Wer zum ersten Mal nach Castelmezzano fährt, erreicht das Dorf durch einen in den Fels geschlagenen Tunnel. Dahinter öffnet sich eine Landschaft, die mit dem klassischen Bild der Basilikata wenig zu tun hat. Zerklüftete Sandsteinnadeln ragen wie Zähne aus der Vegetation, und mittendrin klebt der Ort an der Steilwand, mit Häusern, die in die nackte Felsformation hineingebaut sind. Der Herbst ist eine der schönsten Reisezeiten hierher, weil das grelle Sommerlicht dann einer weicheren Farbstimmung weicht und die klassischen Süditalien-Ziele deutlich leerer sind.
Ein Ort zwischen Felstürmen
Castelmezzano liegt auf 750 Metern Höhe in der Provinz Potenza, im Regionalpark Gallipoli Cognato Piccole Dolomiti Lucane. Die umliegenden Gipfel sind rund 15 Millionen Jahre alt und stammen aus dem mittleren Miozän: einst am Meeresgrund abgelagerte Sandsteine, die durch Hebung und Erosion zu bizarren Felstürmen geformt wurden. Die lokale Tradition hat den Silhouetten Namen gegeben, die je nach Lichteinfall aufscheinen: Eulenschnabel, Löwenmaul, Amboss, Steinadler.
Die ersten Spuren einer Besiedlung reichen bis in das 6. und 5. Jahrhundert vor Christus zurück, als griechische Siedler im Basento-Tal Fuß fassten. Der mittelalterliche Ortskern mit seinen konzentrisch angeordneten Häusern, den steilen Treppen und den Dächern aus Sandsteinplatten verdankt seine Form der Verteidigungslage: enge Gassen, wenige Zugänge, natürliche Felswände als Schutz. Die Chiesa Madre di Santa Maria dell'Olmo aus dem 13. Jahrhundert bildet den Mittelpunkt des Dorfes, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine starke Auswanderungswelle nach Übersee erlebte und heute rund 700 Einwohner zählt. Castelmezzano gehört zum offiziellen Netzwerk der Borghi più belli d'Italia.
Volo dell'Angelo: der Engelsflug über der Schlucht
Der Grund, warum Castelmezzano seit einigen Jahren auch international auf Reiselisten steht, ist der Volo dell'Angelo. Die 2007 eingeweihte Doppel-Zipline verbindet das Nachbardorf Pietrapertosa mit Castelmezzano und lässt Passagiere in einem Klettergurt und mit dem Gesicht nach unten über die Schlucht gleiten. Zwei separate Stahlseile führen in entgegengesetzte Richtungen und sind 1.415 und 1.452 Meter lang – laut den Betreibern die längste Anlage dieser Art in Europa. Auf ihnen werden Spitzengeschwindigkeiten von rund 120 Kilometern pro Stunde erreicht, die Flugzeit liegt bei etwa 90 Sekunden.
Der Volo dell'Angelo ist in der Regel zwischen Frühling und Anfang November in Betrieb, mit gestaffelten Preisen für Einzel- und Doppelflüge sowie Kombitickets für beide Richtungen. Wer nicht selbst fliegen möchte, kann die Passagiere von den Aussichtsplattformen aus beobachten. Reservierung wird empfohlen, besonders an Wochenenden und in der Herbst-Ferienzeit.
Percorso delle Sette Pietre: der literarische Weg
Weniger spektakulär, aber atmosphärisch reicher ist der Percorso delle Sette Pietre, ein rund zwei Kilometer langer Wanderweg zwischen Castelmezzano und Pietrapertosa. Der Weg folgt einer alten Verbindung zwischen den beiden Dörfern und kombiniert drei Ebenen: eine literarische Route mit Textfragmenten aus Vito ballava con le streghe des lukanischen Autors Mimmo Sammartino, sieben Kunstinstallationen zum lokalen Volksmythos und einen landschaftlichen Pfad mit Rastplätzen.
Die Erzählung dreht sich um die masciare, die Hexen der lokalen Tradition, die mit einem geheimen Öl aus der Aushöhlung eines Olivenbaums gesalbt in der Nacht auf weißen Hunden ritten. Für den Rückweg lässt sich die Zipline nutzen, weil eine der beiden Volo-dell'Angelo-Strecken in die jeweils andere Richtung führt.
Praktisches für Reisende
Anreise: Castelmezzano liegt rund 60 Kilometer nordöstlich von Potenza und etwa 90 Kilometer westlich von Matera. Die letzten Kilometer sind kurvenreich, ein eigenes Auto oder ein Mietwagen ist praktisch alternativlos, weil die öffentlichen Anbindungen dünn sind. Vom Flughafen Bari sind es rund zwei Stunden Fahrt, vom Flughafen Neapel rund zweieinhalb.
Beste Reisezeit: Frühling und Herbst sind ideal, weil die Temperaturen mild und die Wege gut begehbar sind. Im Sommer wird es auch auf 750 Metern warm, das Klima bleibt aber wegen der Höhenlage angenehmer als in den umliegenden Tälern. Der Winter kann Schnee bringen, mit Straßensperrungen und geschlossenem Volo dell'Angelo.
Kombinationen: Castelmezzano lässt sich gut mit einem Besuch von Matera und den Sassi verbinden, weil die beiden Orte typische, aber sehr unterschiedliche Gesichter der Basilikata zeigen: die dichte, steinerne Stadt und das einsame Bergdorf. Wer die Region über mehrere Tage bereist, findet in der Weinregion Aglianico del Vulture und im weiter südlich gelegenen Papasidero am Rand des Pollino-Nationalparks an der Grenze zu Kalabrien weitere lohnende Ziele.




