Zehn Minuten mit dem Auto. Dann stehen wir am Anfiteatro Flavio in Pozzuoli, dem antiken Puteoli. Das Amphitheater entstand in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts unter Nero, Vespasian und Titus. Wir waren schon mehrfach hier, aber jedesmal anders. Beim letzten Mal konnten wir die unterirdischen Bereiche besichtigen, die Arena war gesperrt. Diesmal war es umgekehrt: Der Zugang nach unten blieb geschlossen, dafür stand uns die Arena offen.
Ein anderer Blick auf das Amphitheater
Es macht einen Unterschied, ob man sich unterhalb der Arena bewegt oder mitten in ihr steht. Vom letzten Besuch waren mir vor allem die Eindrücke aus dem Untergrund geblieben. Nun stehen wir im Innenraum zwischen den Rängen, die bis zu 40.000 Zuschauer fassten. Die Arena hat Halbachsen von 72,22 und 42,33 Metern, das Gesamtbauwerk misst 149 mal 116 Meter. Ich finde es schwer, an einem solchen Ort zu stehen, ohne mir vorzustellen, wie es hier früher aussah: wie viele Menschen hier zusammenkamen, wie laut es gewesen sein muss und was sich über die Jahrhunderte verändert hat. Die Neugier ist sofort da. Wir blieben eine knappe Stunde, keine lange Anreise, kein großes Tagesprogramm, einfach Zeit vor Ort.

Steinerne Sitzstufen und gemauerte Rundbögen prägen die erhaltenen Zuschauerränge des Amphitheaters von Pozzuoli. An den freiliegenden Bereichen sind die unterschiedlichen Baumaterialien und die Konstruktion unterhalb der Ränge zu erkennen.
Drittgrößtes Amphitheater nach Kolosseum und Capua
Baulich steht das Anfiteatro Flavio in einer Reihe mit den größten Spielstätten des Imperiums: Es ist das drittgrößte römische Amphitheater nach dem Kolosseum in Rom und dem Amphitheater Campano in Capua. Die Außenfassade bestand ursprünglich aus drei übereinanderliegenden Bogenreihen mit Attika-Abschluss, vier Haupteingänge und zwölf Nebeneingänge führten in den Innenraum. Der Name geht auf die flavische Dynastie zurück. Verwaltet wird die Anlage heute vom Parco Archeologico dei Campi Flegrei im italienischen Kulturministerium.
Sieben Meter tief: Käfige, Falltüren und Flutung
Was vom Amphitheater besonders eindrucksvoll erhalten ist, sind die unterirdischen Bereiche. Die Kellergewölbe liegen rund sieben Meter unter dem Arenaboden. Dort sind noch Teile der Hebemechanismen zu sehen, mit denen Käfige für Löwen, Tiger und andere Tiere nach oben durch Falltüren in die Arena gefahren wurden. Eine direkte Verbindung zum phlegraeischen Aquädukt der Campi Flegrei und Entwässerungskanäle machten es baulich möglich, die Arena schnell zu fluten und wieder leer laufen zu lassen. Die Ausgrabungen begannen 1839 und endeten im späten 19. Jahrhundert; vollständig vom Schutt befreit war der Bau erst 1947.

Kannelierte Säulenfragmente lagern zwischen den massiven Mauerpfeilern des Amphitheaters von Pozzuoli. Die Gewölbe und Rundbögen zeigen die Bauweise der Anlage; durch vergitterte Öffnungen fällt Tageslicht herein.
Was ich an meiner neuen Heimat schätze
Diese Nähe zu einem Bauwerk solcher Größe gehört für mich zu den Stärken von Pozzuoli. Was früher ein Programmpunkt auf einer Italienreise gewesen wäre, liegt jetzt vor meiner Haustür. Seit wir hier leben, verändert sich mein Blick auf die Umgebung. Das Anfiteatro Flavio ist einer der Orte, zu denen ich gern zurückkehre, auch weil ein einzelner Besuch längst nicht alle Fragen beantwortet.
Ich würde gern mehr darüber lesen
Was mir bislang fehlt, ist gut zugängliche deutschsprachige Literatur über das Anfiteatro Flavio. Ich habe wenig gefunden, mit dem ich mich näher auf einen Besuch vorbereiten oder anschließend weiterlesen könnte. Dabei würde ich gern mehr über die Anlage erfahren und das, was wir dort sehen, besser einordnen können. Auf Italienisch gibt es die offizielle Seite des Parco Archeologico dei Campi Flegrei, dazu Grunddaten bei italia.it. Vielleicht wächst das Wissen nun mit den weiteren Besuchen. Nach einer knappen Stunde ging es zurück nach Hause. Zehn Minuten mit dem Auto. An diese kurze Entfernung zwischen unserem Alltag und einem Stück römischer Geschichte muss ich mich offenbar erst noch gewöhnen.










