Der italienische Sommer 2026 hat für viele Regionen des Landes Rekordwerte gebracht, die selbst für ein hitze-erfahrenes Land wie Italien außergewöhnlich sind. An der Stazione Centrale von Neapel wurde am 6. August eine Oberflächentemperatur von 48 Grad gemessen, wie Legambiente Campania in einem Monitoring von zehn urbanen Hitze-Hotspots dokumentiert hat. In den urbanen Zentren von Rom, Mailand und Bologna spürt man die Auswirkungen der bereits vierten Hitzewelle des Jahres bis in die Nachtstunden. Und in der lombardischen Weinregion Franciacorta hat die Weinlese unter Flutlicht um vier Uhr morgens begonnen. Ein Portrait davon, wie ein Land, das mit dem Sommer umzugehen weiß, an seine Grenzen kommt und sich zugleich anpasst.
Neapel, Rom und Mailand in der urbanen Hitze
Am stärksten spürbar wird der extreme Sommer in den italienischen Großstädten. Anfang August galt in 27 italienischen Städten, die unter Beobachtung des Gesundheitsministeriums stehen, die höchste Warnstufe für den Hitzealarm, das sogenannte Bollino rosso, das bei extremer Hitze in Kombination mit hoher Luftfeuchtigkeit ausgerufen wird. Wie das italienische Gesundheitsministerium in seinem täglichen Hitzealarm-Bulletin warnt, bedeutet diese Kombination akute Gesundheitsgefahren nicht nur für ältere Menschen und andere Risikogruppen, sondern auch für Gesunde und sportlich Aktive.
Was den städtischen Alltag besonders belastet, ist die ausbleibende nächtliche Abkühlung. In Rom wie in Neapel und Mailand sinken die Temperaturen auch nach Mitternacht kaum unter 27 bis 28 Grad, bei einer Luftfeuchtigkeit, die das subjektive Belastungsempfinden zusätzlich verstärkt. Meteorologen bezeichnen diese Nächte als notti tropicali, tropische Nächte. Wo tagsüber Temperaturen von 37 oder 38 Grad noch in den Schatten italienischer Piazzas ausweichbar sind, wird die Nacht in den Innenstädten zur eigentlichen Bewährungsprobe.
Wenn die Weinlese nachts stattfindet
Ein Bild aus der lombardischen Weinregion Franciacorta hat in dieser Woche viel Aufmerksamkeit bekommen. Wie das Giornale di Brescia aus Borgonato di Corte Franca dokumentiert, hat das Weingut Berlucchi als erstes in der Region mit einer Nacht-Weinlese begonnen, weil wochenlange Temperaturen zwischen 37 und 38 Grad die Trauben deutlich schneller zur Reife gebracht haben als in Vorjahren. Die Lese startet um vier Uhr morgens unter grellem Flutlicht, damit die Trauben nicht in der Sonne überhitzen und mit niedrigerer Temperatur in die Kellerei gelangen. Auch die Reife der Trauben hat sich beschleunigt: In der gesamten Franciacorta hat die Lese am 30. Juli begonnen, rund einen Monat früher als noch vor dreißig Jahren.
Für Arturo Ziliani, amministratore delegato und Önologe von Berlucchi, geht es dabei um mehr als um den Wein selbst. Innovieren bedeute, sich um die Trauben, den Wein und vor allem um die Menschen und das Territorium zu kümmern, erklärte er gegenüber italienischen Medien. Die Entscheidung, die Ernte in die frühen Morgenstunden zu verlegen, sei eine praktische, zugleich aber auch symbolische Geste. Was in Franciacorta 2026 als Novum erscheint, ist in der italienischen Weinwelt inzwischen eine wachsende Praxis: Die vendemmia notturna, die nächtliche Weinlese, hat sich als Klimaanpassung von Sizilien über Apulien und die Toskana bis in den Norden ausgebreitet.
Der Po und der Lago Maggiore auf historischen Tiefständen
Was in den Städten als Hitze spürbar wird, hat auf dem Land seine Entsprechung in der Trockenheit. Wie die Autorità di Bacino Distrettuale del Fiume Po in ihrem aktuellen Osservatorio-Bulletin klassifiziert, befinden sich der Po und die norditalienischen Regulier-Seen in einem Zustand extremer Dürre. Der Po, längster Fluss Italiens, weist deutlich niedrigere Wasserstände auf als in normalen Sommern. Der Lago Maggiore, nach dem Gardasee der zweitgrößte See Italiens, nähert sich mit einem Wasserstand von rund 192,28 Metern über dem Meeresspiegel nur wenige Zentimeter über dem absoluten historischen Tiefststand aus dem August 1990. Auch das Mittelmeer ist betroffen: In der nördlichen Adria wurden Wassertemperaturen von über 30 Grad gemessen, ein Wert, der ökologische Folgen für die Küstengewässer nach sich zieht. Die extreme Trockenheit hat parallel dazu die Waldbrand-Situation in ganz Italien verschärft, mit besonders schweren Ereignissen in Sizilien, Sardinien und Piemont.
Wie Coldiretti in ihrer laufenden Bilanz zu den Klimafolgen für die Landwirtschaft dokumentiert, belaufen sich die geschätzten Schäden für den italienischen Agrarsektor durch Hitze, Dürre, Hagel und Brände auf inzwischen mehr als drei Milliarden Euro. Betroffen sind alle wichtigen Agrarprodukte, vom Reisanbau in der Poebene über den Hartweizen in Süditalien bis zu Milch, Olivenöl und Obst.
Ein Land, das die Hitze gewohnt ist
Was den italienischen Umgang mit der Hitze prägt, ist eine eingeübte Alltags-Praxis. Die pausa estiva zwischen dreizehn und siebzehn Uhr, in der viele Läden schließen und das öffentliche Leben ruht, ist eine mediterrane Klimaanpassung von langer Tradition. In den Bars und Cafés ist das kostenlose Glas Wasser Standard, viele Kirchen und Museen bieten mit ihren dicken Steinmauern kühle Rückzugsräume. Die kulturelle Bereitschaft, den Tag am Hitze-Rhythmus auszurichten, ist in der italienischen Bevölkerung tief verankert.
Auch bei den Zahlen zur Übersterblichkeit ergibt sich ein differenziertes Bild. Wie Il Fatto Quotidiano in seiner Bilanz zur norditalienischen Sommer-Krise dokumentiert, schätzen Forscher die durch die Hitzewelle verursachten zusätzlichen Todesfälle in Italien für den bisherigen Sommer auf mehrere tausend. Die Zahlen bleiben bis zur offiziellen ISTAT-Bilanz im Herbst allerdings vorläufig, mit einem größeren Anteil bei älteren Menschen und chronisch Kranken.
Was Italien für die Zukunft plant
Trotz dieser Anpassungsfähigkeit bleibt vieles zu tun. In mehreren italienischen Großstädten stehen inzwischen städtische Klimapläne auf der kommunalen Agenda, mit dem Fokus auf mehr Grün, verschatteten Fußgängerzonen und wasserdurchlässigen Belägen. Das Tempo der Umsetzung ist unterschiedlich, aber die Debatte um die Anpassung der italienischen Städte an dauerhafte Hitzephasen ist in den letzten Jahren deutlich intensiver geworden.
Für Reisende, die im Herbst nach Italien kommen, bleibt der Sommer 2026 damit auch nach seinem Ende sichtbar: In den früher als üblich abgeernteten Weinbergen, in den Flusstälern mit sichtbaren Trockenmarken, in den Diskussionen italienischer Städte über ihre städtebauliche Zukunft und an den Adria-Küstenorten wie Milano Marittima, die mit den ökologischen Folgen der warmen Meeres-Wassertemperaturen umgehen müssen. Ein Sommer, der die Grenzen des Gewohnten verschoben hat und der Italiens Verhältnis zur Hitze für die kommenden Jahre neu justiert.




