Wer in Italien das Abitur macht oder als Familie mit Kindern dorthin zieht, kommt früher oder später mit einem der zentralen Begriffe des italienischen Bildungssystems in Berührung: der Maturità. So heißt die staatliche Abschlussprüfung am Ende der italienischen Oberschule, vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Doch hinter dem Namen verbirgt sich ein eigenes System mit eigenem Aufbau, eigenen Schultypen und einer langen Tradition. Wer das Abitur in Italien verstehen will, beginnt am besten bei der Maturità.
Was die Maturità ist
Die Maturità ist formell das Esame di Stato, die staatliche Abschlussprüfung am Ende der fünfjährigen Oberschule (Scuola Secondaria di Secondo Grado). Sie wird nach insgesamt 13 Schuljahren abgelegt, wenn die Schülerinnen und Schüler 18 oder 19 Jahre alt sind. Mit bestandener Maturità erhalten sie das Diploma di Maturità, das in ganz Italien zum Studium berechtigt und auch international als Hochschulzugangsberechtigung anerkannt wird. In Deutschland und Österreich gilt das Abitur in Italien als gleichwertig mit der deutschen oder österreichischen Reifeprüfung. Zuständig für die Durchführung ist das italienische Bildungsministerium, das Ministero dell'Istruzione e del Merito.
Die Schultypen, die zum Abitur in Italien führen
Anders als in Deutschland gibt es in Italien nicht einen einheitlichen Weg zum Abitur. Schüler wählen nach der dreijährigen Mittelschule (Scuola Secondaria di Primo Grado) zwischen drei großen Schulrichtungen.
Das Liceo entspricht dem klassischen Gymnasium und bereitet auf ein Universitätsstudium vor. Es gibt mehrere Ausprägungen: das Liceo Classico mit Schwerpunkt auf Latein und Altgriechisch, das Liceo Scientifico mit naturwissenschaftlichem Profil, das Liceo Linguistico für Fremdsprachen, das Liceo Artistico für Kunst, das Liceo Musicale für Musik, das Liceo Coreutico für Tanz und das Liceo delle Scienze Umane für Sozialwissenschaften.
Der Istituto Tecnico ist eine technische Fachoberschule mit Schwerpunkten in Wirtschaft, Tourismus, Mode, Verkehr, Bauwesen oder Informationstechnik. Hier kombiniert sich Allgemeinbildung mit fachlicher Spezialisierung.
Der Istituto Professionale ist eine berufsbildende Schule, die stärker praxisorientiert auf Berufe in Handwerk, Dienstleistung, Gastronomie oder Landwirtschaft vorbereitet. Alle drei Schultypen führen nach fünf Jahren zum Abitur in Italien, allerdings mit unterschiedlichen Prüfungsinhalten.
Wie die Prüfung abläuft
Die Maturità besteht heute aus zwei schriftlichen Prüfungen und einem mündlichen Prüfungsgespräch. Die genaue Reihenfolge und die Termine werden jedes Jahr vom italienischen Bildungsministerium festgelegt und gelten landesweit einheitlich. Detaillierte Informationen veröffentlicht das Ministerium auf seiner Seite zum Esame di Stato.
Die erste schriftliche Prüfung ist die Prima Prova und dauert sechs Stunden. Sie wird in italienischer Sprache abgelegt und ist für alle Schultypen identisch. Die Schüler haben die Wahl zwischen verschiedenen Aufgabentypen: einer Textanalyse zu einem literarischen Werk, einer argumentativen Auseinandersetzung mit einem aktuellen oder historischen Thema oder einer freien Aufsatzform zu einem gesellschaftlichen oder kulturellen Thema.
Die zweite schriftliche Prüfung ist die Seconda Prova und prüft das Schwerpunktfach des jeweiligen Schultyps. Am Liceo Classico ist das in der Regel Latein oder Altgriechisch, am Liceo Scientifico Mathematik, am Liceo Linguistico eine moderne Fremdsprache. An technischen und berufsbildenden Schulen prüft die zweite Prüfung das jeweilige Schwerpunktfach des Bildungsgangs. Das Bildungsministerium legt die genauen Themen mehrere Monate vor der Prüfung fest.
Den Abschluss bildet das Colloquio, die mündliche Prüfung. Sie ist eine umfassende Prüfung, in der die Kandidaten Themen aus allen Fächern des letzten Schuljahres behandeln können. Das Gespräch beginnt traditionell mit einem Ausgangsmaterial — einem Text, einer Grafik, einem Bild oder einem Dokument — und entwickelt sich von dort aus zu einem fachübergreifenden Gespräch.
Das Bewertungssystem beim Abitur in Italien
Bewertet wird die Maturità mit einer Punkteskala bis 100. Davon entfallen bis zu 40 Punkte auf den Credito Scolastico, die schulische Vorleistung aus den letzten drei Schuljahren. Die beiden schriftlichen Prüfungen und das Colloquio bringen weitere 60 Punkte. Wer 60 Punkte oder mehr erreicht, hat bestanden. Die Bestnote liegt bei 100 Punkten, in herausragenden Fällen kann zusätzlich die Auszeichnung e Lode verliehen werden, vergleichbar dem deutschen "mit Auszeichnung".
Im Schulalltag werden die laufenden Noten dagegen auf einer Skala von 0 bis 10 vergeben, wobei 6 die Mindestnote zum Bestehen ist und 10 die Bestnote darstellt. Das gilt auch für die Halbjahres- und Jahreszeugnisse.
Besonderheiten in Südtirol und mehrsprachigen Regionen
In Südtirol gilt eine Besonderheit, die das italienische Bildungssystem widerspiegelt. An den italienischsprachigen Schulen kommt eine dritte schriftliche Prüfung hinzu, die die Kenntnisse von Deutsch als Zweitsprache feststellt. An den deutschsprachigen Schulen ist es umgekehrt Italienisch als Zweitsprache. Weitere Informationen zu den Besonderheiten der Südtiroler Maturità bietet die Südtiroler Landesverwaltung. Diese sprachliche Doppelstruktur ist einzigartig in Italien und für Familien, die in Südtirol leben, ein zentraler Aspekt des Schulalltags.
Eine weitere Besonderheit ist das EsaBac-Programm, ein bilaterales Abkommen zwischen Italien und Frankreich, das es Schülern an ausgewählten Schulen ermöglicht, gleichzeitig die italienische Maturità und das französische Baccalauréat zu erwerben.
Was das Abitur in Italien für Familien bedeutet
Für Auswanderer mit Kindern im schulpflichtigen Alter ist das Abitur in Italien mehr als nur eine Abschlussprüfung. Es ist die Weichenstellung für den weiteren Bildungsweg und definiert, welche Wege offen stehen. Wer als Familie überlegt, ob Kinder das italienische Bildungssystem durchlaufen sollen, sollte den langen Atem mitbringen, der dafür nötig ist. Fünf Jahre Oberschule sind eine lange Zeit, und die Wahl des Schultyps nach der achten Klasse hat größere Auswirkungen als der vergleichbare Übergang in Deutschland.
Eine Übersicht über das italienische Schulsystem im Allgemeinen findet sich in unserem eigenen Artikel zum italienischen Schulsystem.
Wer sich auf die Maturità einlässt, profitiert von einem System, das stark auf mündliche Auseinandersetzung und Allgemeinbildung setzt. Die mündliche Prüfung am Ende der Maturità ist legendär: Hier wird nicht abgefragt, sondern diskutiert. Und genau das prägt viele junge Italiener weit über ihre Schulzeit hinaus.
Aktuelle Zahlen, Statistiken und Hintergründe zum jeweiligen Maturità-Jahrgang findet ihr im Beitrag von Il Mattino, der Daten und Geschichten rund um die italienische Reifeprüfung zusammenfasst.





