Wer sich Ostuni von Süden nähert, sieht schon aus der Ferne den blendend weißen Fleck auf den Hügeln vor der Alta Murgia. Ostuni in der Provinz Brindisi wird in Italien als La Città Bianca bezeichnet, die Weiße Stadt, und ist für ihre vollständig mit Kalk getünchten Häuser bekannt. Die rund 30.000 Einwohner leben auf drei Hügeln zwischen der Alta Murgia im Landesinneren und der Adria, deren Küste rund acht Kilometer entfernt liegt. Der weiße Anstrich der Altstadt ist keine ästhetische Laune, sondern geht auf eine kommunale Verordnung um das Jahr 1800 zurück, die eine ältere Praxis des Kalk-Anstrichs gegen die Pest fortführte und bis heute in Kraft ist.
Kalk gegen die Pest: die Geschichte des weißen Anstrichs
Die Praxis, Häuser mit Kalk zu tünchen, ist in der Region bereits im Mittelalter dokumentiert. Ihre systematische Anwendung als Hygiene-Maßnahme setzte sich jedoch erst im 17. Jahrhundert durch, als in Süditalien wiederholt Pest-Epidemien auftraten. Um das Jahr 1800 erließ die Stadtverwaltung von Ostuni eine formale Verordnung, mit der die Bewohner verpflichtet wurden, die Fassaden ihrer Häuser regelmäßig mit weißem Kalk zu bestreichen. Kalk hat eine antibakterielle Wirkung, ist einfach herzustellen und war für die damalige Bevölkerung erschwinglich.
Der weiße Anstrich hatte gleich mehrere praktische Effekte: Er wirkte als natürliches Desinfektionsmittel gegen Krankheitserreger, reflektierte im Sommer die Sonne, hielt die engen Gassen der Altstadt kühler und erhöhte die Sichtbarkeit in den schmalen Wegen zwischen den Häusern. Aus der ursprünglichen Notmaßnahme wurde über die Generationen ein Identitätsmerkmal, das die Stadt heute weltweit bekannt macht. Nach Angaben der Stadt Ostuni gilt die Verordnung bis in die Gegenwart, und die Bewohner erneuern den Anstrich in regelmäßigen Abständen.
Das historische Zentrum La Terra
Der ummauerte, mittelalterliche Kern von Ostuni trägt den Namen La Terra. Er liegt auf dem höchsten der drei Hügel und ist ein enges Geflecht aus Gassen, Treppen und kleinen Innenhöfen, die sich um die Kathedrale gruppieren. Die Cattedrale Santa Maria Assunta aus dem 15. Jahrhundert gilt als eines der wichtigsten Beispiele der spätgotischen Baukunst in Süditalien. Ihre Rosette mit 24 Speichen ist ein oft fotografiertes Detail und in dieser Form einzigartig in Apulien.
Herzstück des öffentlichen Lebens ist die Piazza della Libertà, die unterhalb der Altstadt liegt, mit der rund 20 Meter hohen Sant'Oronzo-Säule aus dem Jahr 1771. Sant'Oronzo ist der Schutzpatron der Stadt, dem die Ostuner die Rettung vor einer Pestepidemie zuschreiben. Jedes Jahr vom 25. bis 27. August erinnert die Cavalcata di Sant'Oronzo mit einem historischen Kostümumzug an dieses Ereignis. Von der Piazza aus führen die charakteristischen Gassen mit ihren weißen Wänden hinauf in Richtung Kathedrale, an Handwerksläden, kleinen Restaurants und Panorama-Terrassen vorbei.
Zwischen Alta Murgia und Adria
Rund um Ostuni erstreckt sich die Piana degli Ulivi Monumentali, eine Ebene mit uralten Olivenbäumen, von denen manche über tausend Jahre alt sind. Die Region ist eines der wichtigsten Anbaugebiete für natives Olivenöl extra in Italien, dazu wird hier Wein angebaut. Die Stadt gibt einer eigenen Herkunftsbezeichnung ihren Namen: Der Ostuni DOC umfasst den Weißwein Bianco di Ostuni aus den lokalen Rebsorten Impigno und Francavilla sowie den Rosé Ostuni Ottavianello, dessen Rebsorte auf den französischen Cinsaut zurückgeht. Beide gehören zum umfangreichen Kosmos des italienischen Weins.
Die Küste vor Ostuni ist bekannt für lange Sandabschnitte und Felsbuchten und wird regelmäßig mit der Bandiera Blu ausgezeichnet, dem europäischen Zertifikat für Wasserqualität und Strandpflege. Die bekanntesten Küstenabschnitte tragen die Namen Pilone, Rosa Marina, Costa Merlata und Torre Pozzella. Nach den Informationen des offiziellen Tourismus-Portals der Region Apulien zu Ostuni sind die Strände alle über die Küstenstraße erreichbar und mit Bade-Infrastruktur ausgestattet. Nördlich liegt zudem das Naturschutzgebiet Riserva Naturale di Torre Guaceto mit rund acht Kilometern unbebauter Küste.
Anreise und Reisezeit
Ostuni hat einen eigenen Bahnhof an der Trenitalia-Strecke Bari-Brindisi-Lecce, der Ort selbst liegt rund vier Kilometer vom Bahnhof entfernt und ist mit einem Shuttle-Bus verbunden. Wer mit der Bahn nach Süditalien fährt, erreicht Ostuni bequem aus Bari (etwa 45 Minuten), Lecce (rund 30 Minuten) oder aus Rom mit einer Umsteigeverbindung. Der nächstgelegene Flughafen ist Brindisi-Salento, rund 40 Kilometer südlich.
Als beste Reisezeit gelten die Übergangsmonate April, Mai und September bis Oktober. Die Temperaturen bleiben mild, das Meer reicht für ein Bad, und der Andrang in der Altstadt fällt spürbar geringer aus als im Juli und August. In der Hochsaison ist mit hohem Besucheraufkommen zu rechnen, insbesondere in den Abendstunden, wenn sich Ostuni in ein warmes, gelbes Licht taucht und die weißen Wände die letzten Sonnenstrahlen reflektieren.




