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Montemitro: Ein Kind bringt ein Dorf zurück ins Leben

Redaktion
Montemitro, ein kroatisch-sprachiges Bergdorf im Molise mit rund 270 Einwohnern, ist Schauplatz einer symbolischen Geschichte: Nach zehn Jahren Stille läuteten die Kirchenglocken von Santa Lucia wieder für eine Geburt.

Montemitro, ein kroatisch-sprachiges Bergdorf im Molise mit rund 270 Einwohnern, ist Schauplatz einer symbolischen Geschichte: Nach zehn Jahren Stille läuteten die Kirchenglocken von Santa Lucia wieder für eine Geburt.

(Foto: © Realy Easy Star / Alamy Stock Photo)
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Die aktuelle ARTE-Reportage „Italien: Wenn eine Geburt zum Ereignis wird" erzählt die Geschichte eines Ortes, in dem die Kirchenglocken nach zehn Jahren Stille wieder für eine Geburt läuteten. Es geht um das kleine molisanische Dorf Montemitro, in dem eine junge Familie ein Ereignis auslöste, das für ganz Italiens Landesinneres symbolisch geworden ist: die Rückkehr eines Kindes in einen Ort, der seit einem Jahrzehnt keine Geburtsurkunde mehr ausgestellt hatte. Was Montemitro so besonders macht, warum das Dorf mit einer eigenen kroatischen Sprache aufwartet und wie es sich gegen den demografischen Kollaps des Molise stemmt, im Portrait.

Zehn Jahre lang kein Kind

Am 25. September 2015 wurde in Montemitro zum letzten Mal ein Kind geboren, ein Mädchen. Dann verstummten die Kirchenglocken von Santa Lucia für neue Leben. Wie die Regional-Zeitung Il Nuovo Abruzzo e Molise dokumentiert, ist die nächste Geburt in Montemitro erst rund zehn Jahre später gefolgt, mit der Ankunft eines kleinen Jungen, dem seine Eltern den symbolstarken Namen Libero Luigino gaben. Für ein Dorf mit nur rund 270 Einwohnern ist die Geburt eines Kindes nicht nur ein privates Ereignis, sondern eine öffentliche Botschaft: Hier lebt noch jemand, hier gibt es noch Zukunft.

Die Reaktion der Gemeinde war entsprechend. Die Glocken der Chiesa madre Santa Lucia läuteten festlich, die älteren Frauen des Dorfes machten sich daran, das Corredino, die Erstausstattung des Kindes, mit einem antiken Webstuhl aus dem Dorfmuseum zu weben, und die ganze Gemeinschaft nahm an einer sozialen Feier teil, die weit über die Familie hinausging. Der Junge trägt zwei sprechende Namen: Libero (das italienische Wort für „frei") als Programm für ein Leben in einem Ort, der von der Enge urbaner Anonymität nichts weiß, und Luigino als Verbindung zur familiären Tradition.

Die Familie Giorgetta und die wiedereröffnete Fleischerei

Die Geschichte der Eltern ist ein Muster für den Prozess der Rückkehr, den die inneren Dörfer Italiens brauchen, wenn sie überleben wollen. Emanuela wuchs in Montemitro auf, lebte viele Jahre im Bresciano im Norden und kehrte zurück. Rocco, ihr Kindheitsfreund, blieb im Dorf. Als Erwachsene fanden sie zueinander, heirateten in einer Zeremonie, bei der die ganze Gemeinde teilnahm, und beschlossen, im Ort zu bleiben. Wie die Nachrichtenagentur ANSA in ihrer Berichterstattung festhält, haben die beiden eine geschlossene Fleischerei wiedereröffnet und damit einen alten Handwerksberuf im Dorf reaktiviert.

Die Geburt von Libero fand nicht im Dorf selbst statt, sondern im Ospedale San Timoteo in Termoli, dem nächstgelegenen Krankenhaus an der Adria-Küste. In Montemitro selbst wurde der neue Bewohner vom Ortspfarrer Don Pietro und der Dorfgemeinde begrüßt.

Ein kroatisches Sprachdorf im Molise

Montemitro ist Teil einer kleinen und wenig bekannten sprachlichen Minderheit Italiens. Zusammen mit den Nachbargemeinden Acquaviva Collecroce und San Felice del Molise bildet es die Gruppe der drei molise-kroatischen Orte, in denen das Slavomolisano, von seinen Sprechern selbst als na-našo bezeichnet (Montemitro heißt darin Mundimitar), noch aktiv gesprochen wird. Die Sprache ist ein Überrest der kroatischen Migration aus dem 15. und 16. Jahrhundert, als Familien aus dem heutigen Dalmatien vor den osmanischen Eroberungen über die Adria flohen und in den kaum bevölkerten Berg-Hinterländern des Molise eine neue Heimat fanden.

Die kulturelle Verbindung zu Kroatien wird bis heute institutionell gepflegt. Montemitro beherbergt ein Ehrenkonsulat der Republik Kroatien und feiert das Patronatsfest der Heiligen Lucia nicht am kanonischen 13. Dezember, sondern am ersten und letzten Freitag im Mai, zum Gedenken an die historische Überquerung der Adria durch die Vorfahren. Die Chiesa madre Santa Lucia Vergine e Martire beherbergt ein kleines Museum mit historischen Fundstücken der Gemeinde, das von der Pfarrei kuratiert wird und die kulturelle Kontinuität zwischen den beiden Adriaufern dokumentiert.

Molise: Italiens sterbende Region

Der Kontext, in dem sich die Geburt von Libero abspielt, ist einer der dramatischsten in Italien. Wie das lokale Portal Primonumero unter Berufung auf den ISTAT-Report zu den demografischen Indikatoren dokumentiert, verzeichnet die Region Molise einen der stärksten Bevölkerungsrückgänge Italiens, mit einem Verlust von 6,5 Promille pro Jahr, dem zweitschlechtesten Wert des Landes nach der Basilikata. Die Geburtenrate liegt bei nur 1,02 Kindern pro Frau, der zweitniedrigste Wert Italiens nach Sardinien, und der interne Migrationssaldo ist ebenfalls tief negativ, weil junge Menschen den Süden Richtung Nord- und Mittel-Italien verlassen.

Die Auswirkungen sind konkret. Wie das Nachrichten-Portal isnews berichtet, sind unter den 358 italienischen Gemeinden, die 2023 keine einzige Geburt verzeichnet haben, allein 14 im Molise, davon neun in der Provinz Campobasso. Die gesamte Region ist von 330.516 Einwohnern im Jahr 2020 auf 289.224 Ende 2024 gesunken, ein Verlust von rund 12 Prozent in vier Jahren. Vor diesem Hintergrund ist die Geburt eines einzigen Kindes in einem 270-Seelen-Dorf mehr als eine Familienangelegenheit: sie wird zum symbolischen Widerstand gegen eine schleichende Auflösung des Territoriums.

Was Reisende in Montemitro finden

Der Ort liegt in der Provinz Campobasso, rund 40 Kilometer landeinwärts von der Adria-Küste bei Termoli, auf einem Hügel von 508 Metern nahe dem Fluss Trigno. Die Anreise erfolgt von der Autobahn A14 mit Ausfahrt Vasto Sud oder von Termoli aus über die Provinzstraßen des Molise-Hinterlands. Für einen Besuch reichen wenige Stunden: das historische Zentrum ist übersichtlich, die Chiesa Santa Lucia mit dem kleinen Dorfmuseum ist die zentrale Sehenswürdigkeit, und der Blick von der Hügellage öffnet sich weit über die trockene Molise-Landschaft mit ihren Furchen und Feldern.

Wer die Region besucht, findet ein Netzwerk aus kleinen Dörfern mit intakter Alltagskultur, in denen das Zusammenleben noch überschaubar ist und die Beziehungen zwischen den Bewohnern eine zentrale Rolle spielen. Zu den strukturellen Herausforderungen der Region gehört die Frage, wie die verbliebenen Bewohner den Ort für junge Rückkehrer und mögliche Neuankömmlinge attraktiv halten können, mit Initiativen im Bereich Handwerk, Gastronomie und regionalem Weinbau. Die Bewegung ist klein, aber die Rückkehr von Emanuela und Rocco zeigt, dass die Alternative zum Verlassen des Dorfes nicht unbedingt die Anonymität der Stadt sein muss.


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