Vier Teile dieser Serie haben wir der italienischen Gestensprache im echten Leben gewidmet, ihrer Geschichte, den bekanntesten Zeichen, den Fallstricken für Besucher und den Eigenheiten Neapels. Zum Abschluss lohnt sich ein Blick auf eine Bühne, auf der diese Sprache besonders bewusst eingesetzt wird, die Leinwand. Kaum eine Filmkultur der Welt nutzt Körper und Hände so gezielt als eigenständiges Erzählmittel wie die italienische, und genau diese Verbindung wollte ich zum Schluss noch zeigen.
Fellini: die Geste als Oper
Kein Regisseur hat die italienische Gestik so theatralisch inszeniert wie Federico Fellini. In Filmen wie La Dolce Vita oder Achteinhalb bewegen sich seine Figuren fast wie Tänzer, jede Handbewegung ist überzeichnet, fast opernhaft, ein bewusster Bruch mit jeder Zurückhaltung. Fellini selbst wuchs an der Adriaküste auf, in einer Kultur, in der Ausdruck nie leise sein durfte, und übertrug diese Lautstärke direkt auf die Körpersprache seiner Darsteller. Seine Kamera hält oft lange auf ausladenden Armbewegungen, auf Händen, die in die Luft geworfen werden, auf Fingern, die eine ganze Szene dirigieren, als wäre die Geste selbst die eigentliche Hauptfigur und der Dialog nur Begleitmusik dazu.
Der Neorealismus: Gesten der Armut und Würde
Ganz anders arbeiteten die Regisseure des italienischen Neorealismus in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, allen voran Vittorio de Sica mit Fahrraddiebe oder Roberto Rossellini mit Rom, offene Stadt. Wie die Cineteca di Bologna in ihrem Programm zur Nachkriegsfilmgeschichte dokumentiert, dienen Gesten hier nicht der Übertreibung, sondern der Wahrhaftigkeit, oft gefilmt mit Laiendarstellern, deren Handbewegungen ungeschult und dadurch umso echter wirken. Eine hilflos geöffnete Handfläche, ein resigniertes Schulterzucken, ein kurzes Reiben der müden Augen, diese kleinen, unauffälligen Gesten erzählen von Armut und Nachkriegsnot oft eindringlicher als jeder gesprochene Satz. Der Neorealismus zeigte damit die andere Seite derselben Sprache, nicht die laute, gesellige Version vom Marktplatz, sondern die stille, erschöpfte Version am Rand der Gesellschaft.
Totò und die Commedia all'italiana: Gestik als Pointe
In der italienischen Filmkomödie der fünfziger bis siebziger Jahre wurde die Geste selbst zur Pointe. Kaum jemand beherrschte das so meisterhaft wie Totò, der neapolitanische Komiker, dessen ganzer Körper, insbesondere seine Hände und sein Gesicht, zu einem Instrument des Humors wurden. Eine übertriebene Mano a Borsa, die klassische neapolitanische „Was willst du?"-Geste, ein theatralisches Kopfschütteln, eine blitzschnelle Abfolge widersprüchlicher Handbewegungen, bei Totò wurde die alltägliche Gestensprache bis an die Grenze der Karikatur getrieben und genau dadurch komisch. Auch Sophia Loren, Marcello Mastroianni und viele andere Stars dieser Ära setzten Gesten gezielt als komödiantisches Timing ein, oft einen Sekundenbruchteil vor oder nach der eigentlichen Pointe des Dialogs, um den Witz noch zu verstärken.
Gomorra: die Sprache der Straße ohne Übertreibung
Einen radikal anderen Zugang wählte Matteo Garrone mit seinem Film Gomorra aus dem Jahr 2008 und der darauf folgenden Serie. Hier kehrt die Gestik zur Neapel dieser Serie zurück, allerdings roh, karg und bedrohlich, weit entfernt von jeder komödiantischen Überzeichnung. Ein kurzes Nicken, das über Leben und Tod entscheidet, eine beiläufige Handbewegung, die eine Anweisung zur Gewalt bedeutet, eine fast reglose Körperhaltung, die pure Kontrolle signalisiert, in dieser Welt sind Gesten oft minimal, aber jede einzelne trägt enormes Gewicht. Garrone verzichtete bewusst auf die ausladende, laute Version der neapolitanischen Gestik, um stattdessen zu zeigen, wie dieselbe Sprache auch flüstern kann, kalt und kontrolliert, ganz anders als der herzliche Marktplatz-Ton, den viele mit Neapel verbinden.
Eine Sprache, die den Bildschirm überlebt
Diese vier so unterschiedlichen Beispiele, von Fellinis Übertreibung über die stille Würde des Neorealismus und Totòs Pointen bis zu Garrones bedrohlicher Zurückhaltung, zeigen, wie flexibel die italienische Gestensprache tatsächlich ist. Dieselben Wurzeln, die wir im ersten Teil dieser Serie bis in die griechische Antike zurückverfolgt haben, tragen bis heute ganz unterschiedliche Tonlagen, von der Oper bis zum Flüstern, von der Komödie bis zur Bedrohung. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal in Neapel stand und die Gesten zweier Fremder an der Bar zu lesen versuchte, ahnte ich noch nicht, wie viele Schichten sich hinter dieser stillen Sprache verbergen. Ab Oktober werde ich selbst mitten in dieser Sprache leben, in Pozzuoli, nur einen Katzensprung von Neapel entfernt, und ich freue mich schon darauf, all das, was diese Serie in fünf Teilen zusammengetragen hat, im Alltag wiederzuerkennen, an der Bar, auf dem Markt, im Gespräch mit neuen Nachbarn.




