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Warum in Neapel so viele Autos mit polnischen Kennzeichen fahren

Bastian Glumm
In Italien sind inzwischen mehr als 68.000 Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen unterwegs, davon rund 35.000 allein in Neapel. Der Hintergrund ist kein Zuzug polnischer Bürger, sondern ein Zulassungstrick, mit dem italienische Halter die hohen Prämien der Kfz-Haftpflichtversicherung umgehen.

In Italien sind inzwischen mehr als 68.000 Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen unterwegs, davon rund 35.000 allein in Neapel. Der Hintergrund ist kein Zuzug polnischer Bürger, sondern ein Zulassungstrick, mit dem italienische Halter die hohen Prämien der Kfz-Haftpflichtversicherung umgehen.

(Foto: © KI-Visualisierung)
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Wer regelmäßig durch Pozzuoli oder Neapel fährt, sieht sie an fast jeder Ampel: Autos und Motorroller mit polnischen Kennzeichen. Zehntausende sind es inzwischen. Ich habe mich lange gefragt, ob so viele Polinnen und Polen tatsächlich in die Region ausgewandert sind, so oft ist mir das PL-Nummernschild an Motorino und Kleinwagen begegnet. Die Antwort auf diese Frage hat mit Migration nichts zu tun, aber sehr viel mit einem der größten italienisch-polnischen Wirtschaftsphänomene der letzten Jahre.

Was wirklich hinter den Kennzeichen steckt

Nach den aktuellen Zahlen des italienischen Automobilclubs ACI, die das italienische Nachrichtenportal Il Post in einem ausführlichen Bericht zusammengefasst hat, sind in Italien inzwischen 68.228 Fahrzeuge mit polnischer Zulassung unterwegs, davon 37.830 Autos und 29.120 Motorräder. Der weitaus größte Teil ist im Großraum Neapel konzentriert. Allein 2025 wurden in der Provinz Neapel 14.066 polnische Kennzeichen neu ins italienische Register für ausländische Fahrzeuge (REVE) eingetragen.

Der Hintergrund ist wirtschaftlich einfach. Eine Kfz-Haftpflichtversicherung, die in Italien unter dem Namen RC Auto bekannt ist, kostet in Neapel nach den aktuellen Zahlen der italienischen Versicherungsaufsicht IVASS im Durchschnitt 569 Euro pro Jahr, gegenüber einem italienischen Landesdurchschnitt von 437 Euro und einem Minimum in Potenza von 317 Euro. Eine vergleichbare Police in Polen kostet dagegen im ersten Jahr zwischen 600 und 800 Euro, sinkt aber ab dem zweiten Jahr auf rund 350 Euro. Auf lange Sicht ist die polnische Variante damit deutlich günstiger, gerade für hochtarifierte Zonen wie Neapel oder Rom.

Der Trick, Schritt für Schritt

Der Vorgang, den man in Polen längst proceder włoski („italienische Praxis") oder auch przekręt neapolski („der Neapel-Trick") nennt, folgt einem inzwischen gut eingespielten Muster. Das Fahrzeug wird zunächst aus dem italienischen Öffentlichen Kraftfahrzeug-Register PRA gelöscht. Eine polnische Gesellschaft übernimmt es formal, lässt es in Polen zulassen und schließt dort die Haftpflichtversicherung ab. Anschließend wird das Auto oder der Motorroller über einen langfristigen Mietvertrag an den ursprünglichen italienischen Eigentümer zurückgegeben, der das Fahrzeug in Italien weiterfährt.

Der italienische Gesetzgeber hatte 2022 verboten, dass in Italien lebende Personen ein im Ausland zugelassenes Fahrzeug ohne Reimmatrikulation dauerhaft fahren dürfen. Die Ausnahme betrifft Mietfahrzeuge, und genau diese Lücke wird für den Neapel-Trick genutzt. Mit einem Mietvertrag im Handschuhfach bleibt das Ganze auf dem Papier legal.

Der Fall Guardia di Finanza

Wie Automoto in seiner Rekonstruktion des Falls dokumentiert, fing die italienische Finanzpolizei Guardia di Finanza im Oktober 2024 in einem Versandzentrum bei Neapel ein Paket aus Polen ab. Darin fanden sich 21 polnische Kennzeichen, 14 Zulassungsbescheinigungen und sechs Kaufverträge. Empfänger war eine Agentur für Fahrzeugangelegenheiten in Neapel. Gegen den Verantwortlichen wurde wegen Betrugs und Hehlerei ermittelt. Die untersuchten Fahrzeuge hatten Italien nie verlassen. Auf dem Papier waren sie nach Polen gewechselt, tatsächlich standen und fuhren sie weiterhin in Kampanien.

Die Dimension des Phänomens zeigen weitere Zahlen. Wie Cronache della Campania berichtet, waren im Jahr 2025 in der Provinz Neapel 5.364 Verkehrsunfälle mit polnisch zugelassenen Fahrzeugen registriert, mehr als die Hälfte des gesamten italienischen Wertes für Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen. Bei fast der Hälfte dieser Unfälle, konkret bei 2.263 Fällen, war die polnische Grüne Karte am Ende ohne gültige Versicherungsdeckung. In diesen Fällen springt der italienische Garantiefonds für Verkehrsopfer ein und verlangt anschließend Erstattung vom polnischen Pendant PBUK.

Was Polen dagegen tut

Genau diese Kosten haben Polen inzwischen zum Handeln gebracht. Zwischen 2021 und 2025 hat sich die Zahl der vom PBUK regulierten Schäden aus Italien fast versiebzehnfacht, die Auszahlungen für Schäden nicht versicherter Fahrzeuge mit polnischen Kennzeichen im Ausland erreichten 2025 rund 9,7 Millionen Euro. Die polnische Regierung hat 500 Klageverfahren mit einem Gesamtvolumen von 80 Millionen Euro Schadenersatzforderung eingeleitet. Zusätzlich wird das System der technischen Untersuchung reformiert: Für jede Prüfung sollen künftig Fotos den tatsächlichen Aufenthalt des Fahrzeugs in Polen dokumentieren, und Fahrzeuge ohne gültige Versicherung oder Prüfung sollen automatisch aus dem Register gelöscht werden. Die Bezirksstaatsanwaltschaft im südpolnischen Opole ermittelt seit 2026 gegen vier Fahrzeugprüfer wegen fiktiver technischer Untersuchungen, mehr als 400 Zulassungen werden dabei überprüft.

Wie das Fachportal Intermediachannel in einem Beitrag festhält, sind in Neapel inzwischen erste Anzeichen zu sehen, dass sich der Trick weiterverlagert: Neben polnischen tauchen zunehmend auch tschechische und bulgarische Kennzeichen im Stadtbild auf, ein Zeichen dafür, dass das Geschäft sich schneller an Regelverschärfungen anpasst als die Regelungen selbst.

Was das für Italien-Reisende bedeutet

Für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum, die mit dem eigenen Auto in Italien unterwegs sind und dabei bis in den Süden nach Kampanien fahren, ändert das Phänomen praktisch wenig. Die polnischen Kennzeichen sind im Stadtbild von Neapel und Kampanien schlicht Teil der visuellen Realität, ohne dass dahinter eine polnische Migrationswelle steht. Wer allerdings selbst in Italien einen Unfall mit einem polnisch zugelassenen Fahrzeug hat, sollte damit rechnen, dass die Schadensregulierung länger dauert und über den italienischen Garantiefonds sowie das polnische PBUK laufen kann.

Ein Blick auf die Fahrzeugdokumente des Unfallgegners, insbesondere auf die Gültigkeit der Grünen Karte, kann in solchen Situationen den späteren Ablauf entscheidend erleichtern. Für die vielen italienischen Autofahrerinnen und Autofahrer, die weiter ehrlich hohe Prämien in Neapel zahlen, bleibt der Neapel-Trick allerdings ein doppeltes Ärgernis: Sie tragen die Kosten mit, während die günstigere polnische Variante ihre Kosten scheinbar problemlos umgeht.

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