Zum Inhalt springen

Italienisches Frühstück: Was Italiener wirklich morgens essen

Redaktion
Ein frisches Cornetto und ein Espresso: das klassische italienische Frühstück in seiner minimalistischsten Form, wie es Millionen Italiener jeden Morgen an der Bar zu sich nehmen.

Ein frisches Cornetto und ein Espresso: das klassische italienische Frühstück in seiner minimalistischsten Form, wie es Millionen Italiener jeden Morgen an der Bar zu sich nehmen.

(Foto: © Bastian Glumm)
Teilen:

Das italienische Frühstück unterscheidet sich grundlegend von dem, was in Deutschland üblich ist. Wer zum ersten Mal in einer italienischen Bar oder bei italienischen Freunden zuhause frühstückt, ist meist überrascht. Keine Brötchen, kein Käse, keine Wurst und auch kein deftiges Müsli. Stattdessen etwas Süßes, einen Kaffee und das war es im Wesentlichen. Wer das italienische Frühstück verstehen will, muss zuerst eine Annahme über Bord werfen: dass ein gutes Frühstück üppig sein muss.

Für Italiener ist die colazione eine schnelle, kompakte und ausgesprochen süße Angelegenheit. Sie folgt einem ganz anderen Rhythmus als das Frühstück in Mitteleuropa und ist eng mit der Bar-Kultur verbunden, die wir in unserem Artikel über die italienische Bar ausführlich beschrieben haben. Was genau auf den italienischen Frühstückstisch kommt, hängt von Region, Tageszeit und vor allem davon ab, ob man zuhause oder in der Bar frühstückt.

Zwei Welten: zuhause und in der Bar

Italiener unterscheiden zwischen colazione italiana und colazione all'italiana. Die colazione italiana ist das Frühstück, das die meisten Italiener tatsächlich zuhause essen. Es besteht aus Caffè oder Cappuccino, dazu fette biscottate (zwiebackähnliche getoastete Brotscheiben) mit Butter und Marmelade, biscotti (trockene Kekse), Cornetti aus der Bäckerei oder einfach ein Joghurt mit etwas Müsli. Süß muss es sein, viel mehr braucht es nicht.

Die colazione all'italiana ist das Frühstück in der Bar, also das touristisch bekannte Bild: Cappuccino und Cornetto im Stehen am Tresen. Das ist nicht das tägliche Frühstück aller Italiener, sondern eher ein Ritual am Weg zur Arbeit oder als kurze Pause am Vormittag. Viele Italiener kombinieren beides: ein kleines Frühstück zuhause, danach eine kurze Bar-Pause am Vormittag.

Cornetto, der italienische Frühstücksklassiker

Wenn man italienisches Frühstück sagt, denkt man zuerst an das Cornetto. Halbmondförmig, golden, süß. Es sieht zwar aus wie ein französisches Croissant, ist aber ein eigenes Gebäck mit eigener Geschichte. Während das Croissant fast ausschließlich aus Mehl, Wasser, Hefe und sehr viel Butter besteht, kommt der italienische Cornetto-Teig mit Eiern, Zucker und oft auch Zitruszesten oder Vanille daher. Das macht ihn weicher, süßer und brioche-artiger als das französische Original.

Die Geschichte des Cornetto reicht ins Jahr 1683 zurück, als das österreichische Kipferl über Venedig nach Italien kam. Italienische Bäcker übernahmen die Form, machten den Teig aber süßer und reichhaltiger. Das Cornetto kennt drei klassische Varianten: vuoto (leer), crema (mit Vanillecreme) oder marmellata (mit Marmelade). Schokoladencreme, Pistaziencreme und regionale Spezialitäten kommen je nach Bäckerei dazu. In Neapel etwa gibt es die Polacca aversana, ein Cornetto mit Konditorcreme und Amarena-Kirsche.

Cappuccino, aber nur am Morgen

Zum italienischen Frühstück gehört untrennbar der Cappuccino. Diese Kombination aus Espresso und cremig geschäumter Milch ist das ikonische Getränk des italienischen Morgens. Wichtig zu wissen: Italiener trinken Cappuccino ausschließlich am Vormittag, in der Regel vor 11 Uhr. Wer nach dem Mittagessen oder am Nachmittag einen Cappuccino bestellt, outet sich als Tourist. Der Grund liegt in der italienischen Verdauungslogik: Milch nach dem Essen gilt als schwer und unbekömmlich.

Wer keinen Cappuccino mag, hat Alternativen. Der caffè latte ist eine größere Tasse mit mehr Milch, der latte macchiato heißes Milchgetränk mit einem Schuss Kaffee. Kinder bekommen oft heiße Schokolade oder Milch mit Zerealien. Auch der caffè marocchino, ein kleiner Schichtkaffee aus Kakao, Espresso und Milchschaum, ist eine beliebte Variante zum Frühstück.

Ein Latte Macchiato zum Frühstück, heiße Milch mit einem Schuss Espresso, wird in Italien gerne als Alternative zum Cappuccino getrunken, besonders von Kindern und Milchliebhabern.

Ein Latte Macchiato zum Frühstück, heiße Milch mit einem Schuss Espresso, wird in Italien gerne als Alternative zum Cappuccino getrunken, besonders von Kindern und Milchliebhabern.

(Foto: © Bastian Glumm)

Was Italiener nicht zum Frühstück essen

So wichtig wie zu wissen, was auf dem italienischen Frühstückstisch steht, ist zu wissen, was nicht. Salziges ist morgens weitgehend tabu. Käse, Wurst, Schinken oder Eier gehören in Italien nicht zum Frühstück, sondern frühestens zum Aperitivo oder Mittagessen. Das gilt auch für viele süditalienische Spezialitäten wie prosciutto oder mortadella: morgens sieht man sie selten auf einem italienischen Teller.

Wer als Deutscher in einem italienischen Hotel frühstückt, sieht das anders. Hotels bieten fast immer ein internationales Frühstücksbuffet an, mit Käse, Wurst, Rühreiern, Vollkornbrot und Müsli. Das gehört zum Standardangebot für ausländische Gäste. Beobachtet man jedoch die italienischen Hotelgäste, wird das Bild klar: Sie greifen fast immer zu Cappuccino und Cornetto, während die deutschen und britischen Gäste den Buffet-Tisch mit dem üppigen Angebot ansteuern. Das italienische Frühstück ist also weniger eine Frage des Angebots als eine der Gewohnheit.

Regionale Unterschiede beim italienischen Frühstück

Wie überall in Italien gibt es auch beim Frühstück regionale Unterschiede. In Norditalien spricht man häufig von brioche statt cornetto. Was im Süden ein Cornetto ist, heißt in Mailand, Turin oder Venedig meist Brioche, auch wenn die echte französische Brioche etwas anderes ist. Diese sprachliche Eigenheit verwirrt Touristen oft.

In Süditalien dauert das Frühstück tendenziell länger und ist geselliger. Familien treffen sich morgens in der Bar, Gespräche dehnen sich aus. In Norditalien ist es schneller, oft geht es nur um den schnellen Caffè vor der Arbeit. Sizilien hat seine ganz eigenen Frühstücksklassiker: die Brioche col Tuppo, ein rundes Hefegebäck mit kleiner Kuppel oben, wird traditionell mit Granita, einer halbgefrorenen Eisspeise aus Mandel, Kaffee oder Zitrone, kombiniert. Wer einmal in Catania oder Palermo einen Sommermorgen erlebt hat, weiß, warum diese Kombination dort Kultstatus hat.

Im Stehen am Tresen oder doch am Tisch

Ein weiterer Aspekt des italienischen Frühstücks ist die Frage, wo man frühstückt. Die meisten Italiener trinken ihren Caffè und essen ihr Cornetto im Stehen am Tresen, al banco. Das geht schnell, kostet wenig (oft nur etwa 1,50 Euro für die Kombination) und ist Teil der Tagesroutine. Wer sich an einen Tisch setzt, al tavolo, zahlt deutlich mehr für denselben Caffè, manchmal das Drei- oder Vierfache.

Touristen unterschätzen oft diesen Preisunterschied. In klassischen italienischen Bars, etwa im historischen Gran Caffè Gambrinus in Neapel, kann ein Cappuccino am Tisch durchaus fünf bis sechs Euro kosten, während er am Tresen bei 1,50 Euro liegt. Für eine schnelle Pause empfiehlt sich also der Tresen, für ein längeres Verweilen lohnt es sich, die Tischpreise zu kennen.

Warum das italienische Frühstück so funktioniert

Das italienische Frühstück ist auf den ersten Blick spartanisch, hat aber seine eigene Logik. Italiener essen tagsüber drei feste Mahlzeiten mit eindeutigem Zeitrahmen. Das Mittagessen um 13 Uhr und das Abendessen um 20 oder 21 Uhr sind die Hauptmahlzeiten des Tages. Wer morgens üppig isst, hat um 13 Uhr keinen Hunger mehr. Das süße Cornetto und der starke Caffè liefern Energie für den Vormittag, ohne den Magen zu belasten.

Hinzu kommt die kulturelle Bedeutung des Bar-Besuchs. Die kurze Pause am Tresen ist mehr als nur ein Frühstück. Sie ist ein sozialer Akt, ein kurzer Plausch mit dem Barista, eine Begegnung mit Nachbarn oder Kollegen. Das italienische Frühstück ist also weniger eine Mahlzeit als ein Ritual, das den Tag in ruhiger und gleichzeitig geselliger Weise eröffnet.

Wer es ausprobieren möchte

Wer das italienische Frühstück selbst zuhause nachempfinden möchte, braucht nicht viel. Cornetti aus der italienischen Bäckerei oder einer guten Pasticceria, eine Espressomaschine oder eine Moka-Kanne, dazu Milch zum Aufschäumen. Wichtig ist die Reihenfolge und das Tempo: erst den Caffè vorbereiten, dann das Cornetto warm machen, beides im Stehen genießen, fertig nach fünf Minuten. So bekommt man einen ersten Eindruck davon, wie ein italienischer Morgen beginnt. Und vielleicht merkt man dabei, dass weniger manchmal mehr ist.

Teilen:

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann hol dir jeden Sonntag die neuesten Beiträge über das Leben in Italien direkt ins Postfach.


Das könnte dich auch interessieren