Ein Fischerdorf im nordwestlichen Sizilien und ein Stadtteil im Bergischen Land: Trappeto und Solingen-Ohligs verbindet eine der bemerkenswertesten Auswanderungs-Geschichten der deutsch-italienischen Nachkriegszeit. Vom rund 3.100-Seelen-Ort am Golf von Castellammare ist ab den 1960er Jahren ein großer Teil der Bevölkerung nach Solingen abgewandert, mit langfristigen Folgen für beide Orte. Heute prägen die Trappetesi und ihre Nachfahren den Solinger Stadtteil Ohligs mit ihrer Sprache, ihren Vereinen und ihrer Kultur so stark, dass Ohligs im Volksmund als „Klein-Trappeto" gilt. Ein Portrait des sizilianischen Ortes mit einem Blick auf die deutsche Verbindung.
Trappeto: Fischerdorf am Golf von Castellammare
Trappeto liegt an der Nordwestküste Siziliens, in der Metropolitanstadt Palermo, rund 52 Kilometer westlich der Regionalhauptstadt. Wie die offizielle Tourismus-Website der Metropolitanstadt Palermo zum Ort ausführt, hat der Ort rund 3.100 Einwohner und grenzt an die Nachbargemeinden Balestrate, Partinico und Terrasini. Die Bevölkerung arbeitet hauptsächlich in der Landwirtschaft und in der Fischerei, wobei der lokale Fischmarkt als eine der Touristenattraktionen des Ortes gilt.
Die Lage am Golf von Castellammare, der zu den geografisch markantesten Buchten Siziliens gehört, verleiht dem Dorf einen besonderen landschaftlichen Reiz. Sand, Strand und Küste sind heute die tragenden Elemente einer bescheidenen, aber wachsenden Tourismus-Wirtschaft, die sich an ein Publikum wendet, das Sizilien abseits der großen touristischen Zentren erleben möchte. In der Nähe liegen bekanntere Orte wie Castellammare del Golfo, Scopello und die Riserva Naturale dello Zingaro, während Palermo mit dem Auto in rund einer Stunde zu erreichen ist.
Vom Zuckerrohr zur Fischerei
Der Name des Ortes verweist auf eine wirtschaftliche Vergangenheit, die mit der heutigen Fischerei wenig zu tun hatte. Wie der lokale Fachverband GAL Golfo di Castellammare in seinem Gemeinde-Portrait dokumentiert, errichtete der Grundbesitzer Francesco Bologna im Jahr 1480 in „Trappetum Cannamelarum" eine Anlage zur Zuckerrohr-Verarbeitung, aus der sich der Ort im Laufe des 16. Jahrhunderts entwickelte. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde der Ort zeitweise verlassen und Ende des 18. Jahrhunderts wiederbesiedelt, diesmal mit einer Ausrichtung auf den Weinbau. Erst 1954 erhielt Trappeto den Status einer eigenständigen Gemeinde.
Erst als sich später Fischer in Trappeto niederließen, verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum vom Zuckerrohr auf die Fischerei. Bekannt wurde der Ort in den 1950er Jahren durch den Sozialaktivisten Danilo Dolci, der in Trappeto und der umliegenden Region gegen Armut und die Passivität der Behörden vorging. Seine öffentlichen Protestaktionen lenkten international Aufmerksamkeit auf die soziale Situation Westsiziliens.
Die Auswanderung nach Solingen ab den 1960er Jahren
Der Wendepunkt in der modernen Geschichte des Ortes kam mit dem deutschen Wirtschaftswunder. Ab den 1960er Jahren verließen sizilianische Familien in großer Zahl ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit. Während die meisten Sizilianer in unterschiedliche europäische und außereuropäische Ziele auswanderten, konzentrierten sich die Trappetesi auffällig stark auf einen einzigen deutschen Ort: Solingen im Bergischen Land, konkret den Stadtteil Ohligs. Wie das Onlineprojekt Trappeto-Solingen von Michaela Böhm und Stephan Morgenstern beschreibt, das 2016 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde, machten sich diese Auswanderer die industrielle Struktur der Klingenstadt zunutze.
In Solingen fanden die Neuankömmlinge Arbeit vor allem in der Schneidwarenindustrie, dem historischen wirtschaftlichen Rückgrat der Stadt, sowie beim Unternehmen Bremshey, wo unter anderem der bekannte Regenschirm Knirps und der Servierwagen Dinett produziert wurden. Fast alle Trappetesi, die ihre Heimat verließen, landeten in Solingen-Ohligs, ein für Auswanderungsbewegungen ungewöhnlicher Konzentrationsgrad, der die Verbindung zwischen den beiden Orten prägt. Neben den Trappetesi kamen auch Menschen aus benachbarten sizilianischen Orten wie Partinico, Balestrate, Giardinello und San Fratello nach Ohligs, sodass sich dort im Laufe der Jahrzehnte eine der bemerkenswertesten sizilianischen Gemeinschaften Deutschlands bildete.

Trappetos Bürgermeister Santo Cosentino (Mitte) trug sich vor vier Jahren im Beisein des damaligen Solinger Oberbürgermeisters Tim Kurzbach (rechts) ins Goldene Buch der Stadt Solingen ein. Links steht der damalige Solinger Ratsherr Salvatore Tranchina.
Ohligs, geprägt von seiner sizilianischen Gemeinschaft
Wer heute durch Solingen-Ohligs geht, erlebt die Folgen dieser Auswanderungsgeschichte im Alltag. Der Stadtteil ist bis heute stark von seinen sizilianischen Bewohnern geprägt, mit italienischen Bäckereien, Restaurants, Eisdielen und Lebensmittelgeschäften, die die kulinarische Tradition der Herkunftsorte weitertragen. Wie der deutsch-italienische Verein Solitalia auf seiner Website dokumentiert, gehört Solingen zu den italienstärksten Städten Deutschlands, gemessen am Anteil der italienischen Bevölkerung. Die Trappetesi bilden dabei einen bedeutenden, aber nicht den einzigen Teil dieser Gemeinschaft, ergänzt durch Zuwanderer aus anderen sizilianischen Orten und aus weiteren italienischen Regionen.
Ein besonders sichtbarer Ausdruck der italienischen Präsenz in Solingen ist die alljährliche Karfreitagsprozession der Missione Cattolica Italiana. Jedes Jahr verwandelt die Passione Vivente unter der Leitung von Falk Witzmann Solingen-Wald in Jerusalem: Vom Walder Stadtpark aus führt der Passionsweg über mehrere Stationen bis zur Kirche St. Katharina an der Weyerstraße. Rund 60 Aktive aus der italienischen Gemeinde, darunter Schauspieler und Komparsen, gestalten die Darstellung mit einem jährlich wechselnden Jesus-Darsteller. Die Proben beginnen bereits im Januar, während der Prozession werden Gebete und Lieder auf Italienisch und Deutsch dargeboten. Die konstante Präsenz von mehreren Hundert Zuschauern zeigt, wie tief die italienische Gemeinschaft Solingens im Stadtleben verankert ist.
Die Verbindung zwischen den beiden Orten wird nicht nur durch Familienbeziehungen aufrechterhalten, sondern auch durch aktive Vereinsarbeit. Der Verein Solitalia und die Bürgerbewegung Amicizia italo-tedesca pflegen den Austausch zwischen Trappeto und Solingen mit Reisen, kulturellen Veranstaltungen und gemeinsamen Projekten. Viele der einst Ausgewanderten pendeln bis heute zwischen beiden Orten oder sind nach Jahrzehnten in der Klingenstadt in ihre alte Heimat zurückgekehrt, während ihre Kinder und Enkel in Solingen aufgewachsen sind und die Identität des Stadtteils Ohligs weiter prägen.

Die Folkloregruppe „Quelli della Contradanza“ aus Cinisi zog beim dritten Festival Solitalia am 11. Juni 2023 mit sizilianischer Musik von St. Joseph zum Festgelände in der Ohligser Innenstadt.
Eine informelle Städtefreundschaft
Die enge Beziehung zwischen den beiden Orten hat sich in den vergangenen Jahren zu einem informellen Gemellaggio, einer Städtefreundschaft, weiterentwickelt. Wie die Regional-Zeitung PalermoToday über den letzten offiziellen Besuch berichtet, war der damalige Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach am 20. Juli 2025 in Trappeto zu Gast, wo gemeinsam mit dem Bürgermeister von Trappeto, Santo Cosentino, eine neu gestaltete Statue der Madonna di Fatima vor der Chiesa Madre eingeweiht wurde. Eine Miniatur derselben Statue soll in Solingen-Ohligs zu Ehren der ausgewanderten Trappetesi aufgestellt werden. Kurzbach ist seit dem 1. November 2025 nicht mehr im Amt, Nachfolger ist Daniel Flemm (CDU).
In eigener Sache
Die Redaktion von vivereinitalien.de hat derzeit noch ihren Sitz in Solingen. Aus dieser Nähe zur sizilianischen Gemeinschaft des Stadtteils Ohligs beobachten wir die Verbindung zwischen den beiden Orten mit besonderer Aufmerksamkeit, viele Trappetesi zählen zu unseren persönlichen Bekannten. Am 20. September 2026 wandern wir selbst nach Italien aus, in die Campi Flegrei bei Pozzuoli in Kampanien. Für unsere Berichterstattung über Italien ist Trappeto einer der Orte, an denen die deutsch-italienische Nachkriegsgeschichte konkret sichtbar bleibt und der besonders zeigt, wie stark die Auswanderungsbewegungen der 1960er Jahre beide Länder bis heute prägen.




