Kalabrien bildet die Stiefelspitze Italiens und hängt am Monte-Pollino-Massiv, das die Region im Norden mit dem Rest der Halbinsel verbindet. Rundherum liegen zwei Meere: an der Westküste das Tyrrhenische, an der Ostküste das Ionische. Dazwischen spannt sich ein Land, in dem Berge und Küste nie weit auseinanderliegen. 42 Prozent der Fläche sind Gebirge, 49 Prozent Hügelland, nur neun Prozent flache Ebene.
Mit 716 Kilometern Küstenlinie, drei Nationalparks und Bergmassiven, die bis knapp 2.000 Meter aufsteigen, verdichtet Kalabrien eine außergewöhnliche Bandbreite an Landschaftsformen auf engem Raum. Dazu kommen Spuren der Magna Graecia, byzantinischer Klöster und normannischer Festungen. Trotzdem bleibt Kalabrien im nationalen Vergleich touristisch weniger überlaufen als Toskana, Amalfiküste oder Sardinien. Genau das macht die Region für alle attraktiv, die Südeuropa jenseits der klassischen Reiserouten suchen.
Fünf Provinzen und ein uneinheitliches Land
Kalabrien ist in fünf Provinzen gegliedert: Catanzaro als Regionalhauptstadt, dazu Cosenza im Norden, Crotone am Ionischen Meer, Vibo Valentia an der Costa degli Dei und Reggio Calabria an der Südspitze gegenüber Messina. Die Topografie prägt alles: Städte liegen entweder in schmalen Küstenstreifen oder auf Hügelrücken im Hinterland. Dazwischen durchquert die Autobahn A2 „del Mediterraneo" von Nord nach Süd die ganze Region, mit vielen Tunneln und Viadukten.
Die Infrastruktur verbessert sich seit Jahren, bleibt aber in weiten Teilen einfach. Wer Kalabrien bereist, sollte sich auf viele Kilometer Landstraße einstellen und auf eine Verkehrskultur, die etwas Geduld verlangt.
Zwei Meere, viele Küsten
Die kalabrische Küste besitzt eine erstaunliche Vielfalt. Auf der tyrrhenischen Seite liegt die bekannteste Strandregion Kalabriens: die Costa degli Dei oder Küste der Götter, zwischen Pizzo Calabro und Nicotera. Hier konzentrieren sich die bekannten Orte Tropea, Capo Vaticano und Briatico mit türkisfarbenem Wasser, hellen Sandstränden und steilen Felskaps. Tropea wurde 2021 zum Borgo dei Borghi gewählt und ist mit der Kirche Santa Maria dell'Isola, die auf einem von Meer umspülten Felsvorsprung thront, zum visuellen Wahrzeichen Kalabriens geworden.
Südlich der Costa degli Dei liegt die Costa Viola rund um Scilla und Palmi mit ihren steil zum Meer abfallenden Hängen. Nördlich erstreckt sich bis zur Grenze von Basilikata die Riviera dei Cedri, benannt nach dem Zitronatzitronen-Anbau. Auf der ionischen Seite dominiert die Costa dei Gelsomini, die Jasminküste, im Süden sowie der Golf von Squillace in der Mitte und der nordöstliche Übergang zum Golf von Tarent. Die ionische Küste ist flacher, weniger spektakulär, dafür ruhiger und oft deutlich günstiger.

Steile Felsen fallen am Capo Vaticano direkt ins türkisfarbene Meer, zwischen den Klippen öffnen sich kleine Buchten mit hellem Sand. Der Küstenabschnitt gilt als eines der spektakulärsten Panoramen Kalabriens und markiert die südliche Spitze der Costa degli Dei.
Pollino, Sila und Aspromonte
Kalabrien ist nicht nur Küste, sondern auch Bergland. Drei Nationalparks verteilen sich vom Norden bis zum Süden der Region, zusammen prägen sie das Innere Kalabriens stärker als jede Küste.
Der Parco Nazionale del Pollino ist der größte Nationalpark Italiens. Er erstreckt sich über die Regionen Kalabrien und Basilikata und umfasst das Pollino-Massiv sowie die Monti dell'Orsomarso. Die UNESCO hat ihn als Global Geopark anerkannt. Zum Wander- und Rafting-Revier wird der Park unter anderem rund um Papasidero mit der prähistorischen Grotta del Romito und dem Fluss Lao.
Die Sila im geografischen Zentrum der Region wird oft als Italiens großer Wald bezeichnet. Der Parco Nazionale della Sila umfasst das Hochplateau Sila Grande, Bergseen wie den Lago Arvo sowie dichte Pinien- und Buchenwälder. Höchster Punkt ist der Monte Botte Donato mit 1.928 Metern. Von der Sila kommt die Patata della Sila IGP, die zur Grundlage vieler regionaler Gerichte zählt.
Der Aspromonte-Nationalpark umfasst den südlichsten Zipfel Kalabriens im Hinterland von Reggio Calabria. Er fasziniert mit Granitformationen wie der Pietra Cappa und mit abgelegenen Bergdörfern, in denen heute noch Grecanico gesprochen wird, ein griechischer Dialekt aus der Zeit der Magna Graecia. Der Parco Nazionale dell'Aspromonte steigt am Montalto bis auf 1.956 Meter an. Von dort fällt der Blick an klaren Tagen zugleich auf das Tyrrhenische und das Ionische Meer.
Reggio Calabria und die Bronzi di Riace
Die südlichste Provinzhauptstadt des italienischen Festlands liegt an der Straße von Messina und blickt direkt auf Sizilien. Reggio Calabria beherbergt das wichtigste Museum der Region, das Museo Archeologico Nazionale mit seiner Magna-Grecia-Sammlung. Dort stehen die weltberühmten Bronzi di Riace, zwei lebensgroße Bronzestatuen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus, die 1972 vor der Küste von Riace Marina im Meer gefunden wurden.
Die Via Marina, die Küstenpromenade der Stadt, hat der italienische Dichter Gabriele D'Annunzio als den schönsten Kilometer Italiens beschrieben. Bei guter Sicht ist von hier aus der Ätna auf Sizilien zu erkennen. Reggio Calabria ist zudem das Herz des Bergamotto-Anbaus.

Dicht bewaldete Hänge, soweit der Blick reicht: Die Monti dell'Orsomarso gehören zu den ursprünglichsten Landschaften Kalabriens. Weit abseits der Küste bieten sie Wandergebiete, die auch im Hochsommer kühl und schattig bleiben.
Nduja, Bergamotto und Cipolla di Tropea
Die kalabrische Küche basiert auf wenigen, aber starken Zutaten. Peperoncino ist der prägende Geschmack: Die scharfen Chilischoten finden sich in nahezu jedem Gericht, oft als Pulver, als eingelegtes Gemüse oder verarbeitet in der wohl bekanntesten Spezialität der Region.
Die Nduja stammt ursprünglich aus Spilinga, einem Dorf im Hinterland der Costa degli Dei. Sie ist eine streichfähige, scharfe Schweinefleischwurst mit einem hohen Anteil an Peperoncino. Traditionell wird sie auf geröstetem Brot gegessen, mittlerweile landet sie auch in Pastagerichten und als Pizzabelag.
Die Cipolla Rossa di Tropea IGP wächst ausschließlich in der Region um Tropea und Capo Vaticano. Ihre torpedoförmigen Zwiebeln sind süßlich-mild und gelten als eines der Aushängeschilder der kalabrischen Landwirtschaft. Noch typischer für die Region ist der Bergamotto di Reggio Calabria DOP. Die DOP-Anerkennung bezieht sich auf das ätherische Öl, das aus den Früchten gewonnen wird. Angebaut wird die Zitrusfrucht fast ausschließlich in der Provinz Reggio Calabria, und Kalabrien ist der weltweit größte Produzent dieser Essenz für Parfümerie, Likörherstellung und Küche.
Weitere regionale Spezialitäten sind die Liquirizia di Calabria DOP, der Pecorino del Poro, die Fileja-Pasta und der Tartufo di Pizzo, ein Eis-Dessert aus Pizzo Calabro. Auch beim Olivenöl ist Kalabrien eine Großmacht: Rund ein Viertel der italienischen Produktion stammt aus der Region.
Cirò und die Weine aus Gaglioppo-Trauben
Kalabrien hat keine DOCG-Weine, dafür aber mehrere DOC- und IGT-Appellationen. Die wichtigste ist Cirò DOC, 1969 als älteste DOC der Region eingetragen. Cirò-Rotweine werden zu mindestens 95 Prozent aus der autochthonen Gaglioppo-Traube gekeltert, Weißweine zu mindestens 90 Prozent aus Greco Bianco. Beide Rebsorten sind griechischen Ursprungs und reichen bis in die Zeit der Magna Graecia zurück, als die Region unter dem Namen Enotria als Land des Weins bekannt war.
Weitere nennenswerte DOC-Zonen sind Melissa, Lamezia, Savuto, Scavigna, Terre di Cosenza und Greco di Bianco. Letztere Appellation steht für einen seltenen, aus getrockneten Trauben gewonnenen Süßwein.

Am Hafen von Briatico steht einer der historischen Wachtürme, mit denen die Küste Kalabriens einst gegen Piraten gesichert wurde. Heute ist der Ort ein ruhiges Küstenziel an der Costa degli Dei, nur wenige Kilometer von Tropea entfernt.
Dörfer, Normannen und Byzantiner
Kalabrien ist auch das Land der Bergdörfer. Pentedattilo klebt an einem fünfzackigen Felsen im Aspromonte und war jahrzehntelang verlassen, bevor es langsam wiederbesiedelt und zum Ziel von Kulturprojekten wurde. Gerace, ebenfalls im Aspromonte-Gebiet, bewahrt eine mittelalterliche Altstadt mit normannischem Dom und byzantinischen Kirchen. Stilo im nördlichen Aspromonte-Vorland ist bekannt für die Cattolica, eine kleine byzantinische Kirche aus dem 10. Jahrhundert, die zu den besterhaltenen ihrer Art in Italien zählt.
Im Pollino-Gebiet finden sich die Arbereshe-Dörfer, Gemeinden mit albanischem Ursprung, in denen bis heute Arbereshe gesprochen wird und orthodoxe Riten gepflegt werden. Civita gilt als eines der schönsten dieser Dörfer. Diese sprachlich-kulturellen Enklaven zeugen von Jahrhunderten mediterraner Migration und Mischung, die Kalabrien geprägt haben.
Reisezeit und Anreise
Die klassische Badesaison in Kalabrien reicht von Mai bis September, mit Höhepunkt im August. Dann sind Küstenorte wie Tropea, Pizzo und Scalea häufig ausgebucht. Deutlich entspannter wird es im Herbst, wenn das Wasser noch warm, die Hotels aber günstiger und die Strände leerer sind.
Hauptflughafen ist Lamezia Terme im geografischen Zentrum der Region, mit Direktverbindungen von Ryanair und weiteren Fluggesellschaften aus mehreren europäischen Städten. Der Flughafen Reggio Calabria ist kleiner, bedient aber ebenfalls regelmäßige Verbindungen. Wer aus dem Norden anreist, kann die Tyrrhenische Linie der Bahn bis Reggio Calabria nutzen, muss aber mehrere Stunden Fahrzeit einplanen.
Wer Kalabrien ohne den Trubel der Hauptsaison erleben will, ist von April bis Juni und von September bis Oktober am besten dran. Dann zeigt sich die Region von ihrer entspanntesten Seite: Küsten sind erreichbar, Berge wanderfreundlich und die Küche vielleicht am ehrlichsten.




