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Die Sprache der Hände (Teil 4): Fünf Gesten, die nur Neapel kennt

Svitlana Glumm
Beim Kartenspiel in Neapel wird nicht nur mit Karten kommuniziert: Kleine, kaum wahrnehmbare Gesten und Blicke – i segnali – dienen traditionell als geheime Zeichen zwischen den Spielern.

Beim Kartenspiel in Neapel wird nicht nur mit Karten kommuniziert: Kleine, kaum wahrnehmbare Gesten und Blicke – i segnali – dienen traditionell als geheime Zeichen zwischen den Spielern.

(Foto: © KI-Visualisierung)
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In den ersten drei Teilen dieser Serie ging es um Gesten, die in ganz Italien verstanden werden, von Mailand bis Palermo. Doch Neapel hat noch eine eigene, tiefere Schicht dieser stillen Sprache, Gesten, die so eng mit der Stadt, ihrer Geschichte und ihrem Aberglauben verwoben sind, dass selbst Italiener aus dem Norden ratlos dreinschauen, wenn sie ihnen zum ersten Mal begegnen. Diese fünf Gesten habe ich hier zusammengetragen, weil sie zeigen, wie viel lokale Identität in einer einzigen Handbewegung stecken kann.

Toccarsi: der diskrete Schutz gegen die Jettatura

In Neapel glauben bis heute viele Menschen, mehr aus kultureller Gewohnheit als aus echtem Aberglauben, an die Jettatura, den bösen Blick, der unabsichtlich Unglück über andere bringen kann. Als stiller Schutz davor greifen vor allem ältere Männer sich unauffällig an die Hosentasche, eine Geste, die schon Andrea de Jorio in seinem Werk aus dem Jahr 1832 ausführlich beschrieb und deren Ursprung bis in die griechisch-römische Antike zurückreicht, in der eine ähnliche Berührung als fruchtbarkeitsbringend und schutzstiftend galt. Außerhalb Neapels und Kampaniens kennt kaum jemand diese Geste in dieser spezifischen, sehr beiläufigen Form, sie wird schnell und fast unmerklich ausgeführt, oft mitten im Satz, während ein Unglück oder eine Krankheit erwähnt wird. Wer sie zum ersten Mal sieht, hält sie leicht für eine zufällige Bewegung, dabei steckt Jahrtausende alte Symbolik dahinter.

Die geheimen Zeichen beim Kartenspiel

Wer schon einmal in einer neapolitanischen Bar eine Partie Tressette oder Scopa beobachtet hat, wird bemerkt haben, dass die Spieler sich neben den lauten Rufen auch mit kaum sichtbaren Blicken und winzigen Gesten verständigen, einem Zwinkern, einem kurzen Berühren der Nase, einem angedeuteten Streichen über die Lippe. Diese Zeichen, in Neapel oft schlicht i segnali genannt, dienen dazu, dem eigenen Partner im Spiel anzudeuten, welche Karten in der Hand liegen, offiziell verboten, gesellschaftlich aber seit Generationen fest verankert und mit stillschweigender Nachsicht geduldet. Jede Familie, jede Bar, manchmal sogar jedes einzelne Kartenspiel-Grüppchen entwickelt dabei leicht abgewandelte eigene Varianten dieser Zeichen. Ein Norditaliener, der zum ersten Mal an so einem Tisch sitzt, versteht meist gar nicht, dass gerade munter kommuniziert wird, und wundert sich höchstens über die vielen kleinen, scheinbar bedeutungslosen Bewegungen im Gesicht der Mitspieler.

Vasa 'a mano: der Handkuss als Zeichen des Respekts

Eine Geste, die im Norden Italiens fast vollständig verschwunden ist, in Neapel und Kampanien aber vor allem unter älteren Generationen noch gepflegt wird, ist der Vasa 'a mano, wörtlich Küss die Hand. Jüngere begrüßen damit traditionell ältere Verwandte oder Respektspersonen, indem sie kurz die Hand des Gegenübers zum eigenen Mund führen, manchmal mit tatsächlicher Berührung der Lippen, manchmal nur angedeutet. Ihre Wurzeln liegen im spanischen Einfluss der Zeit, in der Neapel Teil des spanischen Vizekönigreichs war, und in der katholischen Tradition, in der auch heute noch mancherorts die Hand eines Priesters auf diese Weise begrüßt wird. Für viele jüngere Neapolitaner wirkt diese Geste inzwischen selbst etwas altmodisch, sie überlebt vor allem in ländlicheren Gegenden Kampaniens und bei besonders feierlichen Anlässen wie Taufen oder Hochzeiten.

Menà 'e mmane 'ncoppa 'a panza: Zufriedenheit nach dem Essen

Nach einem besonders gelungenen Essen klopfen sich viele Neapolitaner mit beiden flachen Händen sanft auf den Bauch, begleitet von einem zufriedenen Seufzer oder einem knappen Che mangiata. Diese Sättigungsgeste unterscheidet sich deutlich vom bereits besprochenen Fingerkuss für gutes Essen, denn sie drückt nicht Begeisterung über den Geschmack aus, sondern schlicht körperliche Sättigung und Wohlbefinden, fast wie eine kleine Feier des eigenen vollen Magens. In einer Stadt, in der ein gemeinsames Mahl traditionell weit mehr ist als reine Nahrungsaufnahme, gehört dieser kleine Ritualmoment am Ende einer Mahlzeit fest zum sozialen Ablauf dazu, meist begleitet von Komplimenten an die Köchin oder den Koch des Hauses. Reist man weiter nördlich, verschwindet diese spezifische Geste fast vollständig, dort beschränkt man sich eher auf verbale Komplimente.

'A man' aperta cu' 'e ddete tremmuliette: die zitternde Angst

Eine besonders bildhafte, aber weniger bekannte neapolitanische Geste ist das leichte Zittern der geöffneten Hand, Finger gespreizt und locker vibrierend, das Angst, Nervosität oder freudige Aufregung ausdrückt, oft begleitet vom Ausruf Che fifa. Diese Geste wird typischerweise sehr theatralisch eingesetzt, fast schon karikaturhaft übertrieben, was gut zur ausgeprägten Erzählkultur Neapels passt, in der Geschichten gerne mit sichtbarer Dramatik vorgetragen werden. Ein Norditaliener kennt diese spezifische Zitterbewegung meist gar nicht und würde eher zu einem einfachen Kopfschütteln oder verbalen Ausdruck der Nervosität greifen. In Neapel dagegen gehört sie fest zum Repertoire der alltäglichen Erzählkunst, ganz besonders unter älteren Frauen, die damit gerne kleine Alltagsdramen zum Besten geben.

Eine Stadt, die ihre eigene Sprache spricht

Was diese fünf Gesten verbindet, ist, wie eng sie mit der Geschichte, dem Aberglauben und der Erzähltradition Neapels verwachsen sind. Sie lassen sich kaum von der Stadt trennen, in der sie entstanden sind, und genau das macht sie so besonders. Wer sie kennt, versteht Neapel ein Stück tiefer, als es allein durch Sprache je möglich wäre. Im letzten Teil dieser Serie schauen wir uns an, wie das italienische Kino, von Fellini bis Gomorra, genau diese Gesten für sich entdeckt und auf die Leinwand gebracht hat.

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