch voller Ruinen, touristisches Ziel und privater Lebensraum, historisches Denkmal und bis heute ungelöste Eigentumsfrage. Gerade diese Mischung unterscheidet Bussana Vecchia von vielen anderen Orten Italiens. Seine Vergangenheit wurde nicht hinter frisch restaurierten Fassaden verborgen. Sie ist in den Gassen weiterhin sichtbar und wird von den Menschen, die dort leben und arbeiten, fortgeschrieben.




