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Vino Novello und San Martino: Italiens Novembertradition

Redaktion
Die Weinhügel von La Morra im Piemont, Teil der UNESCO-Welterbestätte Langhe-Roero und Monferrato. Zur Freigabe des Vino Novello am 30. Oktober und zum San-Martino-Fest am 11. November stehen Italiens Weinregionen im Zeichen des Jungweins und der ersten Verkostungen.

Die Weinhügel von La Morra im Piemont, Teil der UNESCO-Welterbestätte Langhe-Roero und Monferrato. Zur Freigabe des Vino Novello am 30. Oktober und zum San-Martino-Fest am 11. November stehen Italiens Weinregionen im Zeichen des Jungweins und der ersten Verkostungen.

(Foto: © zeropercento - adobe.stock.com)
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Mit dem 30. Oktober beginnt in Italien die Saison des Vino Novello: Ab 00:01 Uhr darf der Jungwein in den Handel. Rund zwei Wochen später, am 11. November, feiert das Land dann San Martino. Beide Termine gehören zusammen, weil der ländliche Kalender in Italien jahrhundertelang nach dieser Abfolge arbeitete: Lese, Fassöffnung, Jahreswechsel in den Höfen. Für Reisende durch die Toskana, das Veneto, das Trentino oder den Salento bedeutet das: Weinverkostungen, Dorffeste, Kastanien am Feuer und die Erinnerung an einen Heiligen, dessen Legende das Teilen in den Mittelpunkt stellt.

Vino Novello: Ab 30. Oktober im Handel

Rechtsgrundlage ist das Dekret des italienischen Landwirtschaftsministeriums vom 13. August 2012, veröffentlicht in der Gazzetta Ufficiale Nr. 200 vom 28. August. Allegato 7 der Verordnung legt die Freigabe zum Verkauf auf den 30. Oktober des Erntejahres fest, 00:01 Uhr. Vorher galt der 6. November als Stichtag. Eine Ausnahme bleibt: Für die DOC Lizzano rosso im Salento sieht das Disziplinar weiterhin den 6. November vor.

Der Novello ist kein beliebiger junger Rotwein, sondern an klare Produktionsvorgaben gebunden. Mindestens 40 Prozent der Trauben müssen in der sogenannten Macerazione carbonica vergoren werden, einer Kohlensäure-Mazeration mit ganzen, nicht gequetschten Beeren. Die Beeren liegen dabei sieben bis zwanzig Tage in einer gesättigten CO₂-Atmosphäre bei 28 bis 30 Grad, erklärt Lifestyleblog in seiner Jahresübersicht. Das Verfahren erzeugt die typisch fruchtigen Aromen von Erdbeere und Himbeere, eine intensive Farbe und milde Tannine.

Weitere Pflichtwerte: ein Gesamtalkohol von mindestens 11 Prozent, höchstens 10 Gramm Restzucker pro Liter und eine Gärdauer von mindestens zehn Tagen. Die Abfüllung muss bis zum 31. Dezember des Erntejahres abgeschlossen sein. Nur Weine aus DOP- oder IGP-Spezifikationen dürfen als Novello verkauft werden, einfache Tafelweine sind ausgeschlossen. Auf dem Etikett ist der Jahrgang Pflicht, der Hinweis auf die Macerazione carbonica ist oft, aber nicht immer vermerkt.

Teroldego, Gamay und 60 zugelassene Reben

Rund 60 Rebsorten sind in Italien für den Novello zugelassen, darunter sieben internationale. Der Beaujolais Nouveau aus Frankreich arbeitet dagegen ausschließlich mit Gamay-Trauben. Als italienisches Beispiel wird häufig der Teroldego aus der Piana Rotaliana im Trentino genannt. Welche Rebsorte am Ende in der Flasche landet, hängt vom Disziplinar der jeweiligen DOP- oder IGP-Herkunft ab: Nur dort, wo die Spezifikation den Novello ausdrücklich erlaubt, darf er so bezeichnet werden.

Die Marktentwicklung geht seit Jahren nach unten. Die Tageszeitung L'Adige nannte für das Trentino einen Rückgang von über zwei Millionen Flaschen vor zwei Jahrzehnten auf rund 400.000 Stück aus acht Kellereien. Größter Produzent dort ist Cavit in Ravina mit 280.000 Einheiten. Für ganz Italien liegt die Produktion deutlich unter den Spitzenwerten der 2000er Jahre. Der Novello hat sich vom Massenprodukt zum Nischenwein entwickelt, dessen Preis je nach Erzeuger und Rebsorte zwischen vier und elf Euro pro Flasche liegt.

Trinkbereit ist der Novello innerhalb weniger Monate nach der Abfüllung, zum Lagern ist er nicht gedacht. Die ideale Trinktemperatur liegt bei 14 bis 16 Grad.

San Martino: Mantel, Bauernneujahr, Spruch

Der 11. November ist der Festtag des heiligen Martin von Tours. Nach der Überlieferung war Martin ein römischer Soldat, der im Winter seinen Mantel mit dem Schwert teilte, um die Hälfte einem frierenden Bettler zu geben. Später wurde er Bischof und einer der am frühesten verehrten Heiligen Westeuropas. In Italien gilt sein Festtag seit Jahrhunderten als Capodanno contadino, also Bauernneujahr: Er markierte das Ende des landwirtschaftlichen Jahres, zugleich wurden an diesem Datum die Fässer geöffnet und der neue Wein verkostet.

Daher der bekannte Spruch A San Martino ogni mosto diventa vino, zu San Martino wird jeder Most zu Wein. Das Reisemagazin Moveo ordnet den Tag entsprechend ein: An San Martino ist die Weinbereitung aus der Lese abgeschlossen, das erste Verkosten in den Dörfern steht an.

Reifende Eichenfässer in einem toskanischen Weinkeller. Der Spruch A San Martino ogni mosto diventa vino bringt die Tradition auf den Punkt: Zum 11. November ist der neue Wein aus der Lese fertig, Vino Novello und reifende Jahrgänge warten auf die ersten Verkostungen in den Dörfern.

Reifende Eichenfässer in einem toskanischen Weinkeller. Der Spruch A San Martino ogni mosto diventa vino bringt die Tradition auf den Punkt: Zum 11. November ist der neue Wein aus der Lese fertig, Vino Novello und reifende Jahrgänge warten auf die ersten Verkostungen in den Dörfern.

(Foto: © RonalddeBruijn - Pixabay)

Estate di San Martino: Wärme vor dem Winter

Zur Tradition gehört ein meteorologisches Phänomen, das Estate di San Martino heißt. Gemeint ist eine kurze, oft milde Wetterphase um den 11. November, die den Festen im Freien zugutekommt. Die Phase dauert selten länger als wenige Tage und endet meist mit dem ersten Kältevorstoß aus dem Norden. Für Dörfer, die ihre Feiern auf den Piazzen abhalten, zählt dieses Zeitfenster besonders.

Weinfeste in den Borghi

In vielen italienischen Dörfern bündelt sich das Fest zu einem Wochenende rund um den Martinstag. Der Touring Club Italiano listet in einer Übersicht traditionsreiche Veranstaltungen aus mehreren Regionen auf. Die Festa di San Martino ist dabei auch ein Treffpunkt für regionale Produzenten, die ihren frischen Novello ausschenken.

In Vogogna im Piemont serviert die Festa di San Martino traditionell Trippata am Samstagabend sowie Kastanien, Polenta und ein Eselfleisch-Ragout namens Tapelucco am Sonntag. Clusone in der Lombardei feiert die Estate di San Martino auf der Piazza dell'Orologio mit Weinverkostungen, Konzerten und der Torta di San Martino. Dazu kommen Scarpinocc de Par, eine Casoncelli-Variante mit magerer Füllung, Butter und Käse.

Castelvetro di Modena in der Emilia-Romagna öffnet unter dem Dach der Cantine ospitali die Türen der Weingüter: Novello-Verkostungen, dazu Balsamico, Maronen und Vin brulé. In Varese Ligure in Ligurien findet die Fiera di San Martino am 11. November von 8 bis 23 Uhr im historischen Zentrum statt, mit Marktständen und regionalen Produkten. Anghiari in der Toskana richtet die Festa di San Martino e dei Bringoli aus, benannt nach den handgerollten Spaghettoni, die mit Pilz- oder Fleischsugo serviert werden. Dazu kommen Stände mit Salsicce, Kastanien und jungem Rotwein.

Der Salento feiert San Martino besonders ausgiebig. Monteroni di Lecce, Taviano, Casarano, Tutino und Torrepaduli richten Straßenfeste zwischen dem 11. und dem 16. November aus, mit Pittule, Bratwurst, Kastanien und dem lokalen Rotweingetränk Mieru. Der Festtag markiert dort traditionell einen der wichtigsten Herbsttermine.

Was auf den Tisch kommt

Die kulinarischen Traditionen zu San Martino unterscheiden sich stark zwischen Nord und Süd. In Norditalien steht häufig gebratene Gans auf dem Tisch, die Oca arrosto. Der Grund liegt in alter Bauernökonomie: Die Gans wurde zum Ende der Mast geschlachtet, und das Fett ließ sich für den Winter konservieren.

Die Abruzzen kennen die Pizza coi quattrini, eine süße Spezialität. In Sizilien werden rund um den Festtag die Biscotti di San Martino gebacken, kleine süße Kekse, oft mit Zuckerglasur. Venedig verkauft in den Pasticcerien eine Mürbeteig-Figur in Form eines Reiters auf dem Pferd, die den heiligen Martin darstellt. Begleitet wird das Gebäck häufig von Kastanien und einem Glas Novello.

Dazu passt der zweite bekannte Spruch der Jahreszeit: San Martino castagne e vino, zu San Martino Kastanien und Wein. Geröstete Maronen über offenem Feuer und der Fasswein aus der eigenen Lese ergaben die einfachste Variante des Festes, die über Jahrhunderte in ganz Italien praktiziert wurde und sich bis heute in vielen Dörfern hält.

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