Hoch über der sizilianischen Hafenstadt Licata thront das Castel Sant'Angelo, eine barocke Festung mit einer der schönsten Aussichten Süditaliens. Auf 130 Metern über dem Meer bewacht sie seit dem 17. Jahrhundert die Küste zwischen Agrigent und Gela und erzählt eine Geschichte, die weit vor der Festung selbst beginnt. Dabei zählt sie zu jenen sizilianischen Orten, die abseits der bekannten Touristenrouten liegen und gerade deshalb einen Besuch wert sind.
Das Castel Sant'Angelo liegt auf dem Monte Sant'Angelo, dem historischen Berg Ecnomos, und überblickt den Hafen, die Küste und das gesamte Häusermeer von Licata. Wer den Aufstieg auf sich nimmt, wird mit einem der schönsten Panoramen Süditaliens belohnt. Und mit dem stillen Charme eines Ortes, dem man ansieht, dass er einmal eine wichtige Rolle spielte.
Ein Wachturm nach dem Angriff
Die Geschichte des Castel Sant'Angelo beginnt 1553 mit einem traumatischen Ereignis. In diesem Jahr griff eine französisch-türkische Flotte die Küsten Siziliens an und richtete verheerende Schäden an. Als Reaktion ließ Vizekönig Marcantonio Colonna an strategisch wichtigen Punkten der Insel Wachtürme errichten. Der Militäringenieur Camillo Camilliani plante zwischen 1583 und 1585 auch den Turm auf dem Monte Sant'Angelo bei Licata.
Der Turm war Teil eines groß angelegten Verteidigungssystems, das ganz Sizilien einbezog. Von Kap zu Kap konnten die Wachposten Feuersignale weitergeben und so das Landesinnere binnen Stunden über eine drohende Invasion informieren. Der Turm bei Licata war einer der wichtigsten dieser Anlagen, weil er direkt über einer natürlichen Bucht lag und weit ins Meer blicken konnte.
Vom Turm zur Festung
Wenige Jahrzehnte später sollte aus dem Wachturm ein richtiges Kastell werden. 1615 begann der spanische Hauptmann Hernando Petigno, Generalkommandant der Kavallerie des Königreichs Sizilien, mit dem Bau einer umfassenden Festung rund um den bestehenden Turm. Nach ihm ist die Anlage bis heute auch als Forte Sant'Angelo bekannt. Die Arbeiten wurden zwischenzeitlich unterbrochen und erst 1640 unter der Leitung von Serpione Cottone, dem Marchese von Altamura, vollendet.

Der dreieckige Innenhof des Castel Sant'Angelo in Licata: Rund um den zentralen Platz mit unterirdischer Zisterne lagen einst die Soldatenunterkünfte, Ställe und Lagerräume der Festung.
Das Kastell hat einen dreieckigen Grundriss und war ein seltenes Beispiel barocker Festungsarchitektur auf Sizilien. Die massiven Außenmauern mit ihren durchgehenden Zinnen, der zentrale dreieckige Innenhof mit einer unterirdischen Zisterne, die Wachtürme an den Ecken und die dicken Ballistendämme zeigen, dass es sich um eine ernstzunehmende Verteidigungsanlage handelte. Interessant ist ein Detail: Für den Bau wurden die Steine der antiken griechischen Stadt Phinziade wiederverwendet, deren Reste bis heute rund um das Kastell zu finden sind.
Eine Anlage inmitten der antiken Welt
Was das Castel Sant'Angelo besonders macht, ist seine Lage inmitten eines archäologischen Areals von großer Bedeutung. Rund um die Festung verstreuen sich die Reste der hellenistischen Stadt Phinziade, die im 3. Jahrhundert vor Christus hier stand. Nekropolen, Heiligtümer, Silos, Straßen, monumentale Gräber, Wohnhäuser und Zisternen sind teilweise noch erkennbar und geben einen Eindruck davon, wie besiedelt dieser Berg schon vor über 2.000 Jahren war.
Weitere Informationen zum archäologischen Kontext liefert die offizielle Tourismusseite von Licata, die eine gute Übersicht über die Anlage und ihre Geschichte gibt. Auch die Region Sizilien listet die Festung unter ihren historischen Wahrzeichen.
Vom Kastell zur Telegrafenstation
So wichtig das Castel Sant'Angelo militärisch einmal war, so wenig war es je Schauplatz einer Schlacht. Die Anlage wurde nie belagert. Im 19. Jahrhundert verlor sie ihre militärische Funktion vollständig. Von 1849 bis 1856 diente das Kastell als Telegrafenstation für den staatlichen Nachrichtendienst. Danach wurde eine Ampel-Anlage der Luftwaffe installiert, die noch bis 1965 in Betrieb war.
Erst 1969 wurde das Castel Sant'Angelo offiziell unter Denkmalschutz gestellt und in den 1980er Jahren umfassend restauriert. Die Superintendenz für Kulturgüter von Agrigent brachte den Turm und mehrere Innenräume in einen zeigbaren Zustand, sicherte die Mauern und öffnete die Anlage für Besucher. Damit steht die Festung heute in einem baulich guten Zustand, allerdings hat sie den Rang eines Museums nicht bekommen und wird eher als Ausflugsort denn als Touristenmagnet gepflegt.
Der Blick, für den man kommt
Wer die Anlage besucht, kommt vor allem für den Ausblick. Von den Zinnen aus überblickt man Licata, den Hafen, die anschließende Küste und bei klarer Sicht sogar die weiter entfernten Küstenabschnitte Richtung Agrigent. Vor allem in den frühen Morgenstunden und kurz vor Sonnenuntergang ist das Panorama beeindruckend. Wind weht ständig vom Meer herauf, Möwen ziehen ihre Kreise, die Sonne färbt das Gestein warm.

Blick vom Monte Sant'Angelo auf Licata und die sizilianische Küste: Vom Castel Sant'Angelo aus überblickt man die Hafenstadt, das Meer und die anschließenden Küstenabschnitte zwischen Agrigent und Gela.
Die Festung selbst ist überschaubar. Wer den dreieckigen Innenhof durchquert, die Zisterne besichtigt und einmal um die Mauern herumgeht, hat die Anlage in etwa einer Stunde erfasst. Wer Zeit und Interesse für die umliegenden archäologischen Reste mitbringt, sollte anderthalb bis zwei Stunden einplanen.
Ein Tipp mit Einschränkungen
Ehrlich gesagt ist der Besuch des Castel Sant'Angelo mit einer gewissen italienischen Realität verbunden. Wie in vielen kleineren Denkmälern Süditaliens sind die Öffnungszeiten nicht immer verlässlich, die Wegweisung mangelhaft und die Anlage ist nicht durchgängig gepflegt. Wer eine polierte Museumserfahrung erwartet, wird enttäuscht sein. Wer sich hingegen auf einen etwas rauen, authentischen Ort einlässt, wird belohnt. Am besten fragt man vor dem Besuch beim InfoPoint der Pro Loco Licata unter Tel. +39 328 0613653 nach den aktuellen Öffnungszeiten, um sich einen Fehlweg zu ersparen.
Für Reisende, die in der Region Agrigent unterwegs sind, ist das Castel Sant'Angelo ein lohnenswerter Umweg. Es lässt sich gut mit einem Besuch des Tals der Tempel oder der Scala dei Turchi verbinden und gibt einen Einblick in ein Sizilien abseits der bekannten Adressen. Ein Sizilien, das gerade wegen seiner Ecken und Kanten so einprägsam ist.
Wir danken Rosario Lo Vacco für die Fotos und die Infos!





