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Zwei Monate Süditalien: Autofahren ist nichts für Anfänger

Bastian Glumm
Wir sind im Grunde nur mit dem ausgwandert, was in unseren Ford Focus passte (inkl. zwei Katzen). Autofahren in Italien kann man nicht mit Deutschland vergleichen.

Wir sind im Grunde nur mit dem ausgwandert, was in unseren Ford Focus passte (inkl. zwei Katzen). Autofahren in Italien kann man nicht mit Deutschland vergleichen.

(Foto: © Bastian Glumm)
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Mein erster Italienurlaub liegt fast vierzig Jahre zurück. 1987 war ich zum ersten Mal in Riccione, 1995, 1996 und 2000 ging es jeweils mit dem eigenen Auto an den Gardasee. Im Jahr 2000 auch nochmal nach Elba. Was den Straßenverkehr angeht, waren diese Reisen aus heutiger Sichteher ohne besondere Vorkommnisse. Auch später habe ich auf unseren Fahrten nach Pozzuoli viele Kilometer quer durch Italien zurückgelegt und dabei meine Erfahrungen gemacht. Seit zwei Monaten leben wir nun in Pozzuoli bei Neapel, und ich fahre hier jeden Tag Auto. Obwohl ich Italien schon lange kenne, ist das, was ich im täglichen Straßenverkehr hier erlebe, noch einmal eine andere Nummer als das, was ich an italienischem Autofahren bisher kannte.

Über 30 Jahre Fahrpraxis

Ich fahre seit über 30 Jahren Auto und habe auch im Ausland reichlich Erfahrung gesammelt. Ich war mit dem Auto in ganz Europa unterwegs, Frankreich, Polen, Benelux sowieso. Achtmal war ich in Israel und habe das ganze Land mit dem Auto bereist. Unterschiedliche Fahrweisen und ungewohnte Verkehrssituationen sind für mich nichts Neues, ich weiß, was ich hinter dem Steuer tue. Autofahren hier macht mir deshalb keine Angst, aber es strengt an. In Deutschland kann ich auf vielen Strecken einigermaßen entspannt fahren, hier im Raum Neapel und Pozzuoli ist das nach meiner bisherigen Erfahrung kaum möglich. Ich muss ständig hellwach sein und damit rechnen, dass jemand etwas macht, das mich zum Bremsen oder Ausweichen zwingt. Das gilt selbst dann, wenn ich nur den einen Kilometer zum Supermarkt fahre. Eine kurze Strecke bedeutet nicht, dass ich mich zwischendurch weniger konzentrieren könnte.

Drängeln für ein paar Meter Vorsprung

Es wird dicht aufgefahren, gedrängelt und überholt. Jede noch so kleine Lücke wird genutzt, um sich hineinzuschieben, und dabei erlebe ich immer wieder teils haarsträubende Manöver, bei denen ich mich frage, was sie dem Fahrer überhaupt bringen sollen. Ein paar Meter Vorsprung? Einen Platz weiter vorne an der nächsten Ampel? Dafür werden andere geschnitten oder zum Bremsen gezwungen. Auf mich wirkt vieles davon unglaublich ungeduldig und rücksichtslos. Und ob den Fahrern bewusst ist, welches Risiko sie dabei eingehen, kann ich nicht beurteilen. Wenn ich es beobachte, habe ich häufig meine Zweifel. Ungeduld siegt hier ständig über eine sichere Fahrt. An diese Fahrweise habe ich mich auch nach zwei Monaten nicht so richtig gewöhnt. Ich kann manches inzwischen besser vorhersehen, vernünftiger finde ich es deshalb noch lange nicht.

Wer auf eine Lücke wartet, wartet lange

Eine der größten Umstellungen war für mich, zu verstehen, wie das Einordnen hier häufig funktioniert. Wenn ich in eine Fahrzeugschlange hineinmuss, kann ich nicht selbstverständlich erwarten, dass jemand Platz macht. Ich habe lange gebraucht, bis ich begriffen habe, nach welchem Prinzip viele stattdessen fahren: einfach hineinfahren, der andere wird schon bremsen. Und genau das passiert dann auch. Jemand schiebt sich vor mich und ich muss bremsen, wenn ich einen Zusammenstoß vermeiden will. Dass ich bereits auf meiner Spur unterwegs bin, spielt für den anderen offenbar keine entscheidende Rolle: Er fährt, ich reagiere.

Umgekehrt muss ich selbst entschlossen eine Gelegenheit nutzen, wenn ich mich einordnen will. Wer nur wartet, bis ihm jemand großzügig eine Lücke anbietet, kann hier lange stehen. Man darf sich beim Fahren nicht einschüchtern lassen, muss aber gleichzeitig genau beobachten, was um einen herum passiert. Natürlich kenne ich auch aus Deutschland Autofahrer, die sich irgendwo hineindrängen, neu ist für mich aber, wie selbstverständlich dieses Verhalten hier zum täglichen Ablauf gehört. Für mich ist das Ausdruck eines Egoismus, der meinen Eindruck vom Straßenverkehr im Raum Neapel und Pozzuoli stark prägt: Ich fahre jetzt. Du wirst schon bremsen. Aber man darf mich nicht falsch verstehen: das alles ist hier vollkommene Normalität, die Rücksichtslosigkeit gehört zum Alltag und es regt sich auch niemand wirklich darüber auf, wenn er geschnitten wird. Für Autofahrer, die jahrzehntelang in Deutschland unterwegs waren, trotzdem eine gänzlich neue Erfahrung.

Die Linksabbiegerspur wird zur Überholspur

An Ampelkreuzungen lässt sich das gut beobachten. Ich stehe auf der Geradeausspur, neben mir fährt jemand auf die Linksabbiegerspur. Sobald die Ampel umspringt, biegt der andere keineswegs links ab, sondern beschleunigt und zieht vor mir auf meine Spur: Die Abbiegespur hat lediglich dazu gedient, an der wartenden Reihe vorbeizukommen. Das erlebe ich mehrmals täglich, ganz normal. Auch das Überfahren roter Ampeln gehört zu den Dingen, die ich hier beobachte. Erst heute bretterte ein Linienbus voll über eine rote Ampel, außer mir wird es wahrscheinlich niemandem aufgefallen sein. Beim Auffahren auf die Tangenziale wiederum reicht es nicht, den Verkehr auf der Fahrbahn im Auge zu behalten und eine passende Lücke zu suchen. Es kommt vor, dass ich bereits auf dem Beschleunigungsstreifen überholt werde. Gleichzeitig muss ich einschätzen, wie ich sicher auffahre und was der Fahrer macht, der sich noch an mir vorbeischieben will. Solche unnötigen Manöver verlangen anderen zusätzliche Aufmerksamkeit ab, nur weil jemand unbedingt noch ein Auto weiter vorne sein möchte.

Wer mit dem Auto in Neapel unterwegs ist, muss seine Augen überall haben. Verkehrsregeln sind hier bestenfalls Auslegungssache.

Wer mit dem Auto in Neapel unterwegs ist, muss seine Augen überall haben. Verkehrsregeln sind hier bestenfalls Auslegungssache.

(Foto: © Bastian Glumm)

Und dann kommen noch die Roller

Dazu kommen die Vespas und anderen Motorroller. Sie schlängeln sich zwischen den Autos hindurch, tauchen seitlich auf und fahren durch Lücken, die ich kaum für möglich gehalten hätte. Während ich den Wagen vor mir und den Verkehr neben mir beobachte, muss ich immer damit rechnen, dass sich noch ein Roller dazwischenschiebt. Bei manchen dieser Manöver habe ich tatsächlich den Eindruck, die Fahrer hielten sich für unsterblich. Vor allem in engen Stausituationen mit Fahrzeugen links, rechts und vor mir kann einem das die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Gerade auf einem Roller sind die Folgen eines Fehlers möglicherweise gravierend, trotzdem wird gefahren, als werde schon alles gut gehen. Diese Sorglosigkeit im Umgang mit der eigenen Gesundheit und teilweise dem eigenen Leben finde ich befremdlich, zumal die anderen Verkehrsteilnehmer einbezogen werden, ob sie wollen oder nicht. Wer sich durch eine knappe Lücke drückt, verlässt sich darauf, dass alle anderen rechtzeitig reagieren. Wie gesagt, vollkommen normal hier.

Auch beim Thema Sicherheit fällt einiges auf

Nach meiner persönlichen Beobachtung sind hier erstaunlich viele Menschen ohne Sicherheitsgurt unterwegs. Manchmal habe ich das Gefühl, nur jeder Dritte oder Vierte sei angeschnallt. Das ist keine erhobene Zahl, sondern mein Eindruck aus dem täglichen Verkehr. Die Polizia interessiert das hier übrigens nicht. Bei manchen Autos frage ich mich außerdem, ob sie in Deutschland bei einer Polizeikontrolle überhaupt weiterfahren dürften. Ihren tatsächlichen technischen Zustand kann ich von außen nicht beurteilen, der sichtbare Zustand einiger Fahrzeuge gibt mir allerdings zu denken. Wenn dann über hohe Kfz-Versicherungsprämien geklagt wird, denke ich angesichts mancher Fahrmanöver unwillkürlich: So, wie hier einige fahren, wundert mich das nicht. Das ist meine persönliche Reaktion auf das, was ich täglich sehe. Übrigens: noch immer ist hier gefühlt jedes zehnte Auto mit einem polnischen Kennzeichen untergwegs. Eine Methode in einer gesetzlichen Grauzone, die Versicherungsprämien gering zu halten.

Entschlossen fahren und für andere mitdenken

Mir ist klar, dass nicht jeder hier so fährt. Meine Erfahrungen beziehen sich auf meine täglichen Wege im Raum Neapel und Pozzuoli, aber die Häufigkeit riskanter und rücksichtsloser Manöver fällt mir hier deutlich stärker auf als auf meinen früheren Reisen. Wenn mir dann ein Italiener erzählt, die Deutschen könnten nicht Auto fahren, denke ich inzwischen: Manche fahren hier, als wären sie lebensmüde. Wegen ein paar Metern Vorsprung werden Risiken eingegangen, deren mögliche Folgen für mich in keinem Verhältnis zum Zeitgewinn stehen.

Es strengt an, ständig für andere mitdenken zu müssen. Sobald ich losfahre, bin ich Teil dieses Verkehrs und muss mit seinen Abläufen umgehen. Ich kann noch so vorausschauend fahren, wenn jemand unvermittelt vor mir hineinzieht, muss ich reagieren. Nach zwei Monaten weiß ich besser, was mich erwartet. Ich fahre entschlossen, nutze meine Gelegenheiten und bleibe aufmerksam. Entspanntes Autofahren ist das trotzdem nicht. Zumindest hier im Raum Neapel und Pozzuoli ist Autofahren aus meiner Sicht wirklich nichts für Anfänger. Und man muss sich mit der einzig wahren Regel abfinden, die eine Rolle spielt: es gibt hier keine Regeln im Straßenverkehr!

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