Wer in Italien den Fernseher einschaltet, blickt auf eine Medienlandschaft die seit Jahrzehnten von zwei Namen geprägt ist: RAI und Mediaset. Die eine ist die ehrwürdige öffentlich-rechtliche Anstalt, die andere das private Imperium das Silvio Berlusconi in den späten Siebzigerjahren aus dem Nichts aufbaute. Zusammen erreichen sie bis heute rund drei Viertel aller italienischen Zuschauer. Daneben gibt es ein paar Herausforderer, zunehmend auch Streaming-Anbieter, aber das Duopol prägt das Fernsehen in Italien bis heute.
RAI: Die Mutter des Fernsehens in Italien
Die Radiotelevisione Italiana, kurz RAI, wurde 1954 gegründet und ist seitdem die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Italiens. Sie wird über Rundfunkbeiträge und Werbung finanziert, ist dem Staat unterstellt und steht damit seit jeher im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag und politischer Einflussnahme.
Die drei Hauptkanäle RAI 1, RAI 2 und RAI 3 prägen das Bild. RAI 1 ist das Flaggschiff mit den höchsten Einschaltquoten, Sitz der großen Abendshows, der Sanremo-Übertragung und der wichtigsten Nachrichten. RAI 2 setzt traditionell auf Unterhaltung, importierte Serien und Sport. RAI 3 hat das schärfste journalistische Profil und gilt politisch als eher links-liberal. Dazu kommen Spezialsender wie RAI News 24 für Nachrichten rund um die Uhr, RAI Storia für historische Themen, RAI Scuola für Bildung und RAI Gulp sowie RAI Yoyo für Kinder.
Mediaset und Berlusconi: Das Imperium des Cavaliere
Die Geschichte von Mediaset ist die Geschichte von Silvio Berlusconi und damit auch die Geschichte des modernen Fernsehens in Italien. 1978 gründete der Mailänder Bauunternehmer den Sender Telemilano, der sich rasch zu einem nationalen Netzwerk ausweitete. In den Achtzigerjahren entstanden daraus die drei großen Privatsender Canale 5, Italia 1 und Rete 4. 1996 wurden sie unter dem Dach von Mediaset gebündelt, einer Tochter von Berlusconis Holding Fininvest.
Canale 5 ist das Pendant zu RAI 1: massentauglich, glamourös, mit großen Shows und Telenovelas. Italia 1 zielt auf ein jüngeres Publikum mit Serien, Comedy und Trash-TV. Rete 4 ist eher konservativ ausgerichtet und setzt auf politische Talkshows.
Berlusconis Doppelrolle als Medienunternehmer und Politiker machte aus Mediaset von Anfang an mehr als nur eine TV-Gruppe. Als er 1994 mit seiner Partei Forza Italia aus dem Stand die Wahl gewann, hatte er bereits Jahre zuvor eine Werbe- und Imagemaschine aufgebaut die ihresgleichen suchte. In den neun Jahren, in denen er Italien regierte, kontrollierte er nicht nur seine eigenen Sender, sondern hatte auch erheblichen Einfluss auf die öffentlich-rechtliche RAI. Kritische Journalisten verschwanden aus dem Programm, missliebige Sendungen wurden abgesetzt. Die Italiener prägten dafür den Begriff Telekratie.

Staatspräsident Sergio Mattarella spricht auf Canale 5 zur Nation. Der Mediaset-Sender überträgt politische Ansprachen heute genauso selbstverständlich wie die RAI.
2021 wurde Mediaset in MFE — Media for Europe umbenannt, eine Holding mit Rechtssitz in Amsterdam. In Italien tritt die Gruppe weiterhin als Mediaset auf. 2025 übernahm MFE die deutsche ProSiebenSat.1, womit sich ein Kreis schloss: Berlusconi und sein deutscher Counterpart Leo Kirch waren bereits in den Neunzigern lose verbunden gewesen.
Der dritte Pol: La7 und Sky Italia
Lange Zeit gab es neben RAI und Mediaset kaum nennenswerte Konkurrenz. Das hat sich in den letzten Jahren ein wenig verändert. La7, ursprünglich ein Telecom-Italia-Sender, hat sich als publizistisch unabhängige Stimme etabliert und gilt heute als einer der wichtigsten Sender für politische Talkshows und Reportagen. Marktanteilsmäßig spielt La7 in einer anderen Liga als die beiden Großen, aber inhaltlich wird er ernst genommen.
Sky Italia ist der wichtigste Pay-TV-Anbieter des Landes. Der Sender hält die Rechte an der Formel 1, der MotoGP und einem großen Teil der Serie A. Wer in Italien Fußball oder Motorsport in voller Bandbreite sehen will, kommt an Sky nicht vorbei. Sky TG 24 ist zudem ein wichtiger Nachrichtenkanal, der RAI News 24 Konkurrenz macht.
Die kleineren Sender
Neben den großen Gruppen gibt es eine Reihe von Spartensendern die sich über die Jahre etabliert haben. TV8 und NOVE sind frei empfangbare Kanäle mit Unterhaltung und Sport. Real Time, Giallo, DMAX und Focus bedienen jeweils eigene Nischen wie Lifestyle, Krimi-Doku oder Wissenschaft. Iris zeigt Klassiker des Kinos, La 5 richtet sich an ein weibliches Publikum. Insgesamt empfängt man über das digitale Antennenfernsehen DVB-T2 mehrere Dutzend Sender kostenlos.
Streaming verändert das Fernsehen in Italien
Wie überall in Europa hat sich auch in Italien das Sehverhalten verändert. Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ und Apple TV+ sind etabliert. RAI und Mediaset haben mit RaiPlay und Mediaset Infinity eigene Streaming-Plattformen aufgebaut, die kostenlos verfügbar sind und einen großen Teil des linearen Programms zeitversetzt anbieten. Dazu kommt DAZN für Sport, vor allem Fußball.
Für die jüngeren Italiener ist das lineare Fernsehen längst nicht mehr die erste Wahl, aber bei den älteren Generationen hält sich der klassische Abend vor RAI 1 oder Canale 5 erstaunlich hartnäckig. Das Fernsehen in Italien mag älter geworden sein, abgelöst ist das Duopol noch lange nicht.





