In der Bucht von Pozzuoli, westlich von Neapel, hat die anhaltende bradyseismische Krise inzwischen mehr als 2.800 Menschen aus ihren Wohnungen getrieben. Nach den vom Comune di Pozzuoli am 13. August 2026 vorgelegten Zahlen, die von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA aufgegriffen wurden, sind seit dem schweren Erdbeben vom 31. Juli 2026 insgesamt 2.843 Personen aus 1.114 Familien von Räumungs- oder Sperrverfügungen betroffen. Die Krise, die für die geologisch aktive Caldera-Region der Campi Flegrei kein neues Phänomen ist, hat damit eine Größenordnung erreicht, die zuletzt vor mehr als vier Jahrzehnten dokumentiert wurde.
Was Bradisismo bedeutet
Bradisismo, wörtlich „langsames Erdbeben", ist ein geologisches Phänomen, bei dem sich der Boden über längere Zeiträume hinweg langsam hebt oder senkt. Es wird durch das Magma und die hydrothermalen Prozesse im Untergrund der Campi-Flegrei-Caldera verursacht, einem der beiden aktiven Vulkansysteme im Golf von Neapel neben dem Vesuv. Im Gegensatz zu einem klassischen Erdbeben, das in wenigen Sekunden Energie freisetzt, verläuft der Bradisismo über Monate oder Jahre. In seiner aktuellen Phase, die 2005 begonnen hat, hat sich der Boden in Pozzuoli um rund einen Meter gehoben, mit einer Beschleunigung in den letzten Jahren. Wie das Osservatorio Vesuviano des INGV in seinen wöchentlichen Sorveglianza-Bulletins dokumentiert, sind die frequenten Erdbeben, oft in Serien von mehreren Dutzend pro Nacht, die spürbarste Konsequenz dieser Bodenhebung. Sie sind meist von geringer bis mittlerer Magnitude, richten aber wegen der Häufigkeit und der bauhistorischen Substanz vieler Puteolaner Wohngebäude erheblichen Schaden an.
Die aktuellen Zahlen im Detail
Von den 2.843 aus ihren Wohnungen verwiesenen Personen haben 2.703 eine autonome Unterbringung mit dem staatlichen CAS-Beitrag gewählt, dem Contributo di Autonoma Sistemazione von 400 bis 900 Euro monatlich, je nach Familiengröße. Die meisten dieser Familien haben sich bei Verwandten einquartiert oder eine Mietwohnung im Umland gefunden. Weitere 140 Personen sind in vertraglich gebundenen Hotels der Region untergebracht, 53 im Palatrincone, dem eigens für die Krise eingerichteten Notunterkunfts-Zentrum in Pozzuoli. Wie Napoli Magazine in seiner Detail-Aufschlüsselung des Centro Coordinamento Soccorsi festhält, ist die Dynamik der letzten Tage beträchtlich: Am 8. August waren es rund 2.023 Sfollati, am 11. August 2.696, am 13. August 2.843. Innerhalb einer Woche sind damit über achthundert weitere Menschen aus ihren Wohnungen verwiesen worden, während die Feuerwehr und die Ingenieure der Protezione Civile weitere Gebäude auf ihre Standsicherheit prüfen.
Politische und finanzielle Reaktion
Der Bürgermeister von Pozzuoli, Luigi Manzoni, hat gemeinsam mit dem kampanischen Regionalpräsidenten Roberto Fico mehrere Forderungen an die italienische Regierung formuliert. Im Zentrum steht die Zusammenlegung der beiden bestehenden Fonds AEDES und CARTIS zu einem Fondo Unico Permanente, der auch in ruhigeren Phasen der Krise verlässlich zur Verfügung steht. Weiter fordert Manzoni eine hundertprozentige Deckung der Kosten für seismische Sanierungen, die Verlängerung der Antragsfrist für den CAS-Beitrag bis zum 31. Oktober 2026 sowie eine dreißigprozentige Anzahlung für Bauunternehmer, damit Sanierungsarbeiten zeitnah begonnen werden können. Die Regione Campania hat inzwischen eine Million Euro als Vorschuss für die CAS-Zahlungen zur Verfügung gestellt, für das Jahr 2026 sind rund 1,9 Millionen Euro und für 2027 weitere 4,5 Millionen Euro vorgesehen.

Die Darsena dei pescatori in Pozzuoli, das historische Fischerhafenbecken am Fuß des Rione Terra, verliert seit Jahren zunehmend Wasser. Der Grund: der sich hebende Boden der Campi Flegrei. Aufnahme aus dem Jahr 2025.
Bürgerprotest unter dem Motto „Pozzuoli esiste ancora"
Parallel zur institutionellen Reaktion hat sich in Pozzuoli eine breite zivilgesellschaftliche Protestbewegung unter dem Motto „Pozzuoli esiste ancora", „Pozzuoli existiert noch", formiert. Innerhalb der ersten August-Woche fanden drei Manifestationen statt, dokumentiert unter anderem von Il Mattino, mit dem größten Corteo von über tausend Teilnehmern durch das Centro Storico bis zum Hafen. Dort blockierten die Demonstranten symbolisch die Anlegestellen, so dass Fährverbindungen nach Ischia und Procida umgeleitet werden mussten. Auf den Transparenten Sprüche wie „Dovete fare presto", eine bewusste Bezugnahme auf den berühmten Ausspruch von Präsident Sandro Pertini nach dem Irpinia-Erdbeben 1980, sowie „Non siamo abusivi, vogliamo case sicure", „Wir sind keine Illegalen, wir wollen sichere Häuser". Bei einem parallelen Kinder-Corteo trugen die Jüngsten den Slogan „Vogliamo contare i giochi non le scosse", „Wir wollen Spielsachen zählen, nicht Erdstöße".
Eine Delegation aus sieben Aktivistinnen und Aktivisten wurde in der Präfektur Neapel vom italienischen Innenminister Matteo Piantedosi empfangen und trug dort vier Kernforderungen vor: ein Dach für jede Sfollato-Familie, das Ende der Mietspekulation im Umland, die Aussetzung von Steuern und Versorgungsrechnungen sowie die verbindliche Sicherung der beschädigten Wohngebäude. Ein besonderer Streitpunkt ist die von der Protezione Civile bereits nach der seismischen Krise 2024 angekündigte Aufnahme-Struktur in der via Artiaco, die wegen eines Rechtsstreits zwischen Eigentümer, Konzessionär und Region bis heute nicht in Betrieb gegangen ist. Die Kritik der Bürgerbewegung richtet sich dabei nicht nur an die nationale Regierung, sondern auch an die kommunale Verwaltung und Bürgermeister Manzoni, dem eine zu langsame Reaktion und eine unzureichende Präsenz vor Ort vorgeworfen werden.
Historische Einordnung
Die aktuelle bradyseismische Phase ist nicht die erste, die Pozzuoli in ihrer jüngeren Geschichte erlebt. Zwischen 1969 und 1972 und dann erneut zwischen 1982 und 1984 stieg der Boden der Stadt um insgesamt rund 3,5 Meter, mit teilweise starken Erdbeben und einer damals dramatischen Evakuierung von rund 40.000 Menschen aus dem Rione Terra, dem historischen Herzen der Stadt. Bis heute prägen die leerstehenden Häuser jener Zeit das Bild einer Stadt, die den Umgang mit ihrer geologischen Grundbedingung als Alltag akzeptiert hat. Der letzte tatsächliche Vulkanausbruch in den Campi Flegrei liegt allerdings mehr als vier Jahrhunderte zurück: 1538 entstand nach einer Bodenhebung von rund 16 Metern in nur zwei Jahren der Monte Nuovo, ein neuer Vulkankegel am Nordrand des Golfs von Pozzuoli, der bis heute im Landschaftsbild sichtbar ist.
Die Campi Flegrei als Reise- und Kulturregion
Für Reisende, die in den kommenden Wochen die Region rund um Neapel besuchen, ist die aktuelle Situation überwiegend eine kommunale Krise in bestimmten Stadtvierteln von Pozzuoli, während die klassischen Reiseziele der Region weiter erreichbar sind. Die archäologische Zone von Baiae mit ihren römischen Thermen, das Amphitheater Flavio in Pozzuoli, der Krater der Solfatara sowie die vulkanische Landschaft rund um den Averner See gehören zu den historisch dichtesten Kulturregionen Süditaliens.
Wie der italienische Zivilschutz in seinem gemeinsam mit der Präfektur Neapel erarbeiteten Piano speditivo di emergenza dokumentiert, gibt es für die betroffenen Zonen konkrete Verhaltensregeln und Zonen-Klassifikationen, die auch für Reisende von Bedeutung sein können. Wer eine Unterkunft in der Region gebucht hat, sollte vor der Anreise den aktuellen Stand über das Portal des Comune di Pozzuoli und der Regionalregierung überprüfen.




