Zwischen den Apenninen und der Adria liegt eine italienische Region, die oft übersehen wird. Molise erstreckt sich über 4.460 Quadratkilometer, zählt zu den am dünnsten besiedelten Regionen Italiens und ist aus einer vergleichsweise jungen politischen Entscheidung hervorgegangen. Im Jahr 1963 löste sich das Gebiet von den Abruzzen und wurde zur eigenen Region. Seitdem bleibt die Region touristisch weniger bekannt als ihre Nachbarn und hat ein eigenständiges kulturelles und landschaftliches Profil.
Zwei Provinzen, 136 Gemeinden
Die Region umfasst zwei Provinzen, Campobasso und Isernia, sowie 136 Gemeinden. Hauptstadt ist Campobasso mit knapp 47.400 Einwohnern. Isernia ist die zweite Provinzhauptstadt; die gleichnamige Provinz grenzt an Latium und Kampanien. Zwischen Berg und Meer liegen rund 90 Kilometer Luftlinie. Die Landschaft reicht von den Höhenlagen des Zentralapennins über Hügelketten bis zur schmalen Adriaküste bei Termoli.
Mainarde und der Nationalpark Abruzzen-Latium-Molise
Der westliche Teil der Region grenzt an den Nationalpark Abruzzen, Latium und Molise. Hier erheben sich die Mainarde, eine Bergkette entlang der Grenze zum Latium. Im Nationalpark leben Marsischer Braunbär, Apennin-Wolf und Rotwild. Weiter östlich bildet das Matese-Massiv die Grenze zu Kampanien. Zwischen Buchenwäldern und Karsthochebenen liegen Weideflächen, auf denen bis heute Viehwirtschaft betrieben wird. Diese Höhenlagen sind der naturräumliche Hintergrund, vor dem Molise seine wichtigste Kulturlandschaft entwickelt hat.
Transumanza und tratturi: UNESCO-Welterbe
Die transumanza, die saisonale Wanderung der Hirten mit ihren Herden zwischen Sommer- und Winterweiden, hat in Molise jahrhundertelange Tradition. Über die tratturi, breite historische Grasstraßen, zogen die Herden zwischen den Abruzzen, Molise und der apulischen Tavoliere. Im Dezember 2019 nahm die UNESCO die Transumanza in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf, als gemeinsame Nominierung Italiens, Österreichs und Griechenlands. Die wichtigsten tratturi der Region, darunter der Tratturo Magno zwischen L'Aquila und Foggia, sind heute Teil eines Wandernetzes, das Dörfer, Weiden und archäologische Stätten verbindet.

Eine historische Burganlage erhebt sich auf einem Felsvorsprung über der Hügellandschaft Molises.
Pietrabbondante und das samnitische Erbe
Lange vor den Römern war Molise Siedlungsgebiet der Samniten. Im Dorf Pietrabbondante in der Provinz Isernia liegt das wichtigste Kult- und Versammlungszentrum des Samnium Pentrum, errichtet zwischen dem späten 2. und dem frühen 1. Jahrhundert vor Christus. Das Theater mit halbkreisförmiger orchestra, steinernen Zuschauerrängen und einer 2,75 Meter hohen Bühne diente sakralen Spielen und politischen Versammlungen gleichermaßen. Oberhalb der Ränge standen zwei als Telamonen gestaltete Stützfiguren. Zu den Funden zählt eine vergoldete Bronzetafel mit oskischer Inschrift, die den Senatsbeschluss zum Bau des Komplexes dokumentiert. Direkt neben dem Theater befindet sich der Tempel B, das religiöse Zentrum der Pentri.
Agnone, Glocken und Kupfer
Im Alto Molise, dem nördlichen Teil der Region, liegt Agnone. Der Ort ist Mitglied der Bandiere arancioni des Touring Club Italiano und bekannt für ein jahrhundertealtes Handwerk: die Herstellung liturgischer Glocken. Die Pontificia Fonderia Marinelli gilt als eine der ältesten Glockengießereien der Welt und produziert nach eigenen Angaben seit dem Mittelalter Glocken für Kirchen auf der ganzen Welt, darunter für den Vatikan. Dazu kommt eine lange Tradition des Kupfer- und Zinnhandwerks, die Agnone im Volksmund den Beinamen Capitale del Rame eingetragen hat. In den Gassen des Ortes reihen sich kleine Werkstätten, in denen Kessel, Pfannen und Dekorationsstücke von Hand getrieben werden.
Küste bei Termoli und die Isole Tremiti
Der östliche Streifen Molises öffnet sich zur Adria. Termoli ist der wichtigste Hafen und Badeort, mit historischer Altstadt auf einem Felssporn über dem Fischereihafen. Südlich davon liegt Campomarino, das 2023 mit der Bandiera Blu der FEE für Wasserqualität und Strandinfrastruktur ausgezeichnet wurde. Von Termoli aus verkehren die Fähren zu den Tremiti-Inseln, die administrativ zu Apulien gehören, aber vom Molise aus am schnellsten erreichbar sind. Hinter der Küste erstrecken sich Hügel mit Olivenhainen und kleinen Weingütern, die zusammen mit den Orten Larino und San Martino in Pensilis das Bild des Basso Molise prägen.

Ein traditioneller Trabucco vor der Küste von Termoli: Die hölzerne Fischfangplattform ragt weit hinaus ins Meer.
Küche, Wein und Reisezeit
Die molisanische Küche ist bäuerlich und bergnah. Zu den Produkten mit regionaler Identität zählen der Caciocavallo di Agnone, ein spindelförmig gereifter Kuhmilchkäse, die Soppressata-Rohwurst und die Pampanella, scharf gewürztes Schweinefleisch aus dem Ofen. Beim Wein steht die Tintilia im Zentrum, eine autochthone rote Rebsorte, die als Tintilia del Molise DOC ausgebaut wird. Beste Reisezeit sind die Monate Mai bis Oktober. Die Anreise erfolgt am schnellsten über die Autobahn A14, die Bologna, Pescara und Termoli verbindet, oder über die A1 aus Rom und Neapel bis Caianello und weiter auf der Staatsstraße SS 85. Zugverbindungen gibt es über Pescara nach Termoli an der Küste und über Benevento nach Campobasso im Inneren.




