Drei Tage waren wir anlässlich der TTG Travel Experience in Rimini unterwegs. Zahlreiche Gespräche, neue Kontakte und viele Eindrücke lagen hinter uns. Am Freitag stand schließlich die Rückfahrt nach Pozzuoli auf dem Programm. Doch bevor wir uns auf die lange Strecke Richtung Süden machten, wollten wir noch einen kleinen Abstecher unternehmen. Unser Ziel: San Marino. Von Rimini aus sind es mit dem Auto gerade einmal rund 40 Minuten bis zu dem kleinen Staat, der vollständig von Italien umgeben ist.
Ich muss zugeben, dass ich mich im Vorfeld kaum mit San Marino beschäftigt hatte. Natürlich wusste ich, dass es sich um einen der kleinsten Staaten Europas handelt und dass seine historische Altstadt auf einer Anhöhe liegt. Was uns dort tatsächlich erwartete, hatte ich allerdings deutlich unterschätzt.
Ein eigener Staat mitten in Italien
Schon bei der Anfahrt wurde deutlich, dass San Marino geografisch weit interessanter ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Denn die historische Hauptstadt liegt nicht einfach auf einem Hügel, sondern am mächtigen Monte Titano, der sich bis auf 739 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Der Berg dominiert die Landschaft und ist bereits aus einiger Entfernung gut zu erkennen. Rund um den Monte Titano erstrecken sich die übrigen Siedlungsgebiete des kleinen Staates. Während sich die historische Altstadt hoch oben an den Berghang schmiegt, liegen weiter unten moderne Wohnviertel, Geschäfte, Gewerbegebiete und Straßen. Dieser Gegensatz zwischen mittelalterlicher Architektur und modernem Alltag macht einen besonderen Reiz San Marinos aus.

Svitlana unter der Flagge San Marinos vor dem weiten Blick über die Landschaft. Im Staatswappen sind die drei Türme des Kleinstaats und der Wahlspruch „Libertas“ zu sehen.
Mit einer Fläche von rund 61 Quadratkilometern und etwa 34.000 Einwohnern gehört die Republik zu den kleinsten Staaten der Welt. San Marino ist weder Mitglied der Europäischen Union noch Teil Italiens, verwendet aber den Euro und unterhält enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen zu seinem großen Nachbarn. Eine klassische Grenzkontrolle gibt es bei der Einreise aus Italien nicht. Wir konnten mit unserem Auto einfach weiterfahren. Erst die Beschilderung und die Umgebung machten deutlich, dass wir uns inzwischen in einem anderen Land befanden.
Mit dem Aufzug hinauf in die Altstadt
Eine der angenehmen Überraschungen unseres Besuchs war die Parksituation. Wer San Marino mit dem Auto besucht, könnte zunächst vermuten, dass die steile Lage der Altstadt die Anreise etwas kompliziert macht. Tatsächlich ist die touristische Infrastruktur aber ausgesprochen gut organisiert. Wir fanden direkt am Berghang ein Parkhaus, das erfreulich preiswert war. Von dort aus mussten wir den steilen Aufstieg zur historischen Altstadt nicht zu Fuß bewältigen. Mehrere öffentliche Aufzüge verbinden die verschiedenen Ebenen miteinander und bringen Besucher bequem nach oben. Die Benutzung war kostenlos.
Oben angekommen, eröffnet sich eine völlig andere Welt. Enge Gassen, mittelalterliche Steinhäuser, kleine Plätze und historische Gebäude bestimmen das Bild. Die Altstadt wirkt wie eine eigene kleine Stadt hoch über der umliegenden Landschaft, obwohl sich unterhalb des Berges längst das moderne San Marino ausbreitet. Auffällig war außerdem, wie viele deutsche Touristen unterwegs waren. Damit hatten wir nicht gerechnet. In den Gassen und auf den Aussichtspunkten hörten wir immer wieder Deutsch. San Marino scheint gerade bei deutschen Italienurlaubern ein beliebtes Ausflugsziel zu sein.
Eine Republik mit mehr als 1.700 Jahren Geschichte
Die Geschichte San Marinos ist bemerkenswert. Der Überlieferung nach wurde die Republik im Jahr 301 nach Christus vom christlichen Steinmetz Marinus gegründet, der von der dalmatinischen Insel Rab stammte und auf dem Monte Titano Zuflucht vor religiöser Verfolgung gesucht haben soll. Aus einer kleinen christlichen Gemeinschaft entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte ein eigenständiges Gemeinwesen. San Marino beruft sich deshalb auf den Status der ältesten noch bestehenden Republik der Welt. Die historische Überlieferung lässt sich für die Frühzeit zwar nicht vollständig belegen, die lange Tradition politischer Eigenständigkeit ist jedoch unbestritten.
Besonders erstaunlich ist, dass es dem kleinen Staat gelang, seine Unabhängigkeit über viele Jahrhunderte zu bewahren. Während sich auf der italienischen Halbinsel Herrschaftsgebiete veränderten, Königreiche entstanden und wieder verschwanden, behauptete San Marino seine Eigenständigkeit. Selbst die italienische Einigung im 19. Jahrhundert überstand die Republik als unabhängiger Staat. Giuseppe Garibaldi, einer der wichtigsten Protagonisten der italienischen Einigungsbewegung, fand 1849 zeitweise Zuflucht in San Marino.
Bis heute besitzt die Republik eine eigene Verfassungstradition, ein Parlament, eine Regierung und zwei Staatsoberhäupter. Die sogenannten Capitani Reggenti werden jeweils für sechs Monate gewählt. Dieses ungewöhnliche System soll verhindern, dass sich zu viel politische Macht in den Händen einer einzelnen Person konzentriert.

Vom historischen Zentrum San Marinos auf dem Monte Titano fällt der Blick hinunter auf Borgo Maggiore. Die Dächer des Ortes gehen in die weitläufige Hügellandschaft über, die sich bis zum Horizont erstreckt.
Zwischen Regierungspalast und bewaffneten Uniformierten
Beim Spaziergang durch die Altstadt wird einem immer wieder bewusst, dass man sich tatsächlich in einem souveränen Staat befindet. Zwischen Souvenirgeschäften, Cafés und mittelalterlichen Gebäuden liegen Ministerien, Verwaltungsstellen und andere staatliche Einrichtungen. Besonders eindrucksvoll ist der Palazzo Pubblico an der Piazza della Libertà. Das neugotische Gebäude aus dem späten 19. Jahrhundert ist der Regierungspalast der Republik und Sitz wichtiger staatlicher Institutionen. Hier finden unter anderem offizielle Zeremonien und politische Veranstaltungen statt.
Vor und rund um die staatlichen Gebäude begegnet man uniformierten Sicherheitskräften, teilweise auch bewaffnet. Das ist zunächst ein ungewohnter Anblick, wenn man gerade noch durch eine touristisch geprägte Altstadt geschlendert ist. Gleichzeitig wirkt das alles erstaunlich selbstverständlich. San Marino präsentiert sich nicht wie ein künstlich inszeniertes Freilichtmuseum, sondern wie das, was es tatsächlich ist: ein eigenständiger Staat mit funktionierenden Institutionen, einer langen Geschichte und einem ausgeprägten Bewusstsein für seine Unabhängigkeit. Gerade dieser Gegensatz hat mich fasziniert. Auf wenigen Hundert Metern begegnet man mittelalterlicher Geschichte, internationalem Tourismus und dem politischen Alltag eines souveränen Landes.
Drei Festungstürme über der Landschaft
Zu den bekanntesten Wahrzeichen San Marinos gehören die drei Türme auf dem Monte Titano. Sie prägen die Silhouette des Berges und sind auch auf dem Staatswappen zu sehen. Die älteste und bekannteste Festung ist die Guaita, die bereits im Mittelalter als Verteidigungsanlage diente. Der zweite Turm, die Cesta, befindet sich auf dem höchsten Gipfel des Monte Titano und beherbergt heute ein Museum mit historischen Waffen. Der dritte Turm, Montale, steht etwas abseits und ist kleiner als die beiden anderen.
Die Festungsanlagen erinnern daran, dass San Marinos geografische Lage über Jahrhunderte einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit leistete. Der steile Berg bot natürlichen Schutz, während die Befestigungen die Zugänge zur Stadt sicherten. Seit 2008 gehören die historische Altstadt von San Marino und der Monte Titano zum UNESCO-Weltkulturerbe. Gewürdigt wird insbesondere die außergewöhnliche Kontinuität einer unabhängigen Republik, deren politisches und städtisches Erbe bis heute erhalten geblieben ist.
Auch die Basilika di San Marino gehört zu den bedeutenden Bauwerken der Altstadt. Das klassizistische Gotteshaus aus dem 19. Jahrhundert ist dem Staatsgründer Marinus gewidmet und zählt zu den wichtigsten religiösen Orten der Republik.
Ein spektakulärer Blick bis zur Adria
Was mir von unserem Besuch besonders in Erinnerung bleiben wird, ist die Aussicht. Von den zahlreichen Aussichtspunkten der Altstadt blickt man weit über die Landschaft der Emilia-Romagna und die umliegenden Hügel. Bei entsprechender Sicht lässt sich sogar die Adriaküste erkennen. Die Dimensionen dieser Aussicht hatte ich nicht erwartet. Man steht hoch oben auf dem Monte Titano, unter sich die Dächer und Straßen, dahinter eine weite Landschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt. Allein dafür lohnt sich der Weg nach San Marino.
Ein weiteres kleines Detail ist uns ebenfalls positiv aufgefallen: In der Altstadt steht Besuchern kostenloses öffentliches WLAN zur Verfügung. Das mag zunächst nebensächlich erscheinen, ist aber gerade für internationale Gäste durchaus praktisch.
San Marino als Ausflugsziel von Rimini
Wer seinen Urlaub an der Adriaküste verbringt, kann San Marino problemlos als Tagesausflug einplanen. Von Rimini aus beträgt die Fahrzeit mit dem Auto je nach Ausgangspunkt und Verkehr ungefähr 30 bis 45 Minuten. Auch ohne eigenes Fahrzeug ist die Republik erreichbar. Zwischen Rimini und San Marino verkehren regelmäßig Busse. Für Besucher, die mit dem Auto anreisen, stehen mehrere Parkplätze und Parkhäuser zur Verfügung. Neben den öffentlichen Aufzügen gibt es außerdem eine Seilbahn, die den tiefer gelegenen Ort Borgo Maggiore mit der historischen Hauptstadt verbindet. Anders als die von uns genutzten Aufzüge ist diese allerdings kostenpflichtig.
Für einen Spaziergang durch die Altstadt, einige Aussichtspunkte und einen ersten Eindruck von San Marino reichen bereits wenige Stunden. Wer die Festungstürme, Museen und historischen Gebäude ausführlicher besichtigen möchte, sollte entsprechend mehr Zeit einplanen.

Svitlana in der Via Basilicius, einer Gasse im historischen Zentrum von San Marino. Zwischen den Natursteinhäusern reihen sich Restaurants und kleine Geschäfte aneinander.
Zum Abschluss noch günstig getankt
Eine kleine Überraschung hielt San Marino für uns übrigens auch noch bei der Rückfahrt bereit. Als wir den Monte Titano wieder hinunterfuhren, mussten wir noch tanken. Und da kam uns der Gedanke: Wenn wir schon einmal in San Marino sind, warum nicht gleich hier? Tatsächlich entdeckten wir eine Tankstelle, an der der Liter Benzin für gerade einmal 1,76 Euro angeboten wurde. Das lag deutlich unter den rund 1,99 Euro, die wir zu dieser Zeit an vielen italienischen Tankstellen gesehen hatten. Von den Benzinpreisen in Deutschland ganz zu schweigen.
So wurde unser spontaner Ausflug nach San Marino nicht nur zu einer interessanten Entdeckung, sondern bescherte uns zum Abschluss auch noch eine erfreulich günstige Tankfüllung.
Ein kleiner Umweg, der sich gelohnt hat
Für uns war San Marino ein spontaner Zwischenstopp auf der Rückfahrt von Rimini nach Pozzuoli. Wir hatten keine großen Erwartungen und auch kein umfangreiches Besichtigungsprogramm vorbereitet. Vielleicht war gerade das der Grund, weshalb mich dieser kleine Staat so positiv überrascht hat. Ich hatte mit einer hübschen historischen Altstadt auf einem Hügel gerechnet. Stattdessen fanden wir eine eindrucksvolle Berglandschaft, spektakuläre Aussichten und eine Republik, deren Geschichte und politische Eigenständigkeit ausgesprochen ungewöhnlich sind.
San Marino ist weit mehr als eine touristische Sehenswürdigkeit in der Nähe von Rimini. Es ist ein Land mit eigener Identität, eigenen Institutionen und einer Geschichte, die bis in die Spätantike zurückreicht. Nach unserem Rundgang und dem Tankstopp ging es schließlich endgültig zurück auf die Autobahn Richtung Pozzuoli. Der Abstecher hatte unsere ohnehin lange Rückreise zwar etwas verlängert, aber das war es wert. San Marino gehört für mich zu den überraschendsten Entdeckungen unserer bisherigen Reisen durch Italien.












