San Gimignano ist eines der beliebtesten Reiseziele der Toskana und ein Sinnbild für italienisches Mittelalter. Die kleine Stadt in der Provinz Siena thront auf einem Hügel im Val d'Elsa, ihre unverwechselbare Silhouette aus Wohntürmen ist schon von Kilometern entfernt zu sehen. Seit 1990 gehört das historische Zentrum zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wer die Toskana besucht, sollte sich einen Tag in San Gimignano gönnen, allerdings mit einigen Tipps im Hinterkopf, damit der Besuch nicht in der Menge untergeht.
Etwa siebentausend Einwohner leben heute in San Gimignano. Zur Blütezeit im 13. Jahrhundert waren es mehr, und wohlhabende Adelsfamilien errichteten damals über siebzig Geschlechtertürme, um ihren Reichtum und ihre Macht zu demonstrieren. Was in Manhattan die Wolkenkratzer sind, waren im Mittelalter die Türme von San Gimignano. Bis heute stehen dreizehn davon, und sie machen die Stadt zu einem der eindrucksvollsten mittelalterlichen Ensembles Europas. Die offizielle Tourismusseite Italia.it beschreibt die Stadt zu Recht als "Meisterwerk menschlicher Kreativität".
Warum die Türme so besonders sind
Die Geschlechtertürme von San Gimignano stammen überwiegend aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sie waren nicht nur Wohnsitz reicher Familien, sondern auch Statussymbol und Verteidigungsanlage in Personalunion. Jede der einflussreichen Familien wollte den höchsten Turm haben. Aus dieser Rivalität, besonders zwischen den Guelfen und den Ghibellinen, entstand ein architektonisches Wettrüsten, das San Gimignano bis heute prägt.
Der höchste erhaltene Turm ist der Torre Grossa mit 54 Metern. Er wurde 1300 begonnen und ist heute der einzige Turm, den Besucher besteigen können. Für die 250 Stufen sollte man etwas Kondition mitbringen, oben wartet dann aber ein Panorama, das die Anstrengung mehr als aufwiegt. Der Torre Rognosa ist der älteste Turm der Stadt und diente zeitweise als Gefängnis. Die übrigen Türme sind zwar nicht begehbar, prägen aber die Silhouette der Stadt und sind auf jedem Rundgang präsent.
Die zentralen Plätze
Das Herz von San Gimignano bilden zwei Plätze, die direkt ineinander übergehen. Die Piazza della Cisterna ist der ältere von beiden. Der dreieckige Platz verdankt seinen Namen der 1287 gebauten unterirdischen Zisterne, die dort noch heute zu sehen ist. Umgeben von mittelalterlichen Steinhäusern und Türmen wirkt der Platz wie eine Freilichtbühne, an der die Zeit stehen geblieben ist. Hier findet sich auch die berühmte Gelateria Dondoli, deren Eismacher zweimal zum Weltmeister der Eiskunst gekürt wurde. Die Warteschlange davor gehört zum Sommerbild von San Gimignano.
Direkt daran anschließend liegt die Piazza del Duomo, der größere der beiden Plätze. Sie wird von sieben Türmen und der Stiftskirche Collegiata di Santa Maria Assunta gerahmt. Die Kirche gehört zu den bedeutendsten der Toskana und beherbergt Fresken von Domenico Ghirlandaio, Benozzo Gozzoli und weiteren Meistern der florentinischen Schule. Trotz teilweiser Beschädigung im Zweiten Weltkrieg sind viele Werke erhalten und geben einen Eindruck von der künstlerischen Bedeutung des Ortes.
Ein Rundgang durch die Stadt
San Gimignano ist überschaubar, in wenigen Stunden lässt sich die Altstadt zu Fuß erkunden. Wer die Stadt betritt, kommt meist durch die Porta San Giovanni und geht die gleichnamige Hauptstraße hinauf. Vorbei an alten Kirchen und den ersten Türmen führt der Weg direkt auf die Piazza della Cisterna und weiter zur Piazza del Duomo. Der Palazzo Comunale, der Rathausbau der Stadt, beherbergt heute das Stadtmuseum und die Pinakothek mit Werken von Pinturicchio, Filippino Lippi und Lippo Memmi.
Für einen der schönsten Panoramablicke lohnt der Aufstieg zur Rocca di Montestaffoli, einer alten Festungsanlage am nördlichen Rand der Altstadt. Das Areal ist heute ein Park, von dem aus man San Gimignano und die umliegende toskanische Landschaft überblickt. Der interaktive Rundgang San Gimignano 1300 zeigt zudem eine detailgetreue Nachbildung der Stadt zur Blütezeit und ist besonders für interessierte Besucher eine kleine Zeitreise wert.

Eine der lebhaften Gassen von San Gimignano mit Blick auf den Torre Grossa: In der autofreien Altstadt reihen sich Kunsthandwerksläden, Trattorien und Weinkeller entlang der mittelalterlichen Steinhäuser.
Wein und Kulinarik
Zu San Gimignano gehört unbedingt der Vernaccia di San Gimignano, ein trockener Weißwein, der ausschließlich auf den Hügeln rund um die Stadt wächst. 1993 war er der erste toskanische Weißwein mit einer geschützten Ursprungsbezeichnung (DOC), heute trägt er sogar das höhere Prädikat DOCG. Wer in der Region ist, sollte sich eine Verkostung gönnen, entweder in einem der zahlreichen Weinkeller der Altstadt, in der Villa della Rocca in Montestaffoli oder direkt beim Consorzio Vernaccia di San Gimignano, das die Interessen der Winzer vertritt und Informationen zu Weingütern und Verkostungen bietet.
Neben dem Wein ist San Gimignano für seinen Safran bekannt, der seit 2005 die geschützte Herkunftsbezeichnung DOP trägt. Bereits im 14. Jahrhundert war die Stadt durch den Safranhandel wohlhabend geworden, denn das Gewürz wurde damals nicht nur in der Küche, sondern auch zum Färben von Seidenstoffen verwendet. In den Restaurants der Altstadt findet man Safran heute in vielen Gerichten, von Risotto bis zu klassischen toskanischen Fleischgerichten.
Die beste Reisezeit für San Gimignano
Die beste Reisezeit für San Gimignano liegt außerhalb der Sommermonate. Juli und August sind zwar warm und wettertechnisch verlässlich, aber die Stadt ist dann von Tagesausflüglern regelrecht überflutet. Die engen Gassen sind kaum noch begehbar, und die Restaurants sind stundenlang ausgebucht. Wer die Stadt in Ruhe erleben möchte, kommt lieber im Frühjahr oder Herbst.
Die schönsten Monate sind April, Mai, September und Oktober. Die Temperaturen sind angenehm, die Landschaft der Toskana blüht oder färbt sich herbstlich, und die Besucherzahlen sind deutlich niedriger. Wer sich für die Weinlese interessiert, findet zwischen Ende September und Anfang Oktober beste Bedingungen. Der Herbst in der Toskana hat generell einen besonderen Reiz mit Weinlese, Olivenernte und der beginnenden Trüffelsaison.
Praktische Tipps für Besucher
Wer San Gimignano besucht, sollte einige praktische Aspekte einplanen. Die Altstadt ist autofreie Zone, Fahrzeuge müssen auf einem der Parkplätze außerhalb abgestellt werden. Alle Parkplätze sind gebührenpflichtig. Wer mit dem Auto anreist, sollte das Parken vorher einplanen, denn Falschparken oder das Überschreiten der Parkdauer kann in der Toskana empfindliche Strafen nach sich ziehen.
Wer flexibler unterwegs sein möchte, kann auf Busse ausweichen. Von Florenz, Siena und Poggibonsi bestehen gute Verbindungen. Der Busbahnhof liegt an der Piazza dei Martiri di Montemaggio bei der Porta San Giovanni. San Gimignano eignet sich auch hervorragend als Ausgangspunkt für Tagesausflüge in die Umgebung, etwa nach Siena, Florenz, Volterra oder ins Chianti-Gebiet. Wer die Toskana ganzheitlich erleben möchte, findet in unserem Beitrag zum nachhaltigen Tourismus in der Toskana weitere Anregungen. Detaillierte offizielle Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen bietet die Tourismusseite Visit Tuscany.
Ein Ort, an dem das Mittelalter noch lebt
Was San Gimignano so besonders macht, ist die Konzentration von mittelalterlicher Substanz auf engem Raum. Türme, Kirchen, Paläste und Plätze ergeben zusammen ein Ensemble, das seit einem Erlass von Cosimo I. de' Medici im 16. Jahrhundert praktisch nicht mehr verändert wurde. Damit gehört San Gimignano zu jenen italienischen Orten, an denen die Vergangenheit nicht musealisiert, sondern gelebt wird. Wer sich Zeit nimmt, die Hauptrouten verlässt und auch die stilleren Seitengassen erkundet, wird belohnt mit einem der eindrucksvollsten toskanischen Erlebnisse überhaupt.





