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Pitigliano: Klein-Jerusalem auf einem Tuffstein-Felsen

Redaktion
Das malerische Pitigliano in der südlichen Toskana thront auf einem steilen Tuffsteinfelsen und entfaltet in der Abenddämmerung seinen besonderen Zauber.

Das malerische Pitigliano in der südlichen Toskana thront auf einem steilen Tuffsteinfelsen und entfaltet in der Abenddämmerung seinen besonderen Zauber.

(Foto: © Taiga - adobe.stock.com)
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Wer sich Pitigliano aus der Ferne nähert, sieht die Stadt zuerst als eine Silhouette, die aus dem Fels herauswächst. Der kleine Ort in der Provinz Grosseto liegt auf einem Tuffstein-Felsen über den Tälern der Flüsse Lente, Meleta und Prochio und gehört zu den bekanntesten Motiven der Maremma-Toskana. Rund 3.700 Menschen leben in dem Borgo, der als eines der „Borghi più belli d'Italia" ausgezeichnet ist und zusätzlich die Bandiera Arancione des italienischen Touring Club trägt. Bekannt ist Pitigliano vor allem unter einem Beinamen, der auf die jüdische Gemeinde des 16. Jahrhunderts zurückgeht: Piccola Gerusalemme, das kleine Jerusalem der Toskana.

Die Città del tufo auf dem Felsen

Pitigliano ist eine Città del tufo, eine Stadt aus Tuffstein. Das vulkanische Gestein ist zugleich Baugrund und Baumaterial: Die Häuser wurden aus demselben Tuff errichtet, aus dem auch der Felsen besteht, auf dem sie stehen. Von Weitem wirkt der Ort deshalb wie eine gewachsene Fortsetzung des Sockels, auf dem er ruht. Der Stadtgrundriss folgt der schmalen Felszunge, an den Rändern fallen die Fassaden senkrecht in die Schluchten ab.

Unter der Altstadt liegt eine zweite Stadt, ebenfalls in den Tuffstein-Felsen gegraben. Keller, Vorratsräume, Ölmühlen, Weinkeller und Zisternen erstrecken sich als unterirdisches Netz durch das gesamte Gemeindegebiet. Viele dieser Räume werden bis heute genutzt, andere sind zu Ausstellungsflächen geworden oder öffnen einmal jährlich beim Weinfest ihre Türen für Besucher. Nach Angaben des offiziellen Tourismus-Portals der Toskana wurde Pitigliano so vollständig in den Tuff gemeißelt, dass der Ort selbst als aus dem Fels geformt erscheint.

Piccola Gerusalemme: das jüdische Erbe

Pitiglianos Ruf als Piccola Gerusalemme geht auf eine jüdische Gemeinde zurück, die sich im 16. Jahrhundert unter dem Schutz der Familie Orsini in der Stadt ansiedelte. Nach der Einrichtung der päpstlichen Ghettos in Rom und im Kirchenstaat fanden viele jüdische Familien in Pitigliano Zuflucht. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde auch hier ein Ghetto eingerichtet, das sich aber nicht als Ausgrenzung entwickelte, sondern als lebendiger Stadtteil, in dem Handwerk, Handel und religiöses Leben blühten. Auf ihrem Höhepunkt zählte die Gemeinde weit über sechshundert Mitglieder.

Herzstück des ehemaligen Ghettos ist die Sinagoga cinquecentesca, die im 16. Jahrhundert errichtet wurde, in den 1960er Jahren nach einem Einsturz weitgehend zerstört war und 1995 nach ihrem historischen Vorbild wieder aufgebaut wurde. Der Aron Ha-Codesh, der Toraschrein, ist, wie es die jüdische Tradition verlangt, in Richtung Jerusalem ausgerichtet. Direkt unterhalb der Synagoge liegen in den Tuffstein gehauene Räume, in denen das rituelle Bad Mikwe, das Forno delle Azzime für die Herstellung des ungesäuerten Brots zum Pessachfest, die Macelleria Kascher und die Cantina Kascher eingerichtet waren. Sie können heute besichtigt werden und geben ein präzises Bild vom Alltag der Gemeinde in den vergangenen Jahrhunderten.

Etruskische Vie Cave und der Palazzo Orsini

Die Geschichte Pitiglianos beginnt lange vor der jüdischen Gemeinde. In der Umgebung der Stadt haben die Etrusker ein weit verzweigtes Netz aus Vie Cave hinterlassen, tief in den Tuff geschlagene Hohlwege, die stellenweise bis zu zwanzig Meter senkrecht in die Landschaft geschnitten sind. Ihre Funktion ist bis heute umstritten. Nach Angaben der Stadt Pitigliano zählen die Vie Cave gemeinsam mit den zahlreichen etruskischen Nekropolen im Umland zu den bedeutendsten archäologischen Zeugnissen der Region, deren Funde im Museo Civico Archeologico della Civiltà Etrusca im Palazzo Orsini ausgestellt sind.

Im Zentrum der Altstadt steht der Palazzo Orsini, dessen Kern auf einen Klosterbau des 11. und 12. Jahrhunderts zurückgeht, der von den Aldobrandeschi in der Mitte des 13. Jahrhunderts zu einer Rocca umgebaut wurde. Die Orsini bauten den Palast im 15. und 16. Jahrhundert zu einer Renaissance-Residenz um; heute beherbergt er das Diözesan-Museum von Palazzo Orsini und ein archäologisches Museum mit etruskischen Funden. Wenige Schritte entfernt liegt die Cattedrale dei Santi Pietro e Paolo mit ihrem barocken Innenraum, davor der markante Acquedotto Mediceo, dessen Bau im 16. Jahrhundert unter den Orsini begann und der zwischen 1636 und 1639 unter den Medici vollendet wurde.

Küche und Weinbau: Sfratto und Bianco di Pitigliano

Die Küche Pitiglianos trägt die Spuren beider Traditionen, der maremmanisch-toskanischen und der jüdischen. Eines der bekanntesten Rezepte ist die Acquacotta, eine einfache Suppe der bäuerlichen Maremma aus Brot, Zwiebeln, Wildkräutern und Ei. Aus der jüdischen Tradition stammt der Sfratto del Goym, ein schlankes Gebäck in Form eines Knüppels, gefüllt mit Honig, Walnüssen, Orangenschale, Zimt und Muskat. Der Name erinnert an die Polizeiknüppel, mit denen jüdische Familien im 17. Jahrhundert in das Ghetto vertrieben wurden. Aus einem Symbol der Diskriminierung ist heute ein Wahrzeichen der lokalen Gastronomie geworden, das im Forno del Ghetto neben der Synagoge das ganze Jahr über hergestellt wird.

Rund um die Stadt liegt das Anbaugebiet des Bianco di Pitigliano DOC, einer der ältesten Herkunftsbezeichnungen der Toskana. Sie wurde bereits 1966 anerkannt und umfasst Weißweine aus überwiegend Trebbiano Toscano, ergänzt durch Malvasia, Verdello und Grechetto. Der Bianco di Pitigliano zählt zum umfangreichen Kosmos des italienischen Weins und wird traditionell in den Tuff-Kellern der Stadt vinifiziert. Beim jährlichen Settembre Divino öffnen die historischen Kelleranlagen im September ihre Türen für Verkostungen und begleitende Musikprogramme. Wer die Region weiter erkunden will, kombiniert Pitigliano gern mit einer Tour durch die Maremma-Toskana und ihre Küche.

Anreise und Reisezeit

Pitigliano ist am einfachsten mit dem Auto zu erreichen. Von Rom sind es rund zwei Stunden über die Via Cassia oder die Autobahn A1 mit Ausfahrt Orvieto. Aus Grosseto führt die Strada Statale 74 in etwa einer Stunde ans Ziel. Wer keine eigene Anreise organisieren möchte, kann aus Grosseto einen der Regionalbusse nutzen; einen eigenen Bahnhof hat Pitigliano nicht, der nächstgelegene größere Umsteigepunkt ist Grosseto.

Als beste Reisezeit gelten die Übergangsmonate April bis Juni und September bis Oktober. Die Temperaturen bleiben mild, der Andrang im Ghetto und in den Museen hält sich in Grenzen und die Vie Cave lassen sich zu Fuß erkunden, ohne dass die Sommerhitze der Maremma zum Problem wird. Der September hat den besonderen Reiz, dass er die Weinlese und das Weinfest zusammenführt und die unterirdischen Kellerräume der Stadt am ersten Septemberwochenende an vier Tagen alle geöffnet sind.

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