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Ostia: Warum Roms Badeort gerade umgebaut wird

Redaktion
Der Küstenabschnitt von Ostia im Abendlicht: Auf 11,3 Kilometern reihen sich Strandbäder und freie Zugänge aneinander. Der aktuelle Umbau soll das Verhältnis zugunsten der öffentlichen Nutzung verschieben.

Der Küstenabschnitt von Ostia im Abendlicht: Auf 11,3 Kilometern reihen sich Strandbäder und freie Zugänge aneinander. Der aktuelle Umbau soll das Verhältnis zugunsten der öffentlichen Nutzung verschieben.

(Foto: © DedMityay - adobe.stock.com)
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Am Stadtstrand von Ostia, wenige Kilometer vom römischen Stadtzentrum entfernt, sind Anfang August 2026 die Abrissbagger im Einsatz. Zwei bekannte Strandbäder, das „Shilling" und das benachbarte „Sporting Beach", werden aktuell abgerissen. Der Umbau folgt einer neuen Verordnung des Bürgermeisters von Rom, Roberto Gualtieri, die den Anteil freier Strände in Ostia deutlich erhöhen und die Zahl der privaten Stabilimenti Balneari reduzieren soll. Für Reisende, die in dieser Saison am Meer bei Rom Urlaub machen, ist das der sichtbarste Umbau der letzten Jahrzehnte an einem klassischen italienischen Badeort. Ein flächendeckender Umbruch an Italiens Küsten ist das allerdings nicht: In den meisten anderen Regionen läuft die Saison wie immer.

Die Zahlen zum Umbau

Ostia umfasst insgesamt 11,27 Kilometer Küstenlinie, die bislang zu einem großen Teil durch Zäune und Mauern der privaten Strandbäder vom öffentlichen Zugang getrennt waren. Nur 1,2 Kilometer standen als freier Strand ohne Zahlung zur Verfügung. Wie Roma Today die Verordnungslage der Saison 2026 im Detail zusammenfasst, soll dieser Anteil auf 6,49 Kilometer ausgebaut werden, kombiniert mit einer Reduktion der Stabilimenti von etwa 70 auf 35. Das im Juni 2026 von der Aula Giulio Cesare beschlossene Piano di Utilizzo dell'Arenile sieht vor, dass 58 Prozent der Gesamtfläche des Küstenstreifens der öffentlichen Nutzung zur Verfügung stehen müssen, deutlich mehr als das von der Region Latium vorgesehene Mindestmaß von 50 Prozent. Neue öffentliche Zugänge zum Meer sollen alle 300 Meter entstehen, mit einer Mindestbreite von 3 Metern, damit die Sicht auf das Meer und der Weg dorthin nicht mehr durch die Mauern der Anlagen versperrt werden.

Vor Beginn der Saison mussten 34 Stabilimenti in Ostia außerdem widerrechtlich errichtete Bauten wie Veranden, erweiterte Kabinen und Restaurantsteile abreißen. Wie Dinamopress zur Kontrollaktion der Behörden festhält, wurden dabei rund 73.000 Quadratmeter Fläche mit Drohnen und technischen Kontrollen überprüft, und etwa ein Hektar illegaler Bausubstanz nachgewiesen. Ein weiteres Stabilimento, das „Village", wurde nach Mafia-Ermittlungen an die alten Betreiber entzogen und an eine Genossenschaft neu vergeben. Damit ist Ostia das aktuell auffälligste Beispiel für die Neuordnung eines italienischen Strandabschnitts durch die zuständigen Kommunen.

Der rechtliche Hintergrund: Die Bolkestein-Richtlinie

Die Grundlage für die Neuordnung in Ostia ist die europäische Bolkestein-Richtlinie, offiziell die EU-Dienstleistungsrichtlinie 2006/123/CE. Sie schreibt vor, dass staatliche Konzessionen für öffentliche Güter regelmäßig neu ausgeschrieben werden müssen. Da die italienische Küste rechtlich Staatsbesitz ist, gelten die Pachtverträge der Strandbäder als solche Konzessionen. Über zwei Jahrzehnte hinweg hatten wechselnde italienische Regierungen die Umsetzung der Richtlinie hinausgezögert, weil die politische Lobby der über 7.300 offiziell registrierten Stabilimenti-Familien in vielen Wahlkreisen einflussreich ist. Ab 2027 soll die Umsetzung endgültig starten.

In Ostia setzt die Stadt Rom die Neuvergabe bereits jetzt um, weil die dortigen Konzessionen ausgelaufen sind und mehrere Rechtsverfahren zugunsten der neuen Regelung entschieden wurden. Am 21. April 2026 hob der Consiglio di Stato die Blockade-Beschlüsse des TAR Lazio auf, am 11. Mai 2026 bestätigte das TAR selbst in drei Urteilen die Rechtmäßigkeit der neuen Ausschreibungen für Ostia. Damit ist der Weg für die Umsetzung im Bereich Rom rechtlich frei, während in anderen Regionen die Verlängerungen der alten Konzessionen bis Ende 2027 laufen und die Reform dort erst später greift.

Widerstand der Betreiber

Der Umbau in Ostia ist nicht ohne Widerstand. Am 14. Juni 2026 versammelten sich Betreiber, Anwohner und Beschäftigte zu einer Protestveranstaltung mit dem Titel „Il Funerale di Ostia", also „Die Beerdigung von Ostia", an der Piazza Anco Marzio. Wie News Balneari im Detail berichtet, sehen viele Betreiber im aktuellen Umbau eine existenzielle Bedrohung, weil die neuen Ausschreibungen so gestaltet sind, dass sie für kleine Familienbetriebe schwer zu erfüllen sind. Die Aggiudicazione der neuen Konzessionen erfolgte im Rahmen von drei Ausschreibungen, die zusammen 52 auslaufende Konzessionen umfassten, mit einer Royalty auf den Umsatz von bis zu 30 Prozent Gewichtung in der Bewertung. Zusätzlich stehen einige Anlagen leer, weil die Rechtsverfahren um die neuen Konzessionen noch nicht abgeschlossen sind und die Übergabe an die neuen Betreiber sich verzögert hat.

Die Kritik richtet sich auch gegen die wirtschaftliche Struktur der Reform. Nach einer im Times zitierten Auswertung sind die Preise für zwei Liegen und einen Schirm in Italien in den letzten fünf Jahren um rund 24 Prozent gestiegen. Kritiker sehen darin einen Teil des Anlasses für die Reform, Befürworter der bestehenden Struktur wie L'Opinione verweisen dagegen auf die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors und die aus ihrer Sicht überzogenen Ausschreibungsbedingungen. Nach einer Studie des Centrum für Europäische Politik liegt der durchschnittliche Jahresumsatz eines Stabilimento bei rund 260.000 Euro, während die Konzessionsgebühr an den Staat im Schnitt nur 8.200 Euro beträgt. An diesem Missverhältnis entzündet sich der politische Streit, der bisher nie zu einer nationalen Lösung geführt hat.

Was Reisende in Ostia jetzt beachten sollten

Wer in dieser Saison an den Stadtstrand von Rom fährt, findet ein gemischtes Bild. Einige Stabilimenti sind wie gewohnt geöffnet, andere sind geschlossen oder werden gerade abgerissen. Die freien Strandbereiche sind spürbar größer und besser beschildert als in den Vorjahren, gleichzeitig ist die Auslastung dort höher, weil die verbleibenden Zugänge stärker frequentiert werden. Die zuständige Verordnung schreibt vor, dass die Betreiber der offenen Anlagen den Durchgang zum Meer für Nichtkunden ermöglichen, die Preise transparent auszeichnen und Rettungsschwimmer zwischen 9:00 und 19:00 Uhr bereitstellen müssen. Zehn weitere Stabilimenti stehen unter Sequester der Staatsanwaltschaft Rom, darunter „Mariposa", „Peppino a Mare", „Arcobaleno Beach" und „Caletta", fünf werden wegen struktureller Schäden, Erosion oder Vandalismus in dieser Saison nicht öffnen.

Für die anderen italienischen Küstenabschnitte, die klassisch von deutschsprachigen Reisenden angesteuert werden, ändert sich in dieser Saison noch wenig. An der Adria in der Emilia-Romagna, an den ligurischen und toskanischen Küsten sowie in Süditalien laufen die Konzessionen weitgehend unverändert. Die eigentliche flächendeckende Umsetzung der Bolkestein-Richtlinie steht mit den Ausschreibungen ab 2027 noch bevor, und mit Verzögerungen und weiteren Rechtsverfahren ist zu rechnen. Für Reisende, die aktuell einen italienischen Badeurlaub planen, bleibt daher der Blick auf die konkreten regionalen Verordnungen und die klassischen Preise für Schirm und Liege der wichtigste Bezugspunkt, wie sie unter dem Stichwort Caro Ombrellone diskutiert werden.

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