Die Abruzzen sind eine der naturreichsten Regionen Italiens, geografisch zwischen Apennin und Adriatischem Meer gelegen und administrativ an der Nahtstelle zwischen Mittel- und Süditalien. Nach den ISTAT-Daten zum 1. Januar 2026 leben in der Region 1.267.222 Menschen auf 10.831,72 Quadratkilometern, verteilt auf vier Provinzen und 305 Gemeinden. Hauptstadt ist L'Aquila mit 70.803 Einwohnern, die größte Stadt der Küste ist Pescara. Nachbarregionen sind die Marken im Norden, das Latium im Westen und Molise im Süden.
Grunddaten und Geografie
Die Abruzzen bestehen aus den vier Provinzen Chieti, L'Aquila, Pescara und Teramo. Der höchste Punkt ist das Corno Grande im Gran-Sasso-Massiv mit 2.912 Metern, der höchste Berg des gesamten Apennin. Die Küste zur Adria erstreckt sich über rund 130 Kilometer, von Martinsicuro im Norden bis San Salvo im Süden. Dazwischen liegt eine weite Zone aus Mittelgebirgen, Hochebenen und engen Tälern, die mehr als zwei Drittel der Region als Bergland klassifizieren. Klimatisch trennt der Apennin das maritime Adria-Klima an der Küste vom kontinentalen Bergklima im Landesinneren.
Drei Nationalparks und die Buchenwälder
Nach Angaben der ENIT sind die Abruzzen mit drei Nationalparks, einem Regionalpark und 44 Naturschutzgebieten die grünste Region Italiens. Mehr als ein Drittel der Fläche steht unter Schutz. Der älteste ist der Parco Nazionale d'Abruzzo, Lazio e Molise mit Sitz in Pescasseroli, der laut ISPRA 1922 gegründet wurde und als Keimzelle des italienischen Naturschutzes gilt. Er beherbergt die Marsica-Braunbären, Apenninwölfe und die Abruzzen-Gämse, dazu fünf uralte Buchenwälder, die 2017 in die UNESCO-Welterbeliste der ancient and primeval beech forests aufgenommen wurden.
Der Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Laga umfasst das Corno-Grande-Massiv und das Hochplateau Campo Imperatore mit 27 Kilometern Länge zwischen 1.600 und 2.100 Metern Höhe. Der dritte Park, die Majella, wurde 2021 von der UNESCO als Geopark anerkannt und schützt eine der tiefsten Karst-Schluchten Italiens, die Orfento-Schlucht. Dazu kommt der Regionalpark Sirente-Velino sowie die Riserva Statale Lago di Campotosto, der größte künstliche Bergsee des Apennin.

Rocca Calascio ist eine mittelalterliche Burgruine in den Abruzzen in der Provinz L’Aquila. Sie liegt auf rund 1.460 Metern Höhe und zählt zu den höchstgelegenen Festungen Italiens.
Städte und Dörfer
L'Aquila als Regionalhauptstadt trägt 2026 den Titel Capitale italiana della Cultura und steht seit dem Erdbeben vom 6. April 2009 im Wiederaufbau. Die historische Altstadt mit der Basilika Santa Maria di Collemaggio, dem Fontana delle 99 Cannelle und der Spanischen Burg aus dem 16. Jahrhundert wird Schritt für Schritt restauriert. Pescara ist mit 118.487 Einwohnern (Stand 1.1.2026) die größte Stadt der Region, Verkehrsknotenpunkt mit Flughafen Abruzzo und Hafen, zugleich Geburtsstadt von Gabriele D'Annunzio. Teramo und Chieti sind die weiteren Provinzhauptstädte, letztere eine der ältesten Städte Italiens mit römischen Wurzeln.
Besondere Bedeutung haben die Borghi der Region. Sulmona an den Hängen der Majella ist Geburtsort des Dichters Ovid und bekannt für seine Zuckerkonfekte, die Confetti di Sulmona. Scanno liegt in einer Schlucht der Marsica, gehört zu den Borghi più belli d'Italia und ist für seine traditionelle Tracht und die Pfannen-Herzen aus dem benachbarten Sagittario-Tal bekannt. Civitella del Tronto beherbergt eine der größten Festungen Europas, die letzte Bastion des Königreichs beider Sizilien gegen die italienische Einigung 1861. Rocca Calascio, eine Höhenburg auf 1.460 Metern, diente mehrfach als Filmset für internationale Produktionen.
Costa dei Trabocchi
Die Küste der Abruzzen zeigt zwei Gesichter. Nördlich von Pescara bis Teramo zieht sich eine flache Sandstrandlinie mit Badeorten wie Alba Adriatica, Tortoreto, Giulianova, Roseto degli Abruzzi und Pineto. Südlich von Pescara beginnt die Costa dei Trabocchi, eine Felsküste zwischen Ortona und Vasto mit charakteristischen Fischerplattformen aus Holz, den Trabocchi. Diese historischen Konstruktionen auf Stelzen im Meer gehen laut FAI auf die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück und sind heute teils zu Fischrestaurants umgebaut. Die Via Verde della Costa dei Trabocchi, eine 42 Kilometer lange Radroute auf der stillgelegten Adriabahn-Trasse, verbindet die Küstenorte Francavilla al Mare, Ortona, San Vito Chietino, Rocca San Giovanni, Fossacesia, Casalbordino und Vasto.
Transhumanz: UNESCO-Immaterialerbe
Die abruzzesische Transhumanz, der jahreszeitliche Zug der Hirten mit ihren Herden zwischen Hochapennin und Tavoliere-Ebene in Apulien, wurde 2019 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt, wie Gambero Rosso berichtet. Die Tradition reicht bis in die römische Antike zurück und hinterließ ein Netz von Tratturi, grasbewachsenen Hirtenstraßen zwischen 60 und 111 Metern Breite. Die längsten dieser Pfade verbanden L'Aquila mit Foggia und waren bis ins 20. Jahrhundert in Gebrauch. Heute dienen die restaurierten Tratturi als Wanderwege, die Via del Tratturo verbindet die alte Transhumanz-Route mit einem touristischen Trekking-Konzept.

Wegen seiner weiten Grasflächen trägt das Hochplateau Campo Imperatore in den Abruzzen den Spitznamen Piccolo Tibet.
Küche und Wein
Die Küche der Region trennt sich klar in Berg und Meer. Aus den Bergen stammen die Arrosticini, kleine Lammspieße vom Schaf aus dem Gran-Sasso-Gebiet, die über Holzkohle gegrillt werden. Dazu Pasta alla Chitarra, eine quadratische Nudel auf einem Saiteninstrument-Gerät geschnitten, und Pecorino di Farindola, ein Hartkäse mit Schweinelab aus dem Gran-Sasso-Gebiet. Die Ventricina del Vastese ist eine scharfe Salami aus dem Chieti-Hinterland. Der Zafferano dell'Aquila DOP wächst auf der Ebene von Navelli und gilt als einer der hochwertigsten Safrane Europas.
Die Küstenküche setzt auf Fisch aus der Adria, besonders Brodetto alla pescarese, einen vielseitigen Fischeintopf nach pescaresischer Art. In den Pasticcerien von Sulmona werden die Confetti di Sulmona hergestellt, mit Zucker überzogene Mandeln in allen Farben für Hochzeiten und Jubiläen. Bei den Weinen dominiert der Montepulciano d'Abruzzo DOC, einer der meistproduzierten Rotweine Italiens, dazu der weiße Trebbiano d'Abruzzo und der Rosé Cerasuolo d'Abruzzo. Centerbe, ein Kräuter-Liqueur aus Tocco da Casauria, rundet das kulinarische Spektrum ab.
Wintersport und Reisezeit
Die Berge der Abruzzen sind mit über 500 Kilometern Pisten in 23 Skigebieten laut ENIT das größte Wintersportangebot Mittelitaliens. Die bekanntesten Stationen sind Roccaraso-Rivisondoli-Pescocostanzo an der Grenze zum Molise, Ovindoli im Sirente-Velino-Park, Campo Imperatore am Gran Sasso und Campo Felice. Die Ferrovia dei Parchi, die Panoramabahn Sulmona-Carpinone über 1.200 Meter Höhe, ist als Transsibirische Eisenbahn Italiens bekannt und verbindet die Skigebiete mit dem Molise.
Beste Reisezeit für Natur und Dörfer sind Frühling (April bis Juni) und Herbst (September bis Oktober) mit milden Temperaturen und wenig Andrang. Der Sommer (Juli bis August) ist voll an der Küste, die Hochebenen bleiben angenehm kühl. Der Winter von Dezember bis April trägt die Skisaison. Hauptflughafen ist der Aeroporto d'Abruzzo in Pescara (PSR) mit Verbindungen nach Mailand, Turin und mehreren europäischen Städten. Die A14 Adriatica und die A24 L'Aquila-Rom bilden die zentralen Autobahnen, die Ferrovia dei Parchi ergänzt das Netz als Panoramastrecke zwischen Apennin und Molise.




