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Italienische Bar: Warum sie mehr ist als nur ein Café

Bastian Glumm
Italienische Bar in Reinkultur: Im Gran Caffè Gambrinus in Neapel trinken Gäste ihren Caffè im Stehen an der Theke. Das al banco ist seit jeher Teil der italienischen Bar-Kultur.

Italienische Bar in Reinkultur: Im Gran Caffè Gambrinus in Neapel trinken Gäste ihren Caffè im Stehen an der Theke. Das al banco ist seit jeher Teil der italienischen Bar-Kultur.

(Foto: © Bastian Glumm)
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Die italienische Bar ist mehr als ein Café. Das versteht man spätestens, wenn man in Italien lebt. In Pozzuoli, wo unsere Familie zuhause ist, beginnt der Tag oft an der Bar. Nicht weil wir keinen Kaffee zuhause hätten, sondern weil sie ein anderer Ort ist als das deutsche Café. Sie ist Frühstückstreff, Wohnzimmer, Treffpunkt mit Nachbarn und manchmal auch Postannahmestelle. Wer einmal verstanden hat, wie die italienische Bar funktioniert, hat einen Schlüssel zum italienischen Alltag in der Hand.

Mit Bar ist hier nichts gemeint, was nach Alkohol oder Cocktails klingt. Das Wort wurde im 19. Jahrhundert aus dem Englischen übernommen, beschreibt in Italien aber ein eigenes Konzept. Eine italienische Bar ist ein kleiner Raum mit einer langen Theke, an der man im Stehen seinen Caffè trinkt. Dahinter steht der Barista, vor sich die glänzende Espressomaschine, und das ganze System dreht sich um Geschwindigkeit, Präzision und soziale Begegnung.

Die italienische Bar als sozialer Mittelpunkt

In Italien gibt es über 100.000 Bars. Fast jedes Dorf hat mindestens eine, in jeder Stadt finden sich Dutzende. Sie ist das, was in anderen Ländern der Marktplatz, der Friseur oder das Wartezimmer beim Arzt sein können: ein Ort, an dem man sich trifft, redet, beobachtet und manchmal einfach nur kurz inne hält.

Der typische Italiener trinkt vier Caffè pro Tag, die meisten davon in der Bar. Am frühen Morgen kommt man auf dem Weg zur Arbeit vorbei, isst ein Cornetto, trinkt einen Cappuccino und tauscht mit dem Barista die Neuigkeiten der Nachbarschaft aus. Am Vormittag eine kurze Pause für einen Espresso. Mittags ein schnelles Panino oder eine Pasta. Am späten Nachmittag der Aperitivo. Und manchmal abends noch ein Digestivo. Die italienische Bar begleitet den ganzen Tag.

Wie man eine italienische Bar richtig nutzt

Wer eine italienische Bar zum ersten Mal betritt, sollte ein paar einfache Regeln kennen. Die erste betrifft den Caffè selbst. Wer einen Espresso bestellt, sagt einfach un caffè. Das Wort Espresso ist unter Italienern unüblich und wirkt sofort touristisch. Bestellt wird an der Kasse, danach geht man mit dem Bon zur Theke und bestellt dort beim Barista.

Die zweite Regel betrifft den Preis. Wer den Caffè im Stehen an der Theke trinkt, zahlt den niedrigsten Preis, meist um einen Euro. Wer sich an einen Tisch setzt, zahlt deutlich mehr. Das ist kein Trick und keine Abzocke, sondern eine seit Jahrzehnten etablierte Preisstruktur. Die Italiener nennen es al banco gegenüber al tavolo. Wer also nicht länger bleiben will, trinkt im Stehen.

Ein klassischer Caffè in einer italienischen Bar. Kurz, intensiv und mit der typischen Crema, wie man ihn überall im Land an der Theke bestellt.

Ein klassischer Caffè in einer italienischen Bar. Kurz, intensiv und mit der typischen Crema, wie man ihn überall im Land an der Theke bestellt.

(Foto: © Bastian Glumm)

Die dritte Regel betrifft die Tageszeit. Cappuccino wird in Italien ausschließlich am Vormittag getrunken, meist zum Frühstück. Wer um 14 Uhr einen Cappuccino bestellt, outet sich sofort als Tourist. Nach dem Mittagessen wechselt man auf Espresso, gerne auch als caffè macchiato mit einem Tropfen Milchschaum. Eine echte Faustregel der italienischen Bar: Milch im Caffè gibt es vor 11 Uhr, danach nicht mehr.

Die wichtigsten Caffè-Varianten

Hinter dem einfachen Wort caffè verbirgt sich eine ganze Welt. Ein caffè ristretto ist ein extra konzentrierter Espresso mit weniger Wasser. Ein caffè lungo ist verlängert mit etwas mehr Wasser, aber nicht zu verwechseln mit dem schwächeren caffè americano. Der caffè macchiato ist ein Espresso mit einem Schuss Milchschaum, der caffè corretto ein Espresso mit einem Schuss Grappa oder Sambuca. Im Sommer kommt der caffè shakerato dazu, ein im Cocktailshaker geschüttelter kalter Espresso. In Neapel ist der caffè sospeso eine Institution: Man bezahlt zwei Caffè, trinkt einen und schenkt den anderen einem Gast, der ihn sich nicht leisten kann. Ein Stück gelebte Solidarität, das mittlerweile in vielen italienischen Städten Schule gemacht hat.

Filterkaffee gibt es übrigens nicht. Wer länger in Italien lebt und an deutschen Filterkaffee gewöhnt ist, gewöhnt sich um, oder kauft sich für zuhause eine Moka-Kanne, die mehr kann als nur Kaffee zu kochen. Sie ist ein italienisches Kulturobjekt, erfunden 1933 von Alfonso Bialetti und bis heute in fast jedem italienischen Haushalt zu finden.

Mehr als nur Caffè: Cornetto, Aperitivo und Aperol

Die italienische Bar ist nicht nur ein Caffè-Ort. Morgens steht das Cornetto im Mittelpunkt, das italienische Hörnchen, das im Gegensatz zum französischen Croissant deutlich süßer und weicher ist. Es kommt klassisch in drei Varianten: vuoto (leer), crema (mit Vanillecreme) oder marmellata (mit Marmelade). Bleibt sind auch Variationen mit Schokolade und Pistazie. Wer es probieren will, bestellt einfach mit. Das Cornetto plus Cappuccino ist das italienische Standardfrühstück.

Am späten Nachmittag verwandelt sich die italienische Bar in einen Aperitivo-Ort. Zwischen 18 und 20 Uhr füllt sie sich mit Menschen, die sich auf ein Glas Wein, einen Aperol Spritz, einen Campari oder einen klassischen Negroni einstellen. Dazu serviert die Bar in der Regel kleine Snacks: Oliven, Chips, Schinken, manchmal kleine Pizzastücke oder Bruschetta. In einigen Städten, besonders in Mailand, hat sich daraus der Apericena entwickelt, eine Mischung aus Aperitivo und Abendessen, bei der man mit einem Getränk Zugang zu einem ganzen Buffet hat.

Ein Cornetto mit Schokoladenstückchen. Das süße Hörnchen gehört in jeder italienischen Bar zum klassischen Frühstück und wird traditionell mit einem Cappuccino kombiniert.

Ein Cornetto mit Schokoladenstückchen. Das süße Hörnchen gehört in jeder italienischen Bar zum klassischen Frühstück und wird traditionell mit einem Cappuccino kombiniert.

(Foto: © Bastian Glumm)

Norditalien, Süditalien und die regionalen Unterschiede

Wer in italienischen Bars unterwegs ist, merkt schnell, dass sie nicht überall gleich sind. In Norditalien, besonders in Mailand, sind sie geschäftiger, hektischer, oft modern eingerichtet und stark business-orientiert. Im Süden, vor allem in Neapel und Palermo, sind sie deutlich sozialer geprägt. Man bleibt länger, redet mehr, und das Tempo ist langsamer.

Die Röstung des Caffè unterscheidet sich ebenfalls. Im Norden dominiert die mildere Arabica-Bohne, im Süden die kräftigere Robusta, die einen intensiveren, schokoladigen Geschmack hervorbringt. Neapel gilt unter Italienern als die Stadt mit dem besten Caffè überhaupt, und wer einmal einen klassischen neapolitanischen Espresso getrunken hat, versteht warum. Das hat nichts mit Marketing zu tun, sondern mit der Wasserqualität, der Röstung und einer Tradition, die über Generationen gewachsen ist.

Historische Kaffeehäuser: Wo die italienische Bar-Tradition begann

Vor der italienischen Bar gab es die Kaffeehäuser, und einige der ältesten Europas stehen bis heute in Italien. Das berühmteste ist das Caffè Florian an der Piazza San Marco in Venedig, eröffnet 1720 und damit das älteste durchgehend betriebene Kaffeehaus Europas. Goethe, Casanova, Lord Byron und Marcel Proust gehörten zu seinen Gästen. Auch das Antico Caffè Greco in Rom, gegründet 1760, oder das Caffè Pedrocchi in Padua haben Jahrhunderte überdauert. In Neapel wiederum prägt seit 1860 das Gran Caffè Gambrinus das gesellschaftliche Leben der Stadt, über das wir bereits ausführlich berichtet haben. Sie alle sind keine Bars im heutigen Sinne, aber die Wurzel dessen, was sich später in jedem italienischen Dorf etablieren sollte.

Die italienische Bar als Bühne des Alltags

Was die italienische Bar besonders macht, lässt sich am besten beschreiben, indem man sie eine Weile beobachtet. Der Briefträger, der seinen Caffè im Stehen trinkt, während er kurz mit dem Barista plaudert. Die Schulkinder, die ihr Cornetto holen. Die ältere Dame, die seit vierzig Jahren denselben Stuhl in der Ecke beansprucht. Das Geschäftsgespräch, das nebenher beim Espresso geführt wird. Die Touristen, die fasziniert auf die Maschine starren.

Eine italienische Bar ist kein Café im deutschen Sinn, in dem man eine Stunde sitzt und liest. Sie ist ein Durchgangsort, an dem viele Menschen viele kleine Momente teilen. Genau das macht sie zum sozialen Herzstück des Landes. Wer Italien wirklich kennenlernen will, sollte sich nicht ins Restaurant setzen, sondern an die Theke einer Bar stellen. Dort lebt das Land.

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