Bari ist mit rund 320.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Süditaliens und die Hauptstadt der Region Apulien. Die Adria-Metropole liegt an der Schnittstelle zwischen italienischer Halbinsel und dem östlichen Mittelmeer und war seit dem frühen Mittelalter ein zentraler Umschlagplatz zwischen Ost und West. Wer heute nach Bari kommt, findet eine Stadt vor, die den Spagat zwischen mittelalterlichem Kern, klassizistischer Erweiterung und modernem Hafen mit einer Selbstverständlichkeit meistert, die man in vielen italienischen Städten dieser Größenordnung vermisst. Nach den aktuellen Zahlen der Stadtverwaltung, die vom Giornale di Puglia zusammengefasst wurden, hat Bari im Frühjahr 2026 erstmals die Marke von einer Million Übernachtungen überschritten, mit einem Wachstum von 22,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Zwischen normannischem Erbe und Federico II.
Die Geschichte Baris beginnt in der Antike als Peucetier-Siedlung, wird im römischen Reich zu einem wichtigen Hafen und erhält ihr entscheidendes historisches Gewicht ab dem 9. Jahrhundert. Nach byzantinischer, langobardischer und arabischer Prägung gelangt die Stadt 1071 unter die Kontrolle der Normannen unter Robert Guiskard. Sechzehn Jahre später, im Jahr 1087, verändert ein Ereignis die kulturelle Position Baris grundlegend: Barese Kaufleute bringen die Reliquien des heiligen Nikolaus aus dem kleinasiatischen Myra in die Stadt und begründen damit einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas. Unter Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, dem als Stupor mundi in die europäische Geschichte eingegangenen Enkel Barbarossas, wird das normannische Kastell zum Castello Normanno-Svevo ausgebaut. Die Stadt bleibt bis in die frühe Neuzeit ein wichtiger Handelsplatz, wechselt zwischen anjouinischer, aragonesischer und spanischer Kontrolle und wird im 19. Jahrhundert unter Gioacchino Murat, dem Schwager Napoleons und König von Neapel, durch eine planmäßige Stadterweiterung nach Norden erweitert.
Zwei Gesichter der Stadt: Bari Vecchia und Bari Murat
Das historische Zentrum, Bari Vecchia, breitet sich als Labyrinth aus weißen Kalksteingässchen auf einer kleinen Halbinsel zwischen dem alten und dem neuen Hafen aus. Wer hier durch die engen Vicoli geht, kommt an Grundstücken vorbei, in denen sich das Alltagsleben seit Jahrhunderten kaum verändert hat. Berühmt sind die donne di strada in der Strada Arco Basso, ältere Barese-Frauen, die vor ihren Häusern an langen Holztischen die charakteristischen Orecchiette, die kleinen Ohren-Nudeln der Region, per Hand formen und trocknen. Die Szene ist zwar durch den touristischen Andrang der letzten Jahre stärker inszeniert als früher, bleibt aber ein authentischer Ausdruck der handwerklichen Tradition der Stadt.
Nördlich der historischen Halbinsel schließt sich das planmäßige Bari Murat an, geplant ab 1813 unter Gioacchino Murat und heute das kommerzielle und administrative Zentrum. Die schnurgeraden Straßen mit ihren Liberty-Palästen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die zentralen Plätze Piazza Umberto I und Piazza della Libertà mit dem Rathaus und dem Teatro Niccolò Piccinni sowie der weit geschwungene Lungomare Nazario Sauro am Meer geben diesem Stadtteil einen Charakter, der eher an norditalienische Städte erinnert. Der Lungomare mit seinen Palmen und dem Blick auf die Adria ist einer der schönsten in ganz Süditalien.
Die Basilica di San Nicola: Wallfahrtsort zwischen Ost und West
Die Basilica di San Nicola, 1087 begonnen und 1197 vollendet, ist das bedeutendste Bauwerk der Stadt und ein Meisterwerk der romanisch-apulischen Architektur. Ihre klare, fast strenge Fassade mit den drei Portalen und den flankierenden Türmen war stilbildend für die romanischen Kirchen der ganzen Region. Was die Basilika unter allen italienischen Kirchen einzigartig macht, ist ihre Rolle als Wallfahrtsort der Ostkirchen. Wie die offizielle Website der Basilika dokumentiert, gilt der heilige Nikolaus in der orthodoxen Welt als besonders verehrter Heiliger, und die Reliquien in der Krypta ziehen jährlich Zehntausende Pilger aus Russland, der Ukraine, Griechenland, Serbien und anderen ostkirchlich geprägten Ländern an. In der Krypta wird regelmäßig die orthodoxe Divina Liturgia neben der katholischen Messe gefeiert, häufig sogar auf demselben Altar, und das jährliche Weihwasser aus dem Grab des Heiligen, die Manna di San Nicola, wird von den Gläubigen beider Konfessionen entgegengenommen. Damit ist die Basilika ein singulärer Ort der katholisch-orthodoxen Ökumene, was in Zeiten wachsender geopolitischer Spannungen zwischen West und Ost eine besondere Bedeutung erhält.

Handgeformte Orecchiette: In der Strada Arco Basso in Bari Vecchia formen die donne di strada die charakteristischen Ohren-Nudeln der Region seit Generationen an langen Holztischen vor ihren Häusern. Die kleinen Nudeln werden traditionell mit cime di rapa, den leicht bitteren Rübenblättern, serviert.
Nur wenige Schritte von San Nicola entfernt steht die Cattedrale di San Sabino, eine weitere Perle des apulischen Romanik-Stils, mit einer Krypta, in der die Ausgrabungen der Vorgängerkirchen und römischen Bauten sichtbar bleiben. Ihren jährlichen Höhepunkt findet die nikolaianische Verehrung in Bari in der Festa di San Nicola vom 7. bis 9. Mai, mit historischem Corteo in mittelalterlichen Kostümen und der eindrucksvollen Meeresprozession, bei der die Statue des Heiligen auf einem Fischerboot durch den Hafen getragen wird.
Die Küche von Bari
Die Barese-Küche ist eine der eigenständigsten Süditaliens, geprägt von der doppelten Nähe zu Meer und Hinterland. Die Orecchiette con cime di rapa sind das Wahrzeichen der Region: die handgeformten Nudeln, kombiniert mit den leicht bitteren Rübenblättern, Sardellen, Knoblauch und Chili. Die Focaccia barese, dick und ölig mit Kirschtomaten und Oregano belegt, wird traditionell aus den Steinöfen der historischen Panifici von Bari Vecchia geholt. Zu den echten Barese-Straßengerichten gehören die Sgagliozze, in Öl frittierte Polenta-Ecken, und die Popizze, frittierte Hefeteigbällchen. Aus der Küstenküche ist die Riso, patate e cozze zu nennen, ein Auflauf aus Reis, Kartoffeln und Muscheln, den in leicht abgewandelter Form die ganze Adriaküste kennt. Ein Blick auf die kulinarische Landschaft der Region findet sich auch im Kontext der italienischen Ferragosto-Küche, in dem die apulischen Orecchiette einen festen Platz haben.
Bari als Tor zur Adria und zum Balkan
Was Bari von den meisten anderen italienischen Städten unterscheidet, ist ihre Rolle als Adria-Hafen. Vom Terminal Molo San Vito starten regelmäßige Fährverbindungen nach Griechenland (Igoumenitsa, Patras, Korfu), Albanien (Durrës), Montenegro (Bar) und saisonal von März bis Oktober nach Kroatien (Dubrovnik). Die aktiven Fährgesellschaften Adria Ferries, GNV (Grandi Navi Veloci), Anek Superfast, Jadrolinija und Ventouris Ferries betreiben die Verbindungen, die Bari zu einem der wichtigsten Passagierhäfen des östlichen Mittelmeers machen. Für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum, die eine Fährüberfahrt nach Griechenland oder in den westlichen Balkan planen, ist Bari damit ein logistisch attraktives Absprungziel, mit einer eigenen internationalen Flughafenverbindung, dem Aeroporto Karol Wojtyła in Palese wenige Kilometer nördlich der Stadt.
Bari und seine Nachbarn: von Alberobello bis Ostuni
Die Provinz Bari und die angrenzenden apulischen Provinzen bieten einige der bekanntesten Reise-Ikonen Süditaliens in einem Umkreis von wenig mehr als einer Autostunde. Die Trulli von Alberobello, UNESCO-Weltkulturerbe seit 1996, liegen etwa 55 Kilometer südöstlich. Polignano a Mare mit seinen berühmten Klippen und der Grotta Palazzese, Monopoli mit dem weißen Centro Storico und den versteckten Calette, Altamura mit dem Pane DOP und der murgianischen Steppenlandschaft, Ostuni als Città Bianca an der Schwelle zum Salento und Matera in der benachbarten Basilikata mit seinen berühmten Sassi-Höhlensiedlungen sind alle als Tagesausflüge von Bari erreichbar. Wer eine Woche in Apulien verbringt und Bari als Ausgangsbasis wählt, kann in dieser Zeit einen substanziellen Querschnitt der Region kennenlernen.
Bari selbst bleibt dabei die urbane Konstante: eine Stadt, die vom internationalen Passagierverkehr, von einer der lebendigsten italienischen Universitäten und von einem selbstbewussten Bürgertum lebt und die ihren mediterranen Charakter mit einer Direktheit trägt, die den Besucher mit einer Mischung aus Staunen und Vertrautheit empfängt.




