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Der gefährlichste Vulkan Europas ist nicht der Vesuv

Bastian Glumm
Der Vesuv über dem Golf von Neapel: Vom Posillipo aus ist der Doppelgipfel mit Somma und Hauptkegel deutlich erkennbar. Rund 700.000 Menschen leben in der roten Zone am Fuß des Vulkans.

Der Vesuv über dem Golf von Neapel: Vom Posillipo aus ist der Doppelgipfel mit Somma und Hauptkegel deutlich erkennbar. Rund 700.000 Menschen leben in der roten Zone am Fuß des Vulkans.

(Foto: © Bastian Glumm)
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Wenn in Deutschland vom gefährlichsten Vulkan Europas die Rede ist, denken die meisten sofort an den Vesuv. Der schlummernde Riese über dem Golf von Neapel, verantwortlich für die Verschüttung von Pompeji im Jahr 79 nach Christus, ist das internationale Vulkan-Symbol schlechthin. Aus wissenschaftlicher Sicht sieht das Bild jedoch anders aus. Italien beheimatet mehrere aktive Vulkane, jeder mit einem eigenen Charakter und einer eigenen Risikobewertung, und der bekannteste ist nicht automatisch der gefährlichste. Ein Blick auf die fünf wichtigsten aktiven Vulkane des Landes zeigt, warum die Frage nach dem eigentlichen Hotspot Europas anders beantwortet werden muss, als es die Bilder aus Pompeji vermuten lassen.

Der Vesuv über dem Golf von Neapel

Der Vesuv mit seinen 1.281 Metern Höhe ist der einzige aktive Vulkan des europäischen Festlands und thront über der Bucht von Neapel als weithin sichtbares Wahrzeichen der Region. Der bekannteste Ausbruch vom 24. Oktober 79 nach Christus verschüttete Pompeji, Herculaneum und Stabiae unter Ascheschichten und tötete Tausende. Der Vulkan blieb danach jahrhundertelang aktiv, mit dem letzten größeren Ausbruch 1944 mitten im Zweiten Weltkrieg, bei dem mehrere Ortschaften am Fuß des Bergs zerstört wurden. Seither ist der Vesuv seismisch weitgehend ruhig, wie das Osservatorio Vesuviano zum aktuellen Zustand festhält, mit einer grünen Warnstufe und keinen Anzeichen erhöhter Aktivität. Am Fuß des Berges liegt das Osservatorio Vesuviano, die 1841 gegründete älteste Vulkanwarte der Welt, die den Vesuv rund um die Uhr überwacht.

Die eigentliche Herausforderung des Vesuvs liegt in seiner Bevölkerungsdichte. In der roten Zone rund um den Vulkan leben rund 700.000 Menschen, im weiteren Ballungsraum Neapel über drei Millionen. Ein Ausbruch nach dem 79er-Muster würde in der modernen Zeit katastrophale Folgen haben, weshalb der Vesuv trotz seiner aktuellen Ruhe zu den am dichtesten überwachten Vulkanen der Welt gehört. Der Gipfel ist über einen ausgebauten Wanderweg von der Straße unterhalb erreichbar und bleibt eine der klassischen Sehenswürdigkeiten Kampaniens.

Der Ätna auf Sizilien

Der Ätna an der Ostküste Siziliens ist mit rund 3.357 Metern der höchste aktive Vulkan Europas und gleichzeitig der aktivste nach Ausbruchsfrequenz. Der Berg produziert mehrere Ausbrüche pro Jahr, meist mit effusiven Lavaströmen, die sich langsam die Flanken hinabbewegen und selten Menschen unmittelbar gefährden. Die letzten Jahre zeigten eine besonders intensive Aktivität, mit spektakulären Lavafontänen in den Nächten und Aschewolken, die den Flugverkehr in Catania mehrfach zeitweise lahmlegten. Allein zwischen Ende 2025 und Anfang 2026 zeigte der Berg, wie das Osservatorio Etneo im Update dokumentiert, eine mehrwöchige Eruptionsphase mit strombolianischer Aktivität am Voragine-Krater und Lavaströmen im Valle del Bove. Der Ätna ist seit 2013 UNESCO-Welterbe und Teil eines der bedeutendsten italienischen Naturparks.

Der Ätna an der Ostküste Siziliens: Mit rund 3.357 Metern der höchste aktive Vulkan Europas und gleichzeitig der aktivste nach Ausbruchsfrequenz.

Der Ätna an der Ostküste Siziliens: Mit rund 3.357 Metern der höchste aktive Vulkan Europas und gleichzeitig der aktivste nach Ausbruchsfrequenz.

(Foto: © Pixabay)

Die Gefahrenzone des Ätna umfasst vor allem die dünn besiedelten Höhenlagen am Berg selbst, während die Stadt Catania mit ihren rund 300.000 Einwohnern in 27 Kilometern Entfernung liegt. Die Zivilschutzstrukturen der Region haben über Jahrzehnte gelernt, mit den regelmäßigen Ausbrüchen zu leben, und die Vorhersagbarkeit der Lavaströme durch das Osservatorio Etneo ist international vorbildlich. Der Berg ist per Seilbahn und Geländefahrzeug bis in die Höhenlagen erreichbar und einer der meistbesuchten aktiven Vulkane Europas.

Der Stromboli auf den Äolischen Inseln

Der Stromboli, nördlich Siziliens auf der gleichnamigen Insel gelegen, ist ein Sonderfall der europäischen Vulkanologie. Mit 926 Metern Höhe über dem Meer und deutlich mehr unter Wasser produziert der Berg seit über 2.000 Jahren fast ununterbrochen kleine explosive Eruptionen, mit Auswürfen von glühendem Gestein und Gaswolken alle zehn bis zwanzig Minuten. Diese kontinuierliche Aktivität hat der gesamten Kategorie den Namen gegeben: die strombolianische Eruption ist ein Fachbegriff der internationalen Vulkanologie. Berühmt ist die Sciara del Fuoco, die „Feuerrutsche", eine Steilflanke im Nordwesten der Insel, über die das ausgeworfene Material ins Meer rutscht.

Auf der Insel leben rund 500 Menschen in den beiden Ortschaften Stromboli und Ginostra, die vom Vulkan-Tourismus, der Fischerei und der Landwirtschaft leben. Die kontinuierlichen kleinen Eruptionen sind für die Bewohner Alltag, während stärkere paroxysmale Ausbrüche wie 2019 und 2022 immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen. Bei dem Ausbruch am 3. Juli 2019 kam ein deutscher Tourist ums Leben, als er auf der Insel wandern war. Wie die italienische Protezione Civile in ihrem offiziellen Vulkan-Profil festhält, können paroxysmale Ausbrüche und Lavaströme zusätzlich die Sciara del Fuoco destabilisieren und in seltenen Fällen kleine Tsunamis an den umliegenden Küsten auslösen. Der Aufstieg auf den Gipfel ist heute nur mit ausgebildeten Berg- und Vulkan-Führern erlaubt und wird streng reguliert, während die Beobachtung der Eruptionen vom Meer oder von einigen Aussichtspunkten unbeschränkt möglich ist.

Der Stromboli in den Äolischen Inseln: Die charakteristische Rauchfahne über dem Gipfel gehört seit über 2.000 Jahren zum Alltag der Insel. Rechts unten die Ortschaft Ginostra am Meer.

Der Stromboli in den Äolischen Inseln: Die charakteristische Rauchfahne über dem Gipfel gehört seit über 2.000 Jahren zum Alltag der Insel. Rechts unten die Ortschaft Ginostra am Meer.

(Foto: © Pixabay)

Vulcano, der Namensgeber

Wenige Kilometer südlich von Lipari liegt die Insel Vulcano, deren Name zum Ursprung aller europäischen Sprachen für „Vulkan" wurde. Der Berg selbst, der Gran Cratere della Fossa, erreicht eine Höhe von 500 Metern und hatte seinen letzten Ausbruch zwischen 1888 und 1890. Seither ist der Krater ruhig, aber intensive fumarolische Aktivität hält den Boden warm und sorgt für den charakteristischen Schwefel-Geruch, der die Insel über das ganze Jahr prägt. Zwei Bade-Bereiche mit natürlichem Schwefel-Schlamm und dampfenden Meereszonen machen Vulcano zu einer der außergewöhnlichsten Wellness-Destinationen des Mittelmeers.

Seit Oktober 2021 hat sich die Situation auf Vulcano allerdings verändert. Das Osservatorio Vesuviano stufte die Warnstufe auf gelb hoch, nachdem die Fumarolen-Temperaturen und die CO2-Werte deutlich gestiegen waren. Teile der Insel wurden zeitweise evakuiert, insbesondere die tiefer gelegenen Zonen um den Krater, in denen sich CO2 in gefährlichen Konzentrationen sammeln kann. Wie das Centro Monitoraggio Eolie zur idrothermalen Krise der Insel im Detail dokumentiert, stiegen die Fumarolen-Temperaturen am Kraterrand zwischen 2021 und 2023 auf Spitzenwerte bis 390 Grad Celsius, kombiniert mit erhöhter Sismizität und einer Aufblähung des Kegels. Die rund 700 Bewohner leben seit dieser Zeit mit einem angepassten Alltag, und die touristische Nutzung der Insel wurde in bestimmten Zonen eingeschränkt. Vulcano gilt aktuell als der zweite Vulkan Italiens neben den Campi Flegrei, dessen Zustand vom INGV besonders aufmerksam verfolgt wird.

Die Campi Flegrei bei Neapel

Westlich von Neapel, im Ballungsraum zwischen der Metropole und Cumae, liegt der flächenmäßig größte aktive Vulkan Italiens: die Phlegräischen Felder oder Campi Flegrei. Anders als der Vesuv, der Ätna oder Vulcano haben die Campi Flegrei keinen einzelnen Gipfel, sondern bilden eine ausgedehnte Caldera mit 24 Kratern, von denen viele unter Wasser liegen. Die letzte oberflächlich sichtbare Eruption fand 1538 statt und schuf innerhalb weniger Tage den Monte Nuovo bei Pozzuoli. Die letzte Supereruption liegt rund 40.000 Jahre zurück und gilt als eine der stärksten Eruptionen der jüngeren Erdgeschichte in Europa.

Seit 2005 befindet sich das System in einer Phase des Bradyseismus, einer langsamen Hebung und Senkung des Bodens, begleitet von einer wachsenden seismischen Aktivität. Am 31. Juli 2026 um 19:46 Uhr registrierte das Osservatorio Vesuviano ein Erdbeben der Magnitude 4,7 mit Epicentrum zwischen Pozzuoli und Quarto, das stärkste seit über vier Jahrzehnten. In den folgenden 48 Stunden wurden 217 weitere Erdbeben registriert, bevor der Schwarm am 2. August für beendet erklärt wurde. Acht Gebäude wurden für unbewohnbar erklärt, 130 Familien mit rund 290 Personen evakuiert. Wie die ANSA aus dem INGV-Bericht dokumentiert, sind seit 2023 elf Erdbeben mit Magnitude 4 oder mehr in den Campi Flegrei aufgetreten, während der Vesuv im selben Zeitraum seismisch weitgehend ruhig blieb. Wie das INGV in seinem offiziellen Update festhält, bleibt die aktuelle Warnstufe gelb, weil die anderen Parameter wie Bodenhebungsrate und Magma-Tiefe stabil sind.

Die Solfatara bei Pozzuoli mit ihren Fumarolen und Schwefel-Ablagerungen: Der Krater in den Campi Flegrei ist Teil des aktiven Supervulkan-Systems und aus Sicherheitsgründen seit 2017 für Besucher geschlossen.

Die Solfatara bei Pozzuoli mit ihren Fumarolen und Schwefel-Ablagerungen: Der Krater in den Campi Flegrei ist Teil des aktiven Supervulkan-Systems und aus Sicherheitsgründen seit 2017 für Besucher geschlossen.

(Foto: © Pixabay)

Warum der bekannteste Vulkan nicht der gefährlichste ist

Die vier bisher vorgestellten Vulkane, Vesuv, Ätna, Stromboli und Vulcano, haben jeweils klar definierte Risikoprofile. Der Vesuv ist ruhend, aber mit hoher Bevölkerungsdichte in der roten Zone. Der Ätna ist hochaktiv, aber mit überwiegend effusiven Eruptionen und dünn besiedelten Gefahrenzonen. Der Stromboli produziert kontinuierliche kleine Eruptionen, aber die Insel hat nur 500 Bewohner. Vulcano zeigt seit 2021 Anzeichen erhöhter Aktivität, betrifft aber wiederum eine kleine Population. In allen vier Fällen sind die Zivilschutzstrukturen erprobt und die Eruptionsstile vergleichsweise vorhersehbar.

Die Campi Flegrei unterscheiden sich in einer entscheidenden Kombination. Sie eruptieren extrem selten, im Falle einer Supereruption aber mit einer Stärke, die im europäischen Kontext ihresgleichen sucht. Kombiniert mit den rund 500.000 Menschen in der unmittelbaren Gefahrenzone und der dichten Infrastruktur des Ballungsraums Neapel ergibt sich daraus die vulkanologische Klassifikation als „gefährlichster Vulkan Europas", die weniger auf der aktuellen Aktivität als auf dem potenziellen Schadensausmaß bei einem Ereignis beruht. Wie das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in einer aktuellen Untersuchung der komplexen Erdbebendynamik zeigt, reagiert das System der Phlegräischen Felder seit 2005 zunehmend nichtlinear, mit einer Beschleunigung der Erdbebenaktivität, die über die reine Hebungsrate hinausgeht.

Für die Vulkanologie ist damit klar, dass der bekannteste italienische Vulkan nicht der gefährlichste ist. Der Vesuv bleibt das Symbol, die Campi Flegrei sind der eigentliche Hotspot. Beide werden vom selben Osservatorio Vesuviano überwacht, mit denselben wissenschaftlichen Standards und derselben internationalen Vernetzung. Für Reisende ergibt sich daraus keine unmittelbare Gefahrenlage, sondern die klare Empfehlung, die Region genauso zu besuchen wie bisher, mit einem Blick auf die aktuellen Verlautbarungen der Protezione Civile und dem Wissen, dass die geologischen Realitäten Süditaliens seit Jahrtausenden zum Alltag der Bewohner gehören.

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