Zum Inhalt springen

Furore an der Amalfiküste: Der Ort, der nicht existiert

Redaktion
Blick auf den Fiordo di Furore an der Amalfiküste: Am Grund der Felsschlucht liegt der 25 Meter breite Strand, überspannt von der Bogenbrücke der Küstenstraße SS 163.

Blick auf den Fiordo di Furore an der Amalfiküste: Am Grund der Felsschlucht liegt der 25 Meter breite Strand, überspannt von der Bogenbrücke der Küstenstraße SS 163.

(Foto: © travnikovstudio - adobe.stock.com)
Teilen:

Wer entlang der Amalfiküste von Amalfi in Richtung Positano fährt, verpasst Furore leicht. Der Ort mit rund 700 Einwohnern hat keinen zentralen Platz, keine Uferpromenade, keinen Marktplatz. Die Häuser verteilen sich über einen Höhenunterschied von 500 Metern, angeschmiegt an die steilen Hänge der Monti Lattari, verbunden durch ein enges Netz aus Gassen und Treppen. In Italien ist das Dorf deshalb als „paese che non c'è" bekannt, der Ort, der nicht existiert. Zwei weitere Besonderheiten machen Furore aus: eine tiefe Felsschlucht, die im Deutschen fälschlich als einziger Fjord Italiens bezeichnet wird, und rund hundert Wandmalereien internationaler Künstler auf den Fassaden der verstreuten Häuser. Wer den Umweg wagt, findet die Amalfiküste hier von einer Seite, die abseits der Postkarten-Motive von Positano, Amalfi und der Insel Capri weitgehend unbemerkt geblieben ist.

Der Fjord, der eigentlich keiner ist

Der Fiordo di Furore ist geologisch kein Fjord im eigentlichen Sinn, sondern eine Ria, eine tiefe Felsschlucht, die vom Torrente Schiato geformt wurde. Der Bach stürzt vom Hochplateau von Agerola in Richtung Meer und hat über die Jahrtausende eine schmale Einbuchtung in die Küstenlinie geschnitten. An deren Grund liegt ein Strand von gerade einmal 25 Metern Breite, umrahmt von hohen Felswänden. Die Geologie machte den Ort über Jahrhunderte hinweg zu einem sicheren Zufluchtsort vor feindlichen Angriffen von der See her, so eine Übersicht des Reise-Portals Costiera Amalfitana zum Fjord.

Berühmt geworden ist der Fjord in den letzten Jahren vor allem durch die Bogenbrücke, die 30 Meter über dem Wasser die beiden Felswände verbindet und Teil der Küstenstraße SS 163 ist. Vom Strand aus fotografiert, wird die Brücke zu einem Instagram-Motiv, das jährlich Tausende Reisende an den kleinen Kieselstrand zieht. Rund um den Strand haben sich die monazzeni erhalten, alte Fischerhäuser, die früher als Werkzeugdepots dienten. Aus einem Teil dieser Häuser ist das Ecomuseo del Fiordo entstanden, ein Freiluft-Museum, das die traditionelle Bau- und Fischerei-Kultur des Ortes dokumentiert.

Wo Anna Magnani und Rossellini sich fanden und wieder trennten

Berühmt gemacht hat Furore vor allem der italienische Neorealismus. Im Jahr 1948 wählte der Regisseur Roberto Rossellini den Fjord und die verstreuten Häuser als Kulisse für den zweiten Teil seines Films L'Amore mit Anna Magnani, die zu diesem Zeitpunkt seine Lebensgefährtin war. Auch Federico Fellini stand als Darsteller vor der Kamera. Rossellini und Magnani verliebten sich so in den Ort, dass sie zwei benachbarte monazzeni am Fjord kauften: die Villa del Dottore für Rossellini und die Villa della Storta für Magnani.

Wenige Monate später erhielt Rossellini in Furore einen Brief von Ingrid Bergman aus Hollywood, der als Beginn des Endes seiner Beziehung mit Magnani gilt. Bergman, damals einer der größten Stars des Hollywood-Kinos, hatte Rossellini geschrieben und ihre Bewunderung für seine Filme zum Ausdruck gebracht. Aus dieser Korrespondenz entwickelte sich eine der bekanntesten Liebesbeziehungen der italienischen Kinogeschichte, die Rossellini und Magnani trennte und Ingrid Bergman nach Italien brachte. Heute beherbergt die Villa della Storta ein Anna Magnani gewidmetes Museum, das sowohl die Karriere der Schauspielerin als auch die dramatische Episode in Furore dokumentiert.

Ein Dorf ohne Zentrum, mit hundert Wandmalereien

Weiter oben am Hang, weit weg vom Fjord, beginnt der andere Teil Furores, der dem Ort seinen zweiten Beinamen einbrachte: paese dipinto, bemalter Ort. Seit den 1980er-Jahren, unter dem damaligen Bürgermeister Raffaele Ferraioli, wurden die Hauswände als Leinwände genutzt. Internationale Künstler aus Italien, Deutschland, Polen und Brasilien haben rund hundert Wandmalereien geschaffen, die heute unter dem Titel Muri d'Autore zusammengefasst sind. Wer den Ort erwandert, folgt einer Art Kunstpfad im Freien.

Neben den Wandmalereien prägen im oberen Teil auch die sakralen Bauten den Ortscharakter: Aus dem 13. Jahrhundert stammt die Chiesa di Sant'Elia Profeta, in der eine Madonnendarstellung mit dem Apostel Bartholomäus zu sehen ist. Die Chiesa di San Michele Arcangelo bietet einen weiten Panoramablick auf die Küste, und die Cappella rupestre di Santa Caterina d'Alessandria ist eine Felsenkapelle im Bereich des Fjords. Rund 1.500 Treppenstufen verbinden den oberen Teil des Ortes mit dem Meer, so eine Übersicht des Portals Idealista vom August 2026. Dazu kommt eine Zipline, die den Fjord von einer Seite zur anderen quert, ein modernes Angebot in einer sonst vollkommen historischen Umgebung.

Heroische Landwirtschaft und Wein an steilen Hängen

Zwischen dem Ober-Ort und dem Meer prägen die Terrassen die Landschaft. Auf schmalen Streifen zwischen den Felsen wachsen Zitronen, Weinreben und Nussbäume, gepflegt in einer Bewirtschaftungsform, die in Italien als agricoltura eroica bezeichnet wird, heroische Landwirtschaft. Der Ausdruck spielt auf die extremen Steigungen an, die den Anbau ohne Maschineneinsatz erzwingen und eine körperliche Arbeit erfordern, die kaum noch dauerhaft geleistet werden kann.

Aus dem Weinbau der Region ist die geschützte Herkunftsbezeichnung Costa d'Amalfi Furore DOC hervorgegangen, mit einer weißen und einer roten Variante. Die Reben stehen auf den steilen Hängen mit Blick auf das Meer und profitieren vom mediterranen Klima der Küste in Kombination mit den kühlen Höhenluftströmen der Monti Lattari. Zu den zentralen Produkten der Region gehören neben dem Wein auch die Zitronen der Amalfiküste, meist der Sorte Sfusato Amalfitano, die auf den Anbauflächen von Furore wachsen.

Praktisch: Anreise und Besuchszeit

Furore liegt an der Küstenstraße SS 163 Amalfitana zwischen Amalfi und Praiano, im salernitanischen Teil Kampaniens. Nach den Informationen des Regional-Portals Authentic Amalfi Coast zu Furore erreicht man den Ort mit dem Auto aus Neapel über die A3 in Richtung Salerno mit Ausfahrt bei Castellammare di Stabia, weiter über die SS 366 nach Agerola. Aus Salerno kommend fährt man ab Vietri sul Mare direkt entlang der Küste über Amalfi Richtung Positano. Öffentlich verkehrt eine Buslinie zwischen Amalfi und Agerola, die Furore anfährt.

Wer die enge Küstenstraße zwischen Juni und September befährt, muss mit dichtem Verkehr und einem Touristenandrang rechnen, wie er auch andere Küstenregionen unter Druck setzt: Die Straße ist stellenweise nur einspurig, die Menge der Reise-Busse erzwingt eine langsame Fahrt. Als Empfehlung nennen die Regional-Portale die Übergangs-Monate April, Mai, September und Oktober, in denen die Temperaturen mild bleiben, das Meer noch für ein Bad reicht und die Küstenstraße spürbar weniger frequentiert ist. Furore selbst hat keinen eigenen zentralen Parkplatz, weshalb die Anreise mit dem Bus oder mit dem Motorrad die praktikablere Option bleibt.

Teilen:

Hat dir der Beitrag gefallen?

Dann hol dir jeden Sonntag die neuesten Beiträge über das Leben in Italien direkt ins Postfach.


Das könnte dich auch interessieren